Versöhnungserklärung zwischen Katholiken und Orthodoxen
Die Russische Orthodoxe Kirche und die römisch-katholische Kirche in Polen haben in einer gemeinsamen Erklärung zur Versöhnung beider Völker aufgerufen.
In einer feierlichen Zeremonie unterzeichneten Patriarch Kirill und der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Józef Michalik von Przemyśl, am 17. August im Großen Ballsaal im Warschauer Königsschloss eine als historisch einzustufende «Gemeinsame Erklärung an die Völker Russlands und Polens». Darin heißt es: «Wir rufen unsere Gläubigen auf, um die Vergebung des Leids, der Ungerechtigkeiten und alles Bösen zu bitten, das einander zugefügt wurde.» Das sei der «erste und wichtigste Schritt zur Wiederherstellung von gegenseitigem Vertrauen», ohne den es keine «vollständige Versöhnung» gebe.Historisch belastetes Verhältnis
Die Unterzeichnung des gemeinsamen Versöhnungsappells war zweifelsohne der Höhepunkt des viertätigen Besuchs von Patriarch Kirill vom 16. bis 19. August in Polen, der einer Einladung des Oberhaupts der Polnischen Orthodoxen Kirche, Metropolit Sawa (Hrycuniak) von Warschau, gefolgt war. Die Reise war mit großer Spannung erwartet worden, war es doch das erste Mal, dass ein Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche das mehrheitlich katholisch geprägte Polen besuchte.
Zudem gelten die russisch-polnischen Beziehungen durch mehrere historische Konflikte als belastet: Auf polnischer Seite wird dabei vor allem an die Rolle der Sowjetunion zu Beginn des Zweiten Weltkriegs und die Ermordung von mehr als 20 000 polnischen Kriegsgefangenen im Frühjahr 1940 durch den sowjetischen Geheimdienst in der Gegend von Katyn erinnert (s. RGOW 9/2011, S. 19-21). Außerdem hatten sowjetische Truppen Polen 1944/45 zwar von den deutschen Besatzern befreit, dem Land aber gleichzeitig ein moskautreues Regime aufge- zwungen. Russische Historiker machen wiederum Warschau für den Tod Tausender sowjetischer Kriegsgefangener während des polnisch-sowjetischen Kriegs von 1920 verantwortlich und verweisen auf die Verfolgungen der orthodoxen Kirche im Polen der Zwischenkriegszeit (s. G2W 3/2009, S. 12-13).
Mit der Einrichtung einer gemeinsamen Dialogkommission Anfang 2010 beschlossen die katholische Kirche in Polen und die Russische Orthodoxe Kirche zur Verständigung zwischen den beiden Völkern beizutragen (s. G2W 4/2010, S. 6). Bereits im Juli hatte Patriarch Kirill in Katyn, wo neben den polnischen Kriegsgefangenen auch mehrere Tausend Sowjetbürger in den 1930er Jahren hingerichtet worden waren, eine neue orthodoxe Kirche eingeweiht, in der an die Opfer erinnert werden soll. Dabei bezeichnete der Patriarch Katyn als «Ort einer gemeinsamen Tragödie für Russland und Polen»: «Katyn ist ein gemeinsames Grab von Russen und Polen, ein Ort geteilten Leids und gemeinsamer tiefer Gefühle. Nichts bringt die Menschen einander näher als gemeinsames Leid, wenn es als gemeinsam verstanden wird.»
Mag es aus russischer Sicht verständlich erscheinen, Russen und Polen als gemeinsame Opfer des Stalinismus zu sehen, so erwarten dennoch viele Polen eine russische Entschuldigung für die Verbrechen an Polen. Bereits im Vorfeld zur jetzigen Versöhnungserklärung hatte jedoch der emeritierte Gnesener Erzbi- schof Henryk Muszyński darauf hingewiesen, dass die Erklärung – im Gegensatz zum Vorbild des historischen Briefwechsels zwischen polnischem und deutschem Episkopat von 1965 («Wir vergeben und bitten um Vergebung», s. G2W 3/2009, S. 18-20) – kein konkretes Schuldeingeständnis enthalte, «weil wir das in dieser Etappe noch nicht erreicht haben». Und Patriarch Kirill warnte in seiner Ansprache nach der Unterzeichnung der Erklärung davor, «Schuldige» zu benennen. Es führe zu «Missverständnissen und Misstrauen», wenn «wir in unseren Beziehungen mit unserem Umfeld nach Schuldigen suchen». Das russische Parlament hat allerdings die sowjetische Verantwortung für das Verbrechen in Katyn am 26. November 2010 klar aner- kannt (s. G2W 2/2011, S. 6).
Gemeinsame Erfahrungen und Herausforderungen
Im Mittelpunkt der Versöhnungserklärung steht daher das Gedenken an das gemeinsame Leiden unter den totalitären Regimen im 20. Jahrhundert, das Polen und Russen verbinde: «Das polnische und russische Volk verbindet die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs und die Zeit der Repressionen durch totalitäre Regimes. Diese Regimes, die von einer atheistischen Ideologie angetrieben wurden, bekämpften alle Formen der Religiosität und führten einen besonders grausamen Krieg gegen das Christentum und unsere Kirchen.» Die Bitte um Vergebung sei der erste und wichtigste Schritt, um gegenseitiges Vertrauen wiederherzustellen. Vergebung bedeute nicht Vergessen, heiße jedoch, «Rache und Hass zu entsagen, sich an der Schaffung von Eintracht und Brüderlichkeit zwischen den Menschen, unseren Völkern und Ländern, zu beteiligen».
Die schwierigen und tragischen Abschnitte der russisch-polnischen Geschichte, die «manchmal Vorwürfe und gegenseitige Anschuldigungen hervorriefen, die die alten Wunden nicht heilen lassen», müssten von Historikern beider Seiten aufgearbeitet werden: «Wir sind davon überzeugt, dass ihre Anstrengungen dabei helfen werden, die unverfälschte historische Wahrheit kennenzulernen, Zweifel zu klären und negative Stereotype zu überwinden. Wir sind davon überzeugt, dass eine dauerhafte Versöhnung als Fundament einer friedlichen Zu- kunft nur auf der Basis der vollen Wahrheit über unsere gemein- same Vergangenheit möglich ist.»
Als aktuelle Herausforderungen geht die Erklärung auf die Verkündigung des Evangeliums in einem zunehmend säkularen Umfeld und auf die Verteidigung christlicher Werte in der heutigen Zeit ein. Abtreibung, aktive Sterbehilfe und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften verstießen gegen die Zehn Gebote, heißt es ausdrücklich. Beide Kirchen kritisieren zudem einen konsumorientierten Lebensstil und die Verbannung religiöser Symbole aus dem öffentlichen Raum: «Nicht selten erleben wir sogar offene Feindschaft gegen Christus, sein Evangelium und das Kreuz, und auch Versuche, die Kirche aus dem öffentlichen Leben auszuschließen. Eine falsch verstandene Laizität nimmt die Form des Fundamentalismus an, und in Wirklichkeit ist sie eine der Formen des Atheismus.»
Pathetisch heißt es fast am Ende der Erklärung: «Möge er [d.h. der auferstandene Christus] mit seiner Gnade dafür sorgen, dass jeder Pole in jedem Russen und jeder Russe in jedem Polen einen Freund und Bruder sieht.»
Der Versöhnungsaufruf der Kirchen ist von der polnischen Öffentlichkeit mehrheitlich positiv aufgenommen worden. Manche Tages- und Kirchenzeitungen druckten das Dokument ganzseitig ab. Auf Beschluss der Polnischen Bischofkonferenz wurde der Versöhnungsappell zudem am 9. September landesweit in allen Kirchen verlesen.
www.patriarchia.ru, 17. August; KNA-ÖKI, 16. Juli, 13., 20. August; Kathpress, 16.-19., 26. August – O.S.