
Förderung der Medizin: Mobile medizinische Grundversorgung im Krieg
Regula Spalinger im Gespräch mit Oleg Ovechko und Svitlana Altherr
Die ukrainische Stiftung „Förderung der Medizin“ steht vulnerablen Bevölkerungsgruppen in den ländlichen Gebieten der Zentralukraine mit kostenloser medizinischer Unterstützung zur Seite. Die NGO unterstützt mit mobilen ärztlichen Teams sowie zwei ambulanten Zentren in Kyjiw jährlich etwa 80000 Patienten. Besondere Aufmerksamkeit richtet „Förderung der Medizin“ auf die Prävention, Früherkennung und Behandlung von Augenerkrankungen, die seit Kriegsausbruch zu einem immer größeren Problem geworden sind.
2026 feiert „Förderung der Medizin“ Jubiläum. Vor 30 Jahren wurde die Stiftung gegründet. Welche Rolle nimmt die NGO heute innerhalb der Gesundheitsversorgung der Ukraine ein?
Oleg Ovechko: Unsere Stiftung die einzige humanitäre Organisation in der Ukraine, die über eine staatliche Lizenz zur Erbringung medizinischer Dienstleistungen verfügt und einer strengen staatlichen Regulierung unterliegt. Aufgrund der jahrzehntelangen gewachsenen Zusammenarbeit mit regionalen Krankenhäusern und Partnern können wir auch während des Kriegs gespendete medizinische Hilfsgüter rasch in verschiedene Gebiete der Ukraine transportieren. Neben dieser koordinierenden Rolle sind wir auch direkt in der Gesundheitsversorgung tätig, wobei wir vor allem vulnerable Gruppen im Blick haben. Dazu zählen Binnenflüchtlinge, ältere Menschen und Kinder sowie verwundete Veteranen und Zivilisten. Unsere mobilen ärztlichen Teams besuchen zweimal pro Jahr verschiedene ländliche Regionen, in denen es praktisch keine hausärztliche Versorgung mehr gibt. In Dörfern mit 300 Einwohnern kommt mindestens ein Drittel bis zur Hälfte der Bevölkerung zur Untersuchung. Kürzlich waren wir im Dorf Lukaschiwka (Oblast Tschernihiw) mit 96 Einwohnern; zu den Untersuchungen kamen 77 Personen. Dies zeigt das Vertrauen auf, das uns entgegengebracht wird, und den Ruf, den wir als medizinische Hilfsorganisation genießen. Ergänzt werden diese Untersuchungen vor Ort durch zwei stationäre Einrichtungen im Gebiet und in der Stadt Kyjiw, in die bedürftige Menschen bei Bedarf zur weiteren Behandlung kommen können.
Welche Regionen versorgen die mobilen ärztlichen Teams?
Mit unseren mobilen medizinischen Teams fahren wir regelmäßig in die ländlichen Gebiete der Oblaste Tschernihiw, Schytomyr, Kyjiw, Tscherkassy, teils Winnyzja sowie Sumy. Tschernihiw und Sumy grenzen an Russland und sind somit Frontregionen. Die Teams umfassen immer verschiedene Spezialist:innen: zwei Zahnärzte, drei Augenärzte, je eine Fachärztin und einen Facharzt für Chirurgie und für Allgemeinmedizin sowie eine Kinderärztin. Dazu kommen Assistenten, nach Bedarf weitere Fachärzte und die Fahrer. Je nachdem, ob die Teams einen oder mehrere Tage unterwegs sind, und wie viele Patienten vor Ort erwartet werden, besteht unser Konvoi aus zwei bis vier Bussen. In einem Bus ist seit letztem Jahr eine mobile Zahnarztpraxis eingerichtet, gespendet von einem niederländisch-ukrainischen Partnerhilfswerk. Alle prophylaktischen Untersuchungen finden in den Örtlichkeiten statt, die uns von der lokalen Gemeinde zur Verfügung gestellt wird. Im ausgerüsteten Bus können Röntgenaufnahmen gemacht und zahnärztliche Behandlungen durchgeführt werden. Ich selbst nehme durchschnittlich an 12 bis 14 Tagen im Monat an Einsätzen der mobilen Teams teil, unter anderem als Fahrer der Busse. Unser Ziel ist es, Erkrankungen in einem möglichst frühen Stadium zu erkennen, um die Heilungschancen der betroffenen Menschen zu erhöhen.
Wie setzt sich Ihr medizinisches Team zusammen?
Zurzeit sind bei uns sechs Ärztinnen und Ärzte fest angestellt. 235 freiwillige medizinische und weitere Fachpersonen machen unsere übrige Belegschaft aus. Dazu zählen mehrere Klinikleiter, Fachärzte und Pflegepersonal. Sie sind hochmotiviert, weil sie wissen, dass „Förderung der Medizin“ tagtäglich ungeachtet von Luftalarm und Bombardierungen zu jenen Menschen ausrückt, die medizinische Hilfe dringend benötigen. Wir haben freiwillige Mitarbeitende, mit denen wir schon seit Jahrzehnten zusammenarbeiten. Pro Jahr kommen zwei bis drei neue Freiwillige hinzu.
Über Partnerorganisationen sind Sie in sämtlichen Gebieten der Ukraine tätig. Wie verläuft die Zusammenarbeit?
Wir verfolgen in allen Gebieten der Ukraine einen kooperativen Ansatz. Eines unserer Arbeitsprinzipien ist, dass Ärztinnen und Ärzte aus jenen Bezirken und Oblasten, die wir ansteuern, in unseren mobilen Teams mitwirken. Unter Beachtung der datenschutzrechtlichen Vorschriften teilen wir zudem unsere medizinischen Erkenntnisse mit den für diese Regionen zuständigen staatlichen Krankenhäusern. Durch diese Art der Zusammenarbeit kann auch eine Verbesserung der medizinischen Leistungen in weiter entfernten Regionen erreicht werden. Ein Beispiel hierfür ist der von der Ukraine kontrollierte Teil der Oblast Saporischschja: Wir lieferten zunächst medizinische Hilfsgüter an unsere Partner in der Hauptstadt der Oblast und besprachen mit ihnen akute Probleme. Dies führte schließlich dazu, dass sie mit unserer Unterstützung einen regionalen Hub aufbauten, wodurch humanitäre medizinische Hilfe noch effizienter die notleidende Bevölkerung, Krankenhäuser und Rettungsdienste erreicht.
Wie ist „Förderung der Medizin“ in der medizinischen Weiterbildung aktiv?
In Kyjiw veranstalten wir regelmäßig Weiterbildungskurse für medizinisches Personal. Aus Kapazitätsgründen konzentrieren wir uns zurzeit vor allem auf Seminare zur Augenheilkunde. Mit Unterstützung von Forum RGOW befindet sich zudem unser „Zentrum für mentale Gesundheit“ im Aufbau. In diesem Zentrum arbeiten bereits zertifizierte Spezialist:innen, die gemäß einem staatlichen Programm psychophysiologische Expertisen durchführen. Dadurch lässt sich feststellen, in welchem Maß ein Patient wahrnehmungs- und handlungsfähig ist, bzw. in welchen Bereichen das psychische Gleichgewicht durch Stress beeinträchtig ist. Die Tests bilden ein wichtiges Bindeglied, um die Patienten, die uns aufsuchen, geeigneten Fachpersonen zuweisen zu können. Es ist ein großer Vorteil, dass Patienten in unserem Zentrum den Test durchlaufen und anschließend eine Etage tiefer die passende fachliche Unterstützung erhalten können. Zukünftig werden wir auch mit dem „Nationalen Programm für mentale Gesundheit und psychosoziale Hilfe“ („Wie geht es Dir?“) zusammenarbeiten, das 2022 von der Präsidentengattin Olena Selenska initiiert worden ist. Demnächst wird ein erstes Weiterbildungstraining für unsere Spezialisten stattfinden. In einem nächsten Schritt wollen wir Trainings für Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter und weitere Fachpersonen der von uns halbjährlich besuchten Gemeinden anbieten, damit diese vor Ort als Multiplikatoren im Bereich der mentalen Gesundheit wirken können.
Besondere Aufmerksamkeit widmet „Förderung der Medizin“ der Prävention und Behandlung von Augenkrankheiten. Was sind die Gründe?
Gute Sehkraft ist im Alltag unerlässlich, insbesondere in Gefahrensituationen und im Beruf. Kriegsbedingt zeigen Ukrainerinnen und Ukrainer mittlerweile 15 Jahre früher als andere Europäer Anzeichen von Alterssichtigkeit. Das heißt ab etwa 30 Jahren, wenn sie noch mehrere Jahrzehnte Berufsleben vor sich haben und viele für die Erziehung der Kinder verantwortlich sind. Mit relativ geringen Investitionen lässt sich jedoch ein enormer Gewinn an Lebensqualität, Selbständigkeit und Sicherheit für die Patient:innen erreichen. Daher behandelt „Förderung der Medizin“ auch Veteranen, die im Krieg Augenverletzungen erlitten haben, kostenlos. Viele von ihnen nehmen nach ihrer Behandlung an Trainings zur beruflichen Wiedereingliederung teil.
Vor welchen Herausforderungen steht „Förderung der Medizin“ bei der Beschaffung von medizinischen Gütern und Geräten?
Svitlana Altherr: Den Bedarf an medizinischen Verbrauchsmaterialien versuchen wir nach Möglichkeit durch Sach- und finanzielle Spenden unserer internationalen und ukrainischen Partner zu decken. Einige unserer einheimischen Lieferanten haben jedoch ihre Produktionsstätten durch Bombardierungen verloren. Ein gravierender Verlust war, dass 2022 das Isjum-Optik- und Mechanikwerk im Gebiet Charkiw durch russische Truppen zerstört wurde. Von dort hatten wir alle Brillen bezogen, die wir im Rahmen unserer humanitären Programme kostenlos an Bedürftige abgeben. Zum Glück können wir seit letztem Jahr mit der US-Hilfsorganisation RestoringVision als neuem langfristigem Partner zusammenarbeiten. RestoringVision stellt jedoch nur eine beschränkte Anzahl von Brillengläsern mit verschiedenen Dioptrien-Stufen zur Verfügung. Zu Viertel-Dioptrien sind wir noch auf der Suche nach Spenden für die benötigte Anzahl Brillen. Neben der Augenheilkunde wollen wir auch die Prophylaxe und Behandlung von Diabetes weiterentwickeln, da die Ukraine in den letzten Jahren einen besonders hohen Anstieg von Diabeteserkrankungen aufweist.
Worauf beruht dieser Anstieg an Diabetesfällen?
Oleg Ovechko: Medizinisch lässt sich feststellen, dass die ukrainische Bevölkerung seit Beginn des russischen Angriffskriegs körperlich um durchschnittliche 15 Jahre gealtert ist. Statistiken zeigen, dass endokrine Erkrankungen (Störungen des Hormon- und Drüsensystems), zu denen auch Diabetes gehört, seit 2022 um 25 Prozent gestiegen sind. Eine Reihe von Faktoren wie ständiger Stress, zum Teil Arbeitsverlust, Angstzustände, Mangelernährung oder zu wenig Bewegung führt verbreitet zu schlechterer körperlicher und psychischer Verfassung. Die Stärkung der mentalen Gesundheit ist auch hier ein Schlüsselfaktor, um Stressmomenten besser begegnen zu können. Neben Medikamenten gibt es verschiedene hilfreiche Praktiken wie die 4x4 Atemtechnik oder Bewegungsübungen. Diese werden wir ebenfalls in unserem „Zentrum für mentale Gesundheit“ vermitteln.
Sie können das Projekt mit einer Spende auf das Konto des Forums RGOW (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Förderung der Medizin“ unterstützen