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Die Krankentransporte von «Wings of Victory» sind bei jedem Wetter unterwegs (Foto: Wings of Victory).

„Wings of Victory“: Der Kälte und Dunkelheit trotzen

Regula Spalinger im Gespräch mit Viktoria Kramarenko

Die häufigen Stromausfälle als Folge der russischen Angriffe wirken sich auch erschwerend auf die Arbeit der ukrainischen NGO „Wings of Victory“ aus. Dennoch organisiert sie weiterhin täglich kostenlose Krankentransporte zu Rehabilitationseinrichtungen. Die Anfragen von Kliniken für Einzeltransporte nehmen stetig zu. Die von „Wings of Victory“ angebotene Reittherapie steht nun auch kriegstraumatisierten Kindern offen. Besonders dringend ist der Bedarf nach einer alternativen Stromversorgung während der häufigen Blackouts.

Kyjiw erlebt derzeit den härtesten Winter seit Beginn des russischen Angriffskriegs. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?
Dieser Winter hat unsere Arbeit spürbar verändert und stellt uns vor große Herausforderungen. Als Folge der russischen Angriffe auf die Energieversorgung kommt es häufig zu Stromausfällen, die bis zu zwölf Stunden oder länger andauern können. Ohne Strom, Wasser und Heizung ist die Arbeit im Büro nur eingeschränkt möglich. Die fehlende Internetverbindung beeinträchtigt die Bearbeitung von Anfragen. Doch trotz der häufigen Blackouts setzten wir alles daran, weiterhin Kriegsverletzte kostenlos zu Rehabilitationseinrichtungen oder zu unserer eigenen Schwimm- bzw. Reittherapie zu fahren. Die Anzahl Anfragen für individuelle Transporte zu medizinischen Einrichtungen ist weiter gestiegen. Wir transportieren mehrheitlich Kriegsverletzte, sowohl Zivilisten als auch ehemalige Militärangehörige, die sich in einem stabilen Zustand befinden.

Wie stellt sich momentan die Versorgung von Kriegsverletzten in den Krankenhäusern dar?
Obwohl auch die Krankenhäuser Schwierigkeiten mit der Heizung und einer stabilen Internetverbindung haben, arbeiten sie im Normalbetrieb. Die Stromversorgung wird durch Generatoren und Notstromaggregate sichergestellt. Um die medizinischen Einrichtungen zu unterstützen, versuchen wir, schnell und flexibel auf ihre Anfragen zu reagieren. Die Kliniken wenden sich mit Anfragen an uns, Patienten nach Hause zu ihrem Wohnort zu bringen. In den meisten Fällen handelt es sich um Menschen, die im Rollstuhl sitzen und hochgradige Bein- oder Armamputationen aufweisen. Häufig müssen Patienten einzeln transportiert werden, was die Kosten und die Fahrzeit erheblich erhöht. Eine besondere Herausforderung ist die technische Wartung der Fahrzeuge bei Frost. Aufgrund der eisigen Temperaturen ist kürzlich der Motorriemen des von Forum RGOW finanzierten Rollstuhlbusses gerissen. Dies geschah an einem Sonntag, als eine Gruppe von Veteranen nach der Reittherapie vom Reitstall zurückkehrte. Wir konnten die Reparatur rasch ausführen, so dass das Fahrzeug drei Tage später schon wieder im Einsatz war.

Auf welche Resonanz stößt die Reittherapie?
Seit letztem Jahr nehmen auch kriegstraumatisierte Kinder an unserer Reittherapie teil. Trotz der häufigen Stromausfälle setzen die Kinder und Jugendlichen ihr Training fort, weil die Therapie zur psychischen und körperlichen Entlastung sehr hilfreich ist. Allerdings mussten wir das Angebot auf zwei Einheiten pro Woche reduzieren, denn die Stromausfälle wirken sich natürlich auch auf die Pflege der Tiere aus. Zur Aufrechterhaltung einer erträglichen Stalltemperatur, zur Wasserversorgung und zur Zubereitung der Futtermischungen (Getreidemischungen werden mit warmem Wasser angerührt) sind wir gezwungen, Generatoren einzusetzen. Dadurch steigen die Unterhaltskosten erheblich. Bei starkem Frost können zudem die Wasserleitungen platzen, was zusätzliche Kosten verursacht: Wasser muss extern bestellt und mit Spezialfahrzeugen angeliefert werden.

Gibt es weitere Neuerungen in Ihrer Arbeit?
Für Veteranen und deren Familienangehörige haben wir Schulungsprogramme zur Förderung und Entwicklung kleiner Unternehmen ins Leben gerufen. Bei dem Programm werden den Teilnehmenden finanzielle Grundbildung, das Erstellen von Förderanträgen zur Teilnahme an Zuschussprogrammen sowie Planung und Skalierung eines eigenen Unternehmens vermittelt. Das erworbene Wissen wird durch eine praxisnahe Simulation vertieft, bei der die Teilnehmenden in Teams Geschäftsprozesse modellieren – von der Planung und Logistik bis hin zum Ressourcenmanagement.
Außerdem haben wir unsere Angebote im Bereich der psychologischen Unterstützung und Erholung ausgebaut. Wir organisieren Retreats für Veteranen und Binnenvertriebene. Etwa 20 Prozent der Teilnehmenden sind Frauen, weitere 20 Prozent Kinder. Diese Retreats in der Natur, begleitet von professionellen Psychologinnen und Psychologen, sind sehr nachgefragt. Das Programm beinhaltet gruppenpsychologische Trainings, individuelle Beratungsgespräche, kunsttherapeutische Elemente (Arbeiten und Modellieren mit Wachs, Herstellung von Duftkerzen aus Naturwaben, Stimmübungen) sowie sportliche Aktivitäten. Die Teilnehmenden bereiten auch teilweise die Mahlzeiten gemeinsam zu. Bereits nach wenigen Stunden gemeinsamer Erholung sind deutliche Veränderungen sichtbar: Die Teilnehmenden werden offener, kommunikativer, lachen mehr, stellen Fragen an die Psychologinnen und Psychologen und treten in einen lebendigen Austausch mit unserem Team. Über einen Zeitraum von acht Monaten fanden diese Retreats einmal monatlich statt, mit jeweils 14 bis 18 Teilnehmenden pro Veranstaltung.

Einige Rehabilitanden konnten mit Ihrer Unterstützung ein eigenes Geschäft aufbauen oder haben eine neue Stelle gefunden. Wie hat sich deren Leben seither verändert?
Wir erhalten regelmäßig Rückmeldungen zu unseren Schulungen und den Veränderungen im Leben der Programmteilnehmenden. Mit dem Kurs zu Wirtschaft und Finanzkompetenz wurden 125 Personen geschult. Nach dem Kurs haben fünf Teilnehmende selbständig Anträge gestellt und Unterstützung im Rahmen staatlicher Förderprogramme erhalten, so dass sie ein eigenes Unternehmen gründen konnten. 15 Personen haben Online-Shops für den Verkauf verschiedener Waren eröffnet, was ihnen eine zusätzliche Einnahmequelle verschafft und ihre finanzielle Situation erheblich verbessert hat. Zwei junge Frauen (Ehefrauen von Veteranen) haben kleine Läden für den Verkauf von Tee eröffnet. 65 Prozent der Teilnehmenden gaben an, dass die Kurse nützlich waren und ihnen geholfen haben, sich besser auf dem Arbeitsmarkt zurechtzufinden. Positiv wurde auch hervorgehoben, dass die Kurse ihr Verständnis für die Grundlagen des Unternehmertums und der Finanzplanung verbessern konnten.

Der 2025 vom Forum RGOW finanzierte Rollstuhlbus ist in vollem Einsatz. Wie dient er Ihnen?
Wir sind Ihnen sehr dankbar für das Spezialfahrzeug. Von Jahr zu Jahr nimmt der Bedarf an Krankentransporten nicht ab, sondern zu. Regelmäßig analysieren wir Routen und Transportformate, um unsere Arbeit effizienter und nachhaltiger zu gestalten. In den letzten fünf Monaten hat sich die Zahl der Einzeltransporte deutlich erhöht, die wir an durchschnittlich zwei Tagen in der Woche ausführen. Dadurch entsteht eine erhebliche zusätzliche Kilometerleistung – bis zu 1000 km pro Monat, was den Verschleiß des Spezialfahrzeugs spürbar erhöht. Aus diesem Grund bemühen wir uns um die Anschaffung eines zusätzlichen Fahrzeugs mit zwei bis drei Sitzplätzen und Stauraum, das speziell für Einzeltransporte genutzt werden kann. Dies würde es uns ermöglichen, die Logistikkosten für Einzeltransporte zu senken. Gleichzeitig könnten wir somit den Verschleiß des Rollstuhlbusses reduzieren und eine lange Lebensdauer des Busses für Gruppenfahrten und geplante Einsätze erhalten.

Welche Form der Unterstützung benötigt Ihre Organisation derzeit am dringendsten?
Wir sind vor allem auf finanzielle Unterstützung bei den Kosten für die Fahrer, den Treibstoff und die Wartung der Fahrzeuge angewiesen. Besonders hervorheben möchte ich auch den dringenden Bedarf an Unterstützung für jene Rehabilitationsangebote, die sich als besonders wirksam und stark nachgefragt erwiesen haben: die Reittherapie und die Schwimmtrainings. Eine alternative Stromversorgung würde uns zudem die Büroarbeit erleichtern: mit einer Powerstation, die wir während der Stromversorgung aufladen, könnten wir bei Stromausfällen vier bis fünf Stunden die Bürogeräte laufen lassen, die Beleuchtung sicherstellen und eine stabile Internetverbindung aufrechterhalten. Wir danken Ihnen von Herzen für die Zusammenarbeit und die fortwährende finanzielle Unterstützung. In dieser schweren Zeit des Krieges lassen sich selbst große Prüfungen leichter bestehen, wenn man echte Freunde an seiner Seite weiß. Freunde, deren Hilfe nicht nur Leben rettet, sondern auch Hoffnung auf eine Zukunft schenkt.

Sie können die Arbeit der NGO „Wings of Victory“ mit einer Spende auf das Konto des Forums RGOW (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Wings of Victory“ unterstützen.