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Der Weiße Turm, zu osmanischen Zeiten erbaut, gilt als Wahrzeichen von Thessaloniki. (Foto: Stefan Kube)

Thessaloniki – das „Jerusalem des Balkans“

RGOW 7-8/2020
Devin N. Naar

Besucht man heute Thessaloniki, stößt man nur vereinzelt auf Zeugnisse der jüdischen Vergangenheit der Stadt, obwohl sie bis zum Ersten Weltkrieg eine mehrheitlich jüdische Bevölkerung hatte. In den Nachkriegsjahrzehnten tat sich Thessaloniki schwer mit der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit, erst in jüngster Zeit wird die reiche jüdische Vergangenheit der Stadt wieder vermehrt thematisiert und an sie erinnert.

Als ich meinem Großvater vor über 15 Jahren sagte, dass ich nach Thessaloniki bzw. nach Salonika reise, wie die Stadt auf Ladino (Judäo-Spanisch) heißt, fragte er mich warum. Dort sei „nichts übriggeblieben“, versicherte er mir – womit er nichts Jüdisches meinte. Er selbst hatte die Stadt 1924 als Junge verlassen und war nie wieder zurückgekehrt. „Am Meer sollte ein großer Turm stehen“, informierte er mich, „vielleicht ist er immer noch da“. Als ich ihm sagte, dass der Turm immer noch existiert, war er erfreut. 2012 kam ich wieder noch Salonika, um an einer Konferenz zur Geschichte der Stadt teilzunehmen, und seitdem bin ich noch mehrmals dort gewesen.

Der Weiße Turm, der auf das Mittelmeer hinausschaut, ist das Wahrzeichen der Stadt. Wie so vieles in der zweitgrößten Stadt Griechenlands, ist seine Geschichte umstritten. Die Osmanen erbauten den Turm im 16. Jahrhundert, aber einige Einheimische erinnern ihn als byzantinisches oder venezianisches Monument. Ein paar Tage nach meiner Ankunft im Oktober 2012 versammelten sich Politiker, Militär, Kleriker und tausende Einwohner – viele in traditioneller Tracht – in der Nähe des Turms, um des 100. Jahrestags der „Befreiung“ der Stadt von der osmanischen Herrschaft zu gedenken. Jeder, einschließlich mir, starrte mit großer Erwartung aufs Meer, woher bald ein Marinekampfhubschrauber eintraf. Die offiziellen Vertreter luden eine kunstvolle Ikone mit einer Darstellung von Maria und Jesus aus, die eigens für diesen Anlass vom Berg Athos gebracht worden war. Metropolit Anthimos (Roussas) von Thessaloniki hielt eine leidenschaftliche Rede und erinnerte die Versammelten an die Opfer der Einwohner der Stadt ein Jahrhundert zuvor, als sie während der Balkankriege 1912/13 die türkische „Besatzung“ abgeschüttelt hätten. Er betonte die untrennbare Verbindung zwischen der Orthodoxen Kirche von Griechenland, der griechischen Nation und der christlich-griechischen Identität der Stadt.

Anschließend hielt Thessalonikis damaliger, 2011 neu gewählter Bürgermeister, Giannis Boutaris, ein ruhig sprechender 70-Jähriger, eine Rede zur glorreichen Geschichte der Stadt. Innerhalb kürzester Zeit griffen ihn zwei orthodoxe Priester verbal an. „Anathema“, rief einer, bevor er von der Polizei weggeschafft wurde. Andere in der Menge sympathisierten mit den wütenden Priestern: „Verschwinde, Boutaris“, schrie eine Frau. Der Grund ihrer Wut war klar: Boutaris vermied eine exklusivistische nationalistische Hardliner-Rhetorik. Stattdessen malte er eine von den Rechten sehr unterschiedliche Zukunft aus, indem er darauf hinwies, dass nicht nur Christen, sondern auch Muslime und Juden die Stadt jahrhundertelange als ihre Heimat bezeichnet hatten. „Wir können nicht in die Zukunft schauen, ohne die Vergangenheit zu kennen“, erklärte Boutaris gegenüber der Jerusalem Post. „Nicht umsonst wurde die Stadt das Jerusalem des Balkans genannt. Und sie könnte es wieder sein“, fügte er hinzu.

Jüdisches Zentrum
Seit der Antike lebten Juden in der Stadt. Der Apostel Paulus predigte im 1. Jahrhundert zu griechisch-sprachigen Juden (Romanioten) und seitdem gab es eine mehr oder weniger kontinuierliche jüdische Präsenz in der Stadt. Die jüdische Gemeinschaft blühte im 16. Jahrhundert auf, als Salonika ein wichtiger Zufluchtsort für die aus Spanien und Portugal vertriebenen sephardischen Juden wurde. Unter der osmanischen Herrschaft fügten die sephardischen Juden der einen aschkenasischen Synagoge drei Dutzend weitere Synagogen hinzu, basierend auf ihren Herkunftsorten auf der iberischen Halbinsel sowie in Italien und Nordafrika. Salonika wurde nicht nur zu einem Zentrum rabbinischer Gelehrsamkeit, sondern auch für ein frühneuzeitliches hebräisches Verlagswesen. Sie war der Geburtsort von Schlomo Alkabez, des Autors der Sabbat-Hymne Lecha Dodi. Und hier erarbeitete Joseph Karo seinen berühmten Kodex des jüdischen Rechts, den Bet Josef („Haus des Josef“). Mitte des 16. Jahrhunderts stellten Juden die Hälfte der Stadtbevölkerung und bildeten eine der größten jüdischen Gemeinschaften in der frühneuzeitlichen Welt. Das Bild des goldenen Zeitalters von Salonika im 16. Jahrhundert als Zufluchtsort und Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit wurde mit dem Ausdruck „Jerusalem des Balkans“ beschworen.

Es gibt aber auch ein modernes Bild der Stadt, das an diese Bezeichnung erinnert. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trat Salonika erneut als regionales Zentrum in Erscheinung – eine kosmopolitische Metropole und ein wirtschaftliches Zentrum an der Kreuzung von Europa und dem Nahen Osten. Die in Paris gegründete Alliance Israélite Universelle stattete eine neue Generation jüdischer Studenten mit moderner Bildung und beruflichen Fähigkeiten aus. Die Herausgabe von Zeitungen sowie Theater in Ladino florierten. Die jüdische Bevölkerung von Salonika umfasste alle sozialen Schichten: bedeutende Industrielle, die die erste städtische Getreidemühle, Brennerei sowie Ziegeleien und Tabakfabriken gründeten, Hafenarbeiter, Fischer, Tabakarbeiter, Schuhputzer, Anwälte, Lehrer, Zollbeamte, Näherinnen, Rabbiner, Kürbiskern- und Limonadeverkäufer und Halva-Macher. 1909 entstand eine bedeutende Arbeiterbewegung, die Sozialistische Arbeiterföderation, in der sich vor allem jüdische, aber auch griechische, türkische und bulgarische Arbeiter organisierten. 1911 hielt sich David Ben-Gurion mehrere Monate in der Stadt auf und erklärte, dass Salonika „die einzige jüdische Arbeiterstadt in der Welt“ sei. Die Rolle der Juden war so groß, dass der Hafen und praktisch die ganze Stadt am Samstag aufgrund der Beachtung des Sabbats geschlossen waren. Zur Jahrhundertwende war die jüdische Bevölkerung das demographisch dominierende Element: sie stellten ca. 80 000 bis 90 000 der 170 000 Einwohner der Stadt. Nach dem Zusammenbruch der osmanischen Herrschaft 1912 plädierten führende jüdische Kaufleute für eine Umwandlung ihrer „erfolgreichen Zitadelle“ in einen autonomen jüdischen Stadtstaat.

Salonika in der Zwischenkriegszeit
Doch Salonika wurde in den griechischen Nationalstaat eingegliedert. In den folgenden drei Jahrzehnten veränderte sich die politische Kultur und das sozio-ökonomische Aussehen der Stadt – viele Juden verließen Salonika und emigrierten nach Frankreich, in die USA (so wie meine Familie) und nach Palästina. 1917 zerstörte ein Großbrand das Stadtzentrum und machte 50 000 der mehr als 70 000 jüdischen Einwohner obdachlos. Vielen wurde von Seiten des Staates nicht erlaubt, ihren Besitz wiederaufzubauen, stattdessen wurden sie aus dem Stadtzentrum verdrängt. Die Ankunft von mehr als 100 000 griechischen Flüchtlingen aus der Türkei in den 1920er Jahren veränderte zusätzlich die soziale Dynamik, und in den 1920er und 1930er Jahren waren die Juden mit wachsendem Druck seitens des Staates wie ihrer Nachbarn konfrontiert, ihre Sprache aufzugeben und ihre Loyalität gegenüber dem griechischen Staat zu beweisen. Der Staat zwang die jüdische Bevölkerung, in einem separaten Wahlausschuss zu wählen, um ihren Einfluss auf die nationale Politik zu dämpfen. 1931, inmitten der Großen Depression kam es zu einem ersten antisemitischen Angriff in der Stadt.

Salonikas Juden reagierten auf vielfältige Weise auf die sich verändernden Dynamiken, wie die unterschiedlichen Perspektiven der nicht weniger als zehn jüdischen politischen Parteien in der Zwischenkriegszeit zeigen: religiöse und säkulare Zionisten, Diaspora-Nationalisten, Kommunisten und Sozialisten, Assimilierte und Integrationisten, und es gab sogar eine Gruppe jüdischer Faschisten in der Stadt. Die jüdische Gemeinschaft unterhielt jüdische Schulen, ein rabbinisches Gericht, eine Reihe berühmter Stadtviertel und über 20 philanthropische Institutionen. Hinsichtlich des Familienrechts unterstanden die Juden weiterhin den Entscheidungen der Rabbiner, und Heiraten zwischen Juden und Christen blieben illegal (bis 1982, es sei denn jemand konvertierte zur anderen Religion). Auch die kulturelle Produktivität in Ladino ging weiter und erreichte in den 1920er Jahren seinen Höhepunkt, gleichzeitig wuchs allerdings auch die Aneignung der griechischen Kultur. Wenn auch zögerlich fühlten sich jüngere Juden in Griechenland zu Hause: viele junge jüdischer Männer dienten in der griechischen Armee.

Als die deutschen Besatzungstruppen im April 1941 eintrafen, lebten 50 000 Juden in der Stadt. Im Frühjahr und Sommer 1943 deportierten die Nationalsozialisten, manchmal mit Unterstützung lokaler Kollaborateure, fast die ganze jüdische Bevölkerung nach Auschwitz-Birkenau, wo sie ermordet wurden. Schätzungsweise 20 Prozent der Stadtbevölkerung „verschwand“, wie es euphemistisch nach wenigen Monaten in der griechischen Umgangssprache hieß. Von den mehr als 50 Synagogen überlebte nur eine, die vom Roten Kreuz als Lager genutzt wurde. Das bauliche Erbe wurde von den deutschen Truppen zerstört, als sie aus der Stadt flohen; die übrig gebliebenen Reste baute schließlich die lokale orthodoxe Bevölkerung ab.

Antisemitische Rhetorik und neue Offenheit
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Thessaloniki zu einer Grenzstadt von zweitrangiger Bedeutung, die Griechenland gegen die kommunistische Bedrohung verteidigte. Diese Ängste spiegelten sich auch darin wider, dass Thessalonikis Administration für die nächsten 60 Jahre besonders konservativ war. Vom engstirnigen Nationalismus seiner politischen Vorgänger hob sich die Aufgeschlossenheit von Bürgermeister Giannis Boutaris, einem tätowierten vormaligen Weinbauer, der sich an seine jugendliche Liebesbeziehung mit einem jüdischen Mädchen erinnerte, besonders stark ab. Zudem stand sie im Widerspruch zum Chauvinismus von Kirchenführern wie Metropolit Anthimos und vieler Einwohner der Stadt. Aber eines ist offenkundig: Obwohl die jüdische Präsenz und Abwesenheit in Thessaloniki und Griechenland für Jahrzehnte Tabuthemen gewesen sind, werden sie in zunehmenden Maße im öffentlichen Diskurs behandelt – sowohl in vielversprechender als auch in beunruhigender Weise.

Wie in anderen Teilen Europas war die Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09 ein Segen für die nationalistische Rechte in Griechenland und führte zum Wiederaufleben antisemitischer Rhetorik. Die rechtsextremistische, antimuslimische und antisemitische Partei Chrysi Avgi („Goldene Morgenröte“) erreichte bei den Parlamentswahlen im Juni 2012 18 von 300 Sitzen im griechischen Parlament (s. RGOW 6/2013, S. 9–11). „Es gab keine Öfen. Das ist eine Lüge“, behauptete der Parteivorsitzende Nikolaos Michaloliakos im griechischen Fernsehen im Mai 2013. Und er fügte hinzu: „Und es gab auch keine Gaskammern.“ Damit folgte er dem rechtsextremen Journalisten Kostas Plevris, den die jüdische Gemeinschaft von Griechenland 2007 wegen seiner wiederholten Leugnung des Holocaust und des Anstachelns von antisemitischer Gewalt vor Gericht gebracht hatte. Das Berufungsgericht sprach Plevris jedoch frei – die Leugnung des Holocaust ist in Griechenland von der Meinungsfreiheit geschützt. Eine Richterin stimmte mit Plevris überein, dass die Juden mit schändlichen Mitteln die Welt zu kontrollieren versuchten. Zudem las Ilias Kasidiaris, von 2012 bis 2019 Abgeordneter der Chrysi Avgi, im Oktober 2012 laut eine Passage aus den „Protokollen der Weisen von Zion“ bei einer Parlamentssitzung vor, ohne von seinen Kollegen kommentiert oder gerügt worden zu werden. Ein anderer früherer Abgeordneter der Chrysi Avgi, Artemis Matthaiopoulos, spielte Bass in der Nazipunk-Band „Pogrom“, bevor er als Vertreter der Stadt Serres, nicht weit von Thessaloniki gelegen, gewählt wurde. Der Titelsong von Pogroms Album war „Auschwitz“ und sein Text ist abscheulich.

Boutaris seinerseits erklärte öffentlich, dass die meisten Anführer der Chrysi Avgi ins Gefängnis gehörten. 2018 wurde er sogar von einer Gruppe Ultranationalisten angegriffen und musste im Krankenhaus behandelt werden. Statt die Grenzen zu schließen, wollte er sie öffnen – in der Hoffnung, so die Erneuerung der Stadt zu fördern. Zu diesem Zweck suchte er die Beziehungen zur Türkei und Israel zu stärken, indem er Muslime und Juden als Touristen zur Rückkehr in die Stadt einlud, die ihre Gemeinschaften einst bevölkert hatten. Zum Teil war diese Strategie erfolgreich: Sowohl der Tourismus aus der Türkei als auch aus Israel nimmt zu. Regelmäßige Flüge verbinden nun Tel Aviv und Thessaloniki, ein Zeichen der griechisch-israelischen Annäherung. Obwohl Griechenland zu den ersten Ländern gehörte, das vor der Balfour-Erklärung 1917 die Schaffung eines jüdischen Homelands in Palästina unterstützte, war Griechenland das letzte EU-Land, das 1991 den Staat Israel offiziell anerkannte. Mit der Abkühlung der Beziehungen zwischen der Türkei und Israel im Zuge des Ship-to-Gaza-Zwischenfalls 2010 haben sich die griechisch-israelischen Beziehungen weiterhin verbessert. In den letzten Jahren haben die beiden Länder gemeinsame Militärübungen durchgeführt, in der Cybersicherheit und Satellitentechnologie zusammengearbeitet und planen zusammen mit Zypern eine Gaspipeline durch das östliche Mittelmeer.

Zusammen mit Boutaris kandidierte Hasdai Capon, ein lokaler jüdischer Geschäftsmann, als Vizebürgermeister. Nach dem Wahlsieg wurde Capon der erste gewählte jüdische Vertreter im Stadtrat seit 1936. Capon war Vizebürgermeister für ökonomisches Management und hat die Schulden der Stadt erheblich reduziert. Simon Bensasson, ebenfalls ein Jude aus Thessaloniki, war 2019 Präsident des Stadtparlaments.

Debatte über jüdische Präsenz
Im Gegensatz zu den Holocaustleugnern von der Chrysi Avgi war Boutaris, dessen Amtszeit 2019 endete, der erste Bürgermeister der Stadt, der sich für eine öffentliche Erinnerung an den Holocaust einsetzte. Zuvor hatte zumeist Stille geherrscht. Die zunehmende offene Debatte über die jüdische Präsenz und den Holocaust erschloss sich mir schon bei meiner Ankunft 2012: Mein Taxifahrer, der sich über mein ordentliches Griechisch freute, fragte mich, nachdem er erfahren hatte, dass ich jüdisch bin, ob ich gekommen sei, um das Haus meiner Familie zurückzufordern. Diese Frage ist keineswegs müßig: Die wenigen Überlebenden, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Thessaloniki zurückkehrten, stießen auf in ihren Häusern lebende Christen. Die Restitution der mehr als 10 000 „verlassenen“ jüdischen Immobilien ist bis heute ungelöst.

Während meines Besuchs 2012 wohnte ich im Hotel Amalia an der Ermou-Straße im Stadtzentrum, in direkter Nachbarschaft zum Modiano-Markt, einem der wenigen Orte in Thessaloniki, der noch einen jüdischen Namen trägt. Seltsamerweise war die erste Sprache, die ich hörte, Hebräisch. Einige ältere israelische Touristen standen plaudernd vor dem Hotel. Wir sprachen zuerst auf Hebräisch und dann auf Ladino. Ihre Familien hatten ebenfalls vor dem Krieg in Thessaloniki gelebt und waren – genauso, wie es sich Bürgermeister Boutaris erhofft hatte – gekommen, um zu sehen, was aus der Stadt geworden ist.

Ich traf zwei Freunde zum Abendessen und zu einem nächtlichen Spaziergang durch das Stadtzentrum. Diese dreißigjährigen Freunde kamen aus Familien von griechisch-jüdischen Holocaustüberlebenden und gehören zu den relativ wenigen Juden, die im heutigen Thessaloniki leben (vielleicht 1 000 von einer Million Einwohner im Ballungsraum der Stadt). Diejenigen, die heute noch dort leben, und insbesondere die jüngeren haben ein tiefgreifendes Interesse an der Vergangenheit der Stadt und den übriggebliebenen Spuren. So nahmen sie mich mit zu einer Tour zu jüdischen Gebäuden, erhaltenen Inschriften und Orten, wo vormals jüdische Gemeindeinstitutionen standen.

Die Konferenz, der ich 2012 beiwohnte, hatte den Titel: „Thessaloniki: Eine Stadt in Transition 1912–2012“. Das offizielle englischsprachige Programm-Material vermied nationalistische Rhetorik und sprach nicht von der „Befreiung“ der Stadt „von den Türken“, noch von ihrer „Befreiung“ durch die Griechen 1912. Die Wahl von Mark Mazower, Professor für Geschichte an der Columbia University, als Eröffnungsredner offenbarte den relativ offenen Zugang der Konferenzorganisatoren zur Vergangenheit der Stadt. Mazowers Buch „Salonica. City of Ghosts“ von 2005 platzierte die Stadt und ihre multikulturelle Vergangenheit auf der internationalen wissenschaftlichen Landkarte. Die griechische Übersetzung des Buches wurde zu einem Bestseller und zwang die Einwohner der Stadt, sich zum ersten Mal direkt mit der ganzen Geschichte auseinanderzusetzen.

Aber obwohl an der Konferenz bestimmte kontroverse Aspekte der Vergangenheit der Stadt offen diskutiert werden konnten, blieben andere im Stillen verborgen. Die Deportation von Salonikas Juden durch die Nazis ist eine unbestrittene Tatsache. Aber die jahrhundertelange Geschichte der Juden wurde nahezu auf diesen Moment reduziert. Die Juden treten in diesem Narrativ nur 1943 mit ihrer Deportation und Ermordung in fremden Ländern auf. 2008 lehnte die Stadtverwaltung den Vorschlag ab, dass Thessaloniki der „Vereinigung der Märtyrerstädte“ beitritt, einem Netzwerk von 90 Orten im ganzen Land, das an Massaker an der griechischen Zivilbevölkerung während der deutschen Besetzung 1941 bis 1944 erinnert. Thessalonikis Stadtverwaltung lehnte den Vorschlag mit zwei bemerkenswerten Erklärungen ab: dass die Vernichtung der Juden außerhalb Griechenlands stattgefunden habe, und dass die Juden erst seit 1492 in der Stadt gelebt hätten.

Der anonyme Blogger „Abravanel“, einer der wenigen, der engagiert über jüdische Themen in Griechenland berichtet, wies darauf hin, dass insbesondere der zweite Punkt deprimierend war, da er die gut dokumentierte 2 000-jährige Präsenz der Juden in der Stadt, also noch vor ihrer Vertreibung aus Spanien, leugnete. Es ist zudem eine bittere Ironie angesichts der Tatsache, dass die Vorfahren der heute in Thessaloniki lebenden wenigen Juden dort für über ein Jahrhundert lebten, während die meisten der griechisch-orthodoxen Einwohner erst im 20. Jahrhundert ankamen, hauptsächlich als Flüchtlinge aus der Türkei.

Universität auf dem jüdischen Friedhof
Mit Boutaris als Bürgermeister wurden auch Diskussionen zur Umgestaltung des schlichten und leicht mehrdeutigen Holocaust-Denkmals angestoßen. Dieses war 1997 errichtet worden, als Thessaloniki Kulturhauptstadt Europas war, und 2006 an einen zentraleren Ort versetzt, als der israelische Präsident Mosche Katzav die Stadt besuchte. Es gab Vorschläge, Steintafeln mit Namenslisten aller Opfer der Nazis in Thessaloniki hinzuzufügen. Obwohl dies niemals umgesetzt wurde, enthält das Konzept eines zukünftigen monumentalen Grabsteins für Salonikas Juden eine schmerzhafte Ironie, da der einstige riesige jüdische Friedhof – also dort, wo einst tatsächlich Grabsteine standen – während der deutschen Besatzung vollständig verschwunden ist. Die Geschichte der Zerstörung des jüdischen Friedhofs – einstmals einer der größten in Europa – war bis 2014 von Schweigen umhüllt. Der Friedhof umfasste die Fläche von 80 Fußballfeldern und beherbergte hunderttausende Gräber, einschließlich solchen von berühmten Persönlichkeiten, die bis ins späte 15. Jahrhundert zurückreichten: von den Töchtern von Joseph Karo und von dem berühmten Arzt Amato Lusitano, der als einer der Entdecker des Blutkreislaufs gilt.

Die schmerzliche Wahrheit ist, dass die Stadtverwaltung und die Aristoteles-Universität von Thessaloniki von der deutschen Besatzung profitierten, um einen Plan umzusetzen, der bereits zuvor seit mehr als einem Jahrzehnt in Entwicklung war: den jüdischen Friedhof zu enteignen und den Campus der Universität auf ihm zu erweitern. Auf Kosten der Stadtverwaltung verwüsteten 500 Arbeiter mit Spitzhacken im Dezember 1942 den Friedhof. An seiner Stelle wurde die Universität erbaut. Als ich 2012 die Stadt besuchte, wies keine Markierung oder Zeichen daraufhin, dass der frühere jüdische Friedhof unter dem Universitätscampus liegt. Angesichts der bewundernswerten Stimmung auf der Konferenz und der verbreiteten Bereitschaft, über die nationalsozialistischen Deportationen zu sprechen, war es alarmierend, einem Vortrag eines Professors von der Universität zuzuhören, der über die Erweiterung des Campus seit den 1930er Jahren sprach. Den jüdischen Friedhof erwähnte er kein einziges Mal.

Trotz dieses Schweigens schlichen sich Spuren des jüdischen Friedhofs in die Nachrichten. Vor der Wirtschaftskrise 2008 begann die Stadtverwaltung mit dem Bau einer U-Bahn. Als beim Bau der Haltestelle für die Universität Überreste des jüdischen Friedhofs ausgegraben wurden, entbrannte eine hitzige Debatte. Der Blogger Abravanel schlug vor, die zukünftige Haltestelle „Jüdischer Friedhof“ statt „Universität“ zu nennen, oder dass wichtige archäologische Funde dauerhaft ausgestellt werden. Weder dieser Vorschlag noch der Bau der U-Bahn sind sehr weit gediehen. Im Dezember 2012 machte ein Bericht internationale Schlagzeilen, dass Thessalonikis Polizei über 600 Fragmente von jüdischen Grabsteinen in der westlichen Ecke der Stadt gefunden hat. Die jüdische Gemeinschaft kam in den Besitz der Fragmente und transferierte sie zum jüdischen Nachkriegsfriedhof, der im Vorort Stavroupolis liegt. So ist der Nachkriegsfriedhof faktisch zu einem Friedhof für Grabsteine geworden.

Dass die „Entdeckung“ der Grabsteinfragmente als berichtenswert erachtet wurde, ist auch insofern bemerkenswert, wenn man bedenkt, in welchem Ausmaß sich deren Spuren in jedem Teil der Stadt finden lassen. Nach der Zerstörung des Friedhofs verwendeten die Stadtverwaltung, die Universität, die Kirchen und Einwohner die marmornen Grabsteine in der ganzen Stadt als Baumaterial: zum Pflastern von Straßen, zum Auskleiden von Latrinen sowie zum Bau des Innenhofs des Nationaltheaters von Nordgriechenland und der Cafeteria des Jachtclubs von Thessaloniki. Die Nazis benutzten sie auch zum Bau eines Schwimmbads. Einige wenige Grabsteine mit hebräischen Inschriften lassen sich noch auf dem Universitätscampus finden. Andere kann man aufgestapelt in Kirchenhöfen oder hinter der Rotunde des Galerius sehen; oder eingebaut in verschiedene Bauten, wie in den Boden der Kirche Hagios Demetrios, den zentralen Navarinou-Platz und anderswo. Der lokale jüdische Apotheker Iosif Vaena rettet lose Grabsteinfragmente und lagert sie in seiner Apotheke, bevor er sie dem jüdischen Museum der Stadt übergibt.

2014 schließlich wurden sich die Aristoteles-Universität, die jüdische Gemeinschaft von Thessaloniki und das Büro von Boutaris einig, das sieben Jahrzehnte währende Schweigen offiziell zu brechen und anzuerkennen, dass der Universitätscampus auf dem zerstörten jüdischen Friedhof erbaut wurde. Ein schlichtes, aber rührendes Denkmal mit Inschriften in Ladino, Griechisch, Hebräisch, Französisch und Englisch wurde auf einem eher verborgenen Teil des Campus errichtet. Aber auch bei diesem mutigen Akt war die ganze Wahrheit zu viel: So schreibt die Inschrift auf dem Monument die Zerstörung des Friedhofs den „nationalsozialistischen Besatzungstruppen und ihren Kollaborateuren“ zu. Die Inschrift fährt fort, dass sich die jüdischen Gräber bis 1943 auf diesem Land erstreckten, „als die Kräfte des Bösen alles Menschliche vernichteten, aber Menschen waren ihnen nicht genug. Sie wollten auch die Erinnerung auslöschen. Und wie sie die Lebenden in den Tod schickten, zerstörten sie die Gräber der Toten und verstreuten ihre Gebeine. Diejenigen, die hier begraben sind, starben zum zweiten Mal.“ Obwohl es die Rolle der Kollaborateure bei der Zerstörung des Friedhofs anerkennt, ordnet das Denkmal die Initiative und Verantwortung auffallend deutlich den Nazis zu. Das Denkmal schließt an einen langjährigen Trend an, der die primäre – wenn nicht ausschließliche – Verantwortung für die Zerstörung des Friedhofs den deutschen Besatzungskräften zuschreibt – und entschuldigt so die lokalen Behörden.

Zunehmende historische Forschung
Während eines Abendessens bei der Konferenz 2012 fragte ich einen älteren griechischen Kollegen, warum sich nicht mehr griechische Wissenschaftler mit der Geschichte der Juden in Salonika befassen. Zuerst stellte er es als Sprachproblem dar: „Wir können kein Ladino“. Aber wenn ein Doktorand in Griechenland wirklich französische Geschichte studieren wollte, würde er oder sie nicht Französisch lernen? Der Kollege antwortete mir mit der Erzählung, dass seine Eltern, griechisch-orthodoxe Christen, während des Zweiten Weltkriegs zur Schule gingen. Eines Tages seien die Juden nicht mehr in der Schule erschienen. Niemand weinte, niemand klagte und es gab keine öffentlichen Anzeichen von Trauer. Dies, so sagte er, ist der Grund, warum nicht mehr griechische Wissenschaftler Ladino lernen und nicht über die jüdische Geschichte schreiben.

Aber vielleicht ändert sich auch das. Die ersten, die über die jüdische Geschichte schrieben, waren Salonikas Juden selbst. Wissenschaftlerinnen wie Rena Molho, die die jüdischen Historiker der Zwischenkriegszeit wie Joseph Nehama, Michael Molho und Isaac Emmanuel aufgriffen, fügten die jüdische Bevölkerung in den 1980er Jahren wieder in die Geschichte von Thessaloniki und Griechenland ein. Aufbauend auf diesen Bemühungen gründeten lokale jüdische und christliche Intellektuelle eine Gruppe zur Erforschung der Geschichte der Juden von Griechenland und führten ein regelmäßiges Seminar an der Universität Makedonien (auf der anderen Straßenseite der Aristoteles-Universität) ein. In einem beispiellosen Schritt anerkannte der neue Minister für Makedonien und Thrakien am Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2013 Thessaloniki nicht nur als Stadt von Aristoteles, sondern auch von Schlomo Alkabez. 2016 schließlich eröffnete die Aristoteles-Universität einen neuen Lehrstuhl für Jüdische Studien, gefördert von der jüdischen Gemeinschaft.

Heutige Orte jüdischen Lebens
Obwohl ihre Mitglieder heute nur noch weniger als zwei Prozent der Vorkriegsbevölkerung ausmachen, existiert die jüdische Gemeinde von Thessaloniki unter der Leitung ihres Vorsitzenden David Saltiel weiter. Die einzige erhaltene Vorkriegssynagoge wurde jüngst renoviert und wird zu hohen Feiertagen und bei wichtigen Ereignissen im Lebenslauf, wie Hochzeiten, genutzt. Am anderen Ende der Stadt steht ein anderes der wenigen erhaltenen jüdischen Gebäude: Matanoth Laevionim, das auch während der deutschen Besatzung als jüdische Suppenküche diente. Mein Großonkel war in deren Kollegium, bevor er zusammen mit seiner Frau und zwei Kindern nach Auschwitz deportiert wurde, wo sie umgebracht wurden. Heute dient das Gebäude als jüdische Gemeindeschule mit über 40 Schülern.

Die religiöse Führung kommt heute aus Israel, und manche Einheimische beklagen den Verlust von charakteristischen Traditionen von Salonika. Während meines Besuchs 2012 traf ich den 80-jährigen David Saltiel, einen der letzten Juden, die mit der unverwechselbaren Liturgie und Melodien von Salonika eng vertraut sind. Saltiel hatte die Traditionen von Mosche Halegua erlernt, dem letzten in Thessaloniki geborenen Rabbi, der vor mehr als 20 Jahren verstarb, und fürchtet, dass die Liturgie von Salonika verloren geht, wenn er stirbt. Zum Glück hat er ein Album von berühmten judeo-spanischen Liedern aufgenommen, das Aspekte der reichen Volkstradition der jüdischen Gemeinschaft bewahrt.

Der primäre Ort zur Bewahrung des jüdischen Salonika ist das Jüdische Museum von Thessaloniki als wichtigstes öffentliches Gesicht der Gemeinschaft. Seit seiner Eröffnung 2003 hat das Museum, das der mehr als 2 000-jährigen Geschichte der jüdischen Präsenz in der Stadt gewidmet ist, mehrere wichtige Ausstellungen kuratiert. Das Museum beginnt mit dem Tod – nicht mit dem Holocaust selbst, aber mit dem jüdischen Friedhof: das Museum öffnet in einen Flur mit geretteten jüdischen Grabsteinen vom Friedhof. 2016 hat die deutsche Regierung zehn Mio. Euro zum Bau eines Holocaust-Museums und Bildungszentrums für Menschenrechte nahe der Eisenbahn, von wo die Juden nach Auschwitz deportiert wurden, zugesagt. Das Museum befindet sich noch im Bau.

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Meine griechisch-jüdischen Freunde, die mich 2012 nachts durch die Stadt führten, erinnerten mich daran, dass trotz der Annäherungsversuche von Boutaris, der Hoffnungen der Leitung der jüdischen Gemeinde und der Aktivitäten von Intellektuellen das breitere Klima in der Stadt und im Land ambivalent bleibt. Nach wiederholten Angriffen auf das Denkmal für den jüdischen Friedhof auf dem Universitätscampus erklärte Boutaris 2019: „Auch wenn sie das Denkmal hunderte Male zerstören, werden wir es 110 Mal wieder instand setzten.“ Nach dem Rücktritt von Boutaris 2019 sind die Zukunftsaussichten ungewiss. Als Enkel von Salonika hoffe ich meinen Freunden beim Erzählen ihrer Geschichte zu helfen.

Übersetzung aus dem Englischen: Stefan Kube.

Bei dem Beitrag handelt es sich um eine erweiterte Version eines Artikels, der 2013 erstmals in der Jewish Review of Books erschien.

Devin N. Naar, Dr., Isaac Alhadeff Professor in Sephardischen Studien und Ass. Professor für Geschichte am Stroum Center für Jüdische Studien der Universität Washington.

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