
Facetten- und spannungsreich. Orthodoxe Kirchen in der Ukraine
RGOW 09/2023
Die Kirchenlandschaft der Ukraine zeichnet sich durch eine historisch gewachsene Vielfalt aus, die insbesondere durch die unterschiedlichen Kirchen östlicher Tradition zum Ausdruck kommt. Seit dem 19. Jahrhundert gab es Bestrebungen zu einer Ukrainisierung des kirchlichen Lebens. In der Zwischenkriegszeit und während des Zweiten Weltkriegs gab es erste Versuche zur Gründung einer eigenständigen ukrainischen orthodoxen Kirche. Nach der Unabhängigkeit des Landes 1991 spaltete sich die ukrainische Orthodoxie erst in drei, später in zwei Kirchen auf.
Der Pluralismus der orthodoxen Kirchen in der Ukraine im 20. und 21. Jahrhundert hat seine Ursprünge in früheren Ereignissen, deren historischen Interpretationen und den theologischen Schlussfolgerungen daraus.[1] Wie ihre Nachbarn in Mittel- und Nordeuropa nahm die Kyjiwer Rus das Christentum an der ersten Jahrtausendwende (ca. 988) an. Im Unterschied zu Polen, Böhmen, Ungarn und Skandinavien empfing die Rus den christlichen Glauben jedoch vom Oströmischen Reich und war nach der Trennung von Rom und Konstantinopel seit 1054 Teil der orthodoxen Welt.[2]
Getrennte Entwicklung nach dem Zerfall der Rus
Nach der Zerstörung Kyjiws und anderer südlicher Fürstentümer durch mongolische Angriffe (1237–1241) zerfiel die Rus in verschiedene Gebiete, aus denen später die heutigen Länder Ukraine, Belarus und Russland hervorgingen. Im Südwesten vereinigten sich die Fürstentümer von Halytsch und Wolhynien und wurden zu einem mächtigen Herrschaftsverband in Ostmitteleuropa, dessen Gebiete jedoch 1349 von Polen und 1352 von Litauen einverleibt wurden. Als nicht-dominante Bevölkerungsgruppe in multikonfessionellen Gesellschaften unterschied sich die Erfahrung der dortigen orthodoxen – späteren ukrainischen und belarusischen – Bevölkerung grundlegend von derjenigen in Russland. In Ländern, die von römisch-katholischen Herrschern regiert wurden und die eine große jüdische Bevölkerung aufwiesen, definierte der orthodoxe Glaube die Ruthenen (Ukrainer und Belarusen). Der Fall von Konstantinopel 1453, der den Ökumenischen Patriarchen zu einem Untertanen des osmanischen Sultans machte, verkomplizierte die Kommunikation und die Verwaltung der slawischen Eparchien noch zusätzlich.
Einige Bischöfe der Kyjiwer Metropolie unterstützten Versuche, eine Gemeinschaft mit Rom herzustellen: zuerst auf dem Konzil von Ferrara-Florenz (1439) und schließlich mit der Union von Brest (1595/96), die den Befürwortern Praktiken wie den Julianischen Kalender, das Kirchenslawische als Liturgiesprache und den verheirateten Klerus zugestand. Die meisten ruthenischen Laien lehnten jedoch eine Union mit Rom ab. In der polnisch-litauischen Adelsrepublik spaltete sich die ruthenische Bevölkerung in diejenigen, die die Gemeinschaft mit Rom akzeptierten (bekannt als Griechisch-Katholische oder Unierte), und die orthodoxe Gruppe. Laien und Laienbruderschaften führten die orthodoxe Gemeinschaft bis zur Wiedererrichtung eines orthodoxen Episkopats 1620 durch Patriarch Theophanes III. von Jerusalem. Bei der religiösen Bildung wurden gleichwohl jesuitische Modelle übernommen; Geistliche wie Innokentij (Gizel), Ioanykij (Galjatovskij) und Metropolit Petro Mohyla (1596–1647) überarbeiteten die orthodoxen Riten einschließlich der Beichte nach römisch-katholischen Vorlagen.[3]
Das ostslawische orthodoxe Christentum außerhalb Polen-Litauens nahm dagegen eine andere Entwicklung: Mit der Einverleibung der nordöstlichen Regionen der einstigen Rus (Vladimir, Pskov und Novgorod) wuchs die Macht der Moskauer Großfürsten zusehends. 1589 verlieh Patriarch Jeremias II. von Konstantinopel der Moskauer Metropolie den Rang eines Patriarchats. Diese Entscheidung wurde später auch von den anderen orthodoxen Patriarchaten anerkannt. Unter Patriarch Nikon suchten die Moskowiter die Unterstützung der ruthenischen Orthodoxen bei der Überarbeitung der eigenen liturgischen Bücher.
Transfer der Kyjiwer Metropolie an Moskau
Nach dem Kosakenaufstand von Bohdan Chmelnytskyj 1648, der Vereinbarung von Perejaslav 1654 und dem Waffenstillstand von Andrusovo 1667 fielen die linksufrige (östliche) Ukraine sowie das rechtsufrige Kyjiw mit dem Höhlenkloster an das Moskowiter Reich. Der Vertrag des Ewigen Friedens (Mai 1686) bestätigte den Transfer dieser Gebiete an Russland. Einen Monat später stimmte das Ökumenische Patriarchat der Praxis zu, dass die Metropoliten von Kyjiw künftig ihre Weihe in Moskau statt in Konstantinopel empfangen, und übertrug so faktisch die Jurisdiktion der Kyjiwer Metropolie an Moskau. Unabhängig davon, ob diese Neuregelung der Jurisdiktionsbereiche provisorisch oder andauernd gemeint war, blieben Kyjiw und die Gebiete des Kosaken-Hetmanats in den nächsten Jahrhunderten im Orbit der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK).
Mit der endgültigen Aufteilung Polen-Litauens 1795 zwischen Österreich, Preußen und Russland gelangten fast alle ukrainischen Orthodoxen ins Russische Reich. Das bedeutete aber keineswegs, dass unter den ukrainischen Orthodoxen religiöse oder politische Einigkeit herrschte. Einige ukrainische Geistliche suchten die Unterstützung des Zaren gegen die Polen und artikulierten eine „kleinrussische“ Identität. Sie nahmen nicht nur das Programm der neuen imperialen russischen Kirche an, sondern definierten es wesentlich mit.[4] Als sich der Kosakenhetman Ivan Mazepa mit dem schwedischen König Karl XII. gegen den russischen Zaren Peter I. im Großen Nordischen Krieg (1700–1721) verbündete, um die Unabhängigkeit des Hetmanats zu bewahren, verfasste der ukrainische Hierarch Feofilakt (Lopatynskyj) eine Liturgie, bei der er Russlands Sieg als Triumph der orthodoxen Christenheit feierte und Mazepa als einen zweiten Judas und dreifach verfluchten Apostaten beschrieb.[5] Der ukrainische Erzbischof Feofan (Prokopovytsch) entwarf 1721 das „Geistliche Reglement“, das das Amt des Patriarchen abschaffte und durch den „Heiligsten Dirigierenden Synod“ ersetzte.[6] Ukrainer trugen so einerseits zur imperialen Identität der ROK bei, andererseits bewahrten sie viele unterscheidende Praktiken und das lebendige Gefühl einer unterschiedlichen Identität.[7]
Die Spannungen zwischen diesen Strömungen wurden mit dem Aufkommen der Nationalbewegungen und einer verstärkten Russifizierung im 19. Jahrhundert offenkundig. Einige Bischöfe wie Parfenij (Levytskyj) unterstützten eine Ukrainisierung, während andere Hierarchen und Geistliche sie ablehnten. Nach dem Zusammenbruch des Zarenreichs 1917 wünschten sich viele ukrainische Eparchialversammlungen eine kirchliche Unabhängigkeit und Ukrainisierung, doch sie konnten sich nicht darauf einigen, in welcher kanonischen Form sie umgesetzt werden sollten. Während einige eine Autonomie der ukrainischen Kirche innerhalb des Kontexts der „allrussischen“ Kirche favorisierten, verlangten andere die Autokephalie. Das allrussische Landeskonzil von 1917/18 billigte zwar die Einberufung eines allukrainischen orthodoxen Kirchenkonzils, lehnte aber den Gebrauch der Landessprachen, einschließlich des Ukrainischen, in der Liturgie ab. Das allukrainische Kirchenkonzil votierte letztlich auch für die Beibehaltung des Kirchenslawischen und für Autonomie statt Autokephalie – zum Entsetzen der ukrainisch orientierten Fraktion, die daraufhin eigene Gemeinden ohne bischöflichen Segen gründete.[8] Die Sprache wurde zum primären Identitätsmerkmal der ukrainisch orientierten Gruppe, die sich an den Staat um Unterstützung wandte und so die kanonische Ordnung umging, statt innerhalb der kirchlichen Strukturen zu verbleiben.
Gründungsversuche einer autokephalen Kirche
Die Spannungen zwischen dem „allrussischen“ und dem exklusiv ukrainischen Flügel nahmen nach der Direktoriums-Herrschaft unter Symon Petljura in der Ukraine und angesichts der sowjetischen Gesetzgebung zur Trennung von Kirche und Staat und der Säkularisation des kirchlichen Besitzes noch zu. Mit der Unterstützung der ukrainischen Fraktion und der Erneuerer-Bewegung („Lebendige Kirche“) beabsichtigten die Sowjets die Kirche zu spalten und das wiedererrichtete Moskauer Patriarchat zu schwächen. Der Machtkampf um die Liturgiesprache in der Ukraine – und die Frage, ob man kirchliche Verfahren umgehen sollte, um Ziele wie die Unabhängigkeit zu erreichen – zeigten die Grenzen der bischöflichen Macht auf. 1921 legte sich ein Konzil in der Ukraine, das die Basis für die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche (UAOK) wurde, auf die Trennung vom Moskauer Patriarchen fest. Da sie keine Unterstützung von Bischöfen erfuhren, konzipierten die Geistlichen der UAOK einen neuen Ritus für die Bischofsweihe, der allein von Priestern ausgeführt wurde. Das gab die Richtung für ein neues ekklesiologisches Prinzip in der Leitung der UAOK mit dem neu geweihten Vasyl Lypkivskyj an der Spitze vor – die Leitung des Volkes durch das Konzil (sobornopravnist’). Der Preis war jedoch die Entfremdung der UAOK von der restlichen orthodoxen Welt, die eine nicht von Bischöfen gespendete Bischofsweihe nicht akzeptieren konnte. 1925 setzte sich eine Gruppe unter der Führung von Bischof Feofil (Buldovskyj), die als „Lubny-Schisma“ bekannt wurde, auf ähnliche Weise für eine Ukrainisierung der Kirche ein, griff aber auf kanonische Mittel zurück. Doch die Mehrheit der orthodoxen Bevölkerung in der Ukraine blieb der Kirche mit Patriarch Tichon (Bellavin) an der Spitze treu und misstraute der UAOK, wie auch die russische Bevölkerung der staatlich unterstützten Erneuerer-Kirche misstraute.[9] Nachdem Metropolit und Patriarchatsverweser Sergij (Stragorodskij) 1927 seine Loyalität gegenüber dem Staat erklärt hatte, endete die Unterstützung der Sowjets für die ukrainische Autokephalie. Das Regime klagte die UAOK wegen konterrevolutionärer Tätigkeiten an und liquidierte die Kirche schließlich auf einem Pseudo-Konzil von 1930.
Außerhalb der Sowjetunion fanden sich viele orthodoxe Ukrainer (ca. 2,5 Mio.) und Belarusen (ca. eine Mio.) im neu errichteten polnischen Staat mit einer ethnisch vielfältigen orthodoxen Bevölkerung wieder. Einige unterstützten die Verwendung des Ukrainischen, Belarusischen, Polnischen oder Tschechischen; andere sprachen sich für die Aussprache des Kirchenslawischen in lokaler Art und für die Predigt in der Landessprache aus. Angesichts der Verfolgung der Kirche in Sowjetrussland und in der Ukraine stimmten die Orthodoxen in Polen 1922 für eine Trennung von Moskau und erhielten 1924 den Autokephalie-Tomos vom Ökumenischen Patriarchat (basierend auf der ursprünglichen Unterordnung der Kyjiwer Metropolie unter Konstantinopel), was von Moskau als Übergriff abgelehnt wurde, aber einen Präzedenzfall setzte, auf den die Ukrainer zurückkommen sollten.
Die Debatte um eine Ukrainisierung der Polnischen Orthodoxen Kirche (POK) dauerte bis 1939–1941 an, als die Sowjets gemäß dem Molotov-Ribbentrop-Pakt den Großteil der heutigen Westukraine besetzt hielten. Unter der sowjetischen Kontrolle entschieden sich einige Eparchien, ein autonomer Teil des Moskauer Patriarchats zu werden. Dem widersetzte sich Metropolit Dionisij (Valedinskij) von Warschau, der dies als Angriff auf die Autokephalie der POK ansah. Nachdem die Deutschen bis Oktober 1941 den Großteil der Ukraine besetzt hatten, ermutigte Dionisij seine Bischöfe, eine vorläufige Kirchenstruktur in der von den Nationalsozialisten beherrschten Ukraine zu errichten. Dagegen lehnte ein Konzil orthodoxer Bischöfe in Potschajiv 1941 die Warschauer Jurisdiktion ab und bestimmte Erzbischof Oleksyj (Hromadskyj) als Locum tenens des Metropolitenthrons von Kyjiw. Zudem rief es zum liturgischen Kommemorieren der von den Sowjets Ermordeten auf, verkündete das Kirchenslawische als offizielle Liturgiesprache, wobei es gleichzeitig die Verwendung des Ukrainischen erlaubte, und sandte eine Grußbotschaft an Hitler. Erzbischof Ilarion (Ohijenko), der auf dem Konzil zum Bischof von Chełm gewählt wurde, gehörte zu den ukrainischen Bischöfen, die die Ekklesiologie der UAOK von 1921 abgelehnt hatten und die ukrainische Autokephalie auf einem kanonischen Weg erreichen wollten, der von der Weltorthodoxie bestätigt werden konnte. So beschloss das Konzil von Potschajiv die Rückkehr zur Moskauer Jurisdiktion; dabei beriefen sie sich auf die Beschlüsse des allukrainischen Konzils von 1918 zur Autonomie als Zwischenstufe zur Autokephalie. Eine zweite UAOK, die 1942 mit dem Segen von Metropolit Dionisij in der Sowjetukraine entstand, nahm jedoch den Klerus und die Gläubigen der UAOK von 1921 ohne Wiederholung der Sakramente in die Kirche auf. An einem weiteren Konzil in Potschajiv 1942 wurde eine Einigung zwischen beiden Richtungen versucht. Die angestrebte Einigung scheiterte jedoch am Widerstand zahlreicher Bischöfe der ersten Gruppe und ihrer Unterstützer. Metropolit Oleksyj, der sich für die Vereinigung ausgesprochen hatte, wurde 1943 ermordet. Seine Ermordung vertiefte die Spannungen zwischen „Autonomisten“ und „Autokephalisten“.
Ukrainische Kirche in der westlichen Diaspora
Mit dem Rückzug der Deutschen und dem Herannahen der Roten Armee flohen viele Bischöfe der beiden Richtungen Richtung Westen. Die UAOK im Exil (zuerst in Warschau, dann in Westeuropa, Nordamerika und Australien) wies die ukrainischen Gläubigen innerhalb und außerhalb der Ukraine an, gegen die sowjetische antireligiöse und antiukrainische Propaganda zu kämpfen. Im Gegenzug resorbierte das Moskauer Patriarchat die vormaligen Gemeinden der UAOK, nachdem die Ukraine wieder eine Sowjetrepublik geworden war, und bezeichnete die Autokephalisten als „ukrainische Nationalisten“, die angeblich freiwillig mit den Nazis kollaboriert hätten. Die Griechisch-Katholischen wurden 1946 ebenfalls in das Moskauer Patriarchat zwangseingegliedert, das diesen gewaltsamen Akt als Korrektur eines historischen „Fehlers“ darstellte.[10]
Die ukrainische Diaspora in Nordamerika wurde zu einem Schwerpunkt des Aktivismus für die nationale Souveränität der Ukraine und die volle kirchliche Unabhängigkeit. Das religiöse Gedenken an die Hungersnot des Holodomor war dabei ein Eckpfeiler der ukrainischen Diaspora-Identität. In Kanada strebten die ukrainischen Immigranten nach einer nationalen Kirche (narodovtsi) und wandten sich an den letzten UAOK-Bischof von 1921, Erzbischof John (Teodorovych), mit der Bitte, pastorale Verantwortung für Kanada zu übernehmen. Nach dem Rücktritt von Erzbischof John 1947 wählte ein außerordentliches Konzil Erzbischof Mstyslav (Skrypnyk) zum neuen Oberhaupt. 1949 ersuchte und erhielt Erzbischof John vom Exarchen des Patriarchen von Alexandria eine Korrektur seines irregulären kanonischen Status. Dies schwächte die radikaleren Entscheidungen der UAOK ab und rückte die Bischöfe wieder in den Mittelpunkt, so dass die zuvor nicht anerkannten ukrainischen Orthodoxen von einem Großteil der weltweiten Orthodoxie – nicht jedoch von der ROK – als rechtmäßig akzeptiert wurden. 1950 vereinigten sich die ukrainischen orthodoxen Kirchen in den USA zur Ukrainischen Orthodoxen Kirche–USA (UOK–USA). Anlässlich der Feier des Millenniums der Taufe der Rus 1988 bezeichnete Metropolit Mstyslav die UOK–USA als legitime Erbin der Kyjiwer Metropolie. 1990 bzw. 1995 unterstellten sich die ukrainischen Kirchen in Kanada und den USA der Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchats.
In der Nachkriegsukraine schlug Chruschtschows antireligiöse Politik besonders hart zu. Angesichts der Kirchenschließungen wurde für viele Orthodoxe in der Sowjetukraine das eigene Haus zum Ort religiöser Handlungen. Frauen leiteten Riten, die zuvor männlichen Klerikern vorbehalten waren. Trotzdem betonte das Moskauer Patriarchat seinen multinationalen Charakter und erlaubte seinem ukrainischen Exarchen, ethnische Ukrainer in leitende Positionen zu berufen und eine monatliche Zeitschrift in ukrainischer Sprache (Pravoslavnyj visnyk) zu veröffentlichen. Diese Anpassungen waren aber typischer in der westlichen als in der östlichen Ukraine.[11]
Spaltungen der ukrainischen Orthodoxie nach 1989/90
Im Zuge von Gorbatschows Glasnost und Perestroika verließen einige ukrainische Orthodoxe in Lviv 1989 das ukrainische Exarchat der ROK und gründeten die dritte Version der UAOK. Ihr Kennzeichen war die Verwendung des Ukrainischen in der Liturgie und die betonte Kontinuität mit den beiden Autokephalie-Versuchen von 1921 und 1942. Der greise Mstyslav (Skrypnyk) aus Bound Brook, New Jersey, wurde 1990 in der Sophienkathedrale in Kyjiw in Abwesenheit zum Patriarchen der UAOK gewählt. Wohl als Reaktion darauf erhielt das vormalige Exarchat der ROK mehr Rechte und Autonomie und hieß nun Ukrainische Orthodoxe Kirche (UOK). Ihr Metropolit trug nun den Titel von „Kyjiw und der ganzen Ukraine“ und als Ersthierarch bekam er einen ständigen Sitz im Hl. Synod der ROK, was ihn zum ranghöchsten Hierarchen neben dem Patriarchen machte. Die UOK hatte nun auch das kanonische Recht, eigene Synoden, einschließlich lokaler Konzile, einzuberufen, Heilige zu kanonisieren, liturgische Texte zu überarbeiten und ihre eigenen Bischöfe und den Ersthierarchen zu wählen (alles Merkmale einer autokephalen Kirche).
Im Dezember 1991 wurde die Ukraine unabhängig und souverän. Dies motivierte den Episkopat der UOK, einstimmig für die Bitte „um vollständige kanonische Unabhängigkeit, d. h. Autokephalie“ zu stimmen. Als dieser Antrag jedoch 1992 offiziell dem Moskauer Patriarchat vorgelegt werden sollte, zogen viele Bischöfe (einschließlich des heutigen Oberhaupts der UOK, Metropolit Onufrij (Berezovskyj)) ihre Unterschriften zurück. Nach Moskaus ablehnender Antwort verließ Metropolit Filaret (Denysenko), der vormalige Exarch der ROK, die UOK und schloss sich der UAOK an, wobei er vom ukrainischen Präsidenten Leonid Kravtschuk unterstützt wurde. Aufgrund interner Auseinandersetzungen spaltete sich die Kirche jedoch in die UAOK und die Ukrainische Orthodoxe Kirche–Kyjiwer Patriarchat (UOK–KP) auf, deren Patriarch Filaret 1995 wurde. Filaret wurde vom Moskauer Patriarchat in den Laienstand versetzt und 1997 exkommuniziert. Sein Nachfolger als Metropolit von Kyjiw und Oberhaupt der UOK war Metropolit Volodymyr (Sabodan), der eine liturgische Ukrainisierung genehmigte, wenn er von einzelnen Gemeinden darum gebeten wurde. Zudem förderte er die Identität der UOK als lokale Kirche der Ukraine und begann einen Dialog mit der UAOK, obgleich er auf kanonische Verfahren bestand. Angesichts ihrer fehlenden Anerkennung seitens der weltweiten Orthodoxie suchte die UOK–KP die Unterstützung des ukrainischen Staates.
Bis 2018/19 war die UOK die einzige kanonische orthodoxe Kirche in der Ukraine, die von allen anderen orthodoxen Lokalkirchen weltweit anerkannt wurde. Obwohl die UAOK und die UOK–KP über stabile Strukturen und Millionen Gläubige verfügten, galten sie aus Sicht des kanonischen Rechts als schismatisch. Mehrfache Versuche dieser beiden Kirchen und von ukrainischen Politikern, den Patriarchen von Konstantinopel zur Anerkennung dieser Kirchen zu bewegen, blieben bis 2018 erfolglos. Nach einem Appell des damaligen Präsidenten Petro Poroschenko und des ukrainischen Parlaments an Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel versuchte dieser im Herbst 2018 die kirchliche Situation in der Ukraine anzugehen. Doch statt der vom Ökumenischen Patriarchen angestrebten Vereinigung von allen drei Kirchen schlossen sich nur die beiden bisher unkanonischen Kirchen zur Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU) zusammen, die vom Patriarchat von Konstantinopel als kanonisch anerkannt wurde, nicht aber vom Moskauer Patriarchat.[12]
Anstatt dreier gibt es nun zwei orthodoxe Kirchen in der Ukraine, von denen beide als kanonisch angesehen werden – die eine von Konstantinopel, die andere von Moskau. Die Aktivitäten des Patriarchats von Konstantinopel führten auch zum Bruch zwischen der ROK und einigen orthodoxen Kirchen griechischer Tradition, die ebenfalls die Autokephalie der OKU anerkannt haben. Diese jüngsten Entwicklungen sind allerdings nicht neu oder überraschend. Die Ukraine prägt seit langer Zeit eine vielfältige Kirchenlandschaft, die verschiedene kulturelle und theologische Stränge widerspiegelt und so facettenreich wie die gesamte Geschichte der Ukraine ist.
Anmerkungen:
[1]) Zu einer detaillierten Übersicht über die Entwicklung der ukrainischen Orthodoxie von 1917 bis 2016 vgl. Denysenko, Nicholas E.: The Orthodox Church in Ukraine. A Century of Separation. DeKalb (IL) 2018.
[2]) Berend, Nora: Christianization and the Rise of Christian Monarchy: Scandinavia, Central Europe, and Rus’ c. 900–1200. Cambridge 2007.
[3]) Sysyn, Frank E.: The Formation of Modern Ukrainian Religious Culture: The Sixteenth and Seventeenth Centuries. In: Plokhy, Serhii; Sysyn, Frank E. (eds): Religion and Nation in Modern Ukraine. Edmonton 2003, S. 1–22.
[4]) Kohut, Zenon E.: Origins of the Unity Paradigm: Ukraine and the Construction of Russian National History (1620–1860). In: Eighteenth-Century Studies 35, 1 (2001), S. 70–76.
[5]) Kizenko, Nadieszda: The Poltava Battle in Language and Liturgy. In: Harvard Ukrainian Studies 31, 1–4 (2009–2010), S. 227–244.
[6]) Ivanov, Andrey: Escape from Rome: Teofan Prokopovych and Ukrainian Orthodox Ties to the Eternal City 1650–1721. In: Harvard Ukrainian Studies 37, 1–2 (2020), S. 47–81.
[7]) Coleman, Heather J.: History, Faith, and Regional Identity in Nineteenth-Century Kyiv: Father Petro Lebedyntsev as Priest and Scholar. In: Harvard Ukrainian Studies 34, 1–4 (2015–2016), S. 343–372; Dies.: From Kiev Across All Russia: The 900th Anniversary of the Christianization of Rus’ and the Making of a National Saint in the Imperial Borderlands. In: Ab Imperio 4 (2018), S. 95–129.
[8]) Starodub, Andriy: Vseukrains’kyi Pravoslavnyi Tserkovnyi Sobor 1918 roku: Ohliad dzherel. Kyjiw 2010.
[9]) Freeze, Gregory L.: Counter-Reformation in Russian Orthodoxy: Popular Response to Religious Innovation, 1922–1925. In: Slavic Review 54, 2 (1995), S. 305–339.
[10]) Shlikhta, Natalia: “Ukrainian” as “Non-Orthodox”: How Greek Catholics were “Reunited” with the Russian Orthodox Church, 1940s–1960s. In: State, Religion, and Church 2, 2 (2015), S. 77–98.
[11]) Kononenko, Natalie: Folk Religion: Popular Religion in Contemporary Ukraine. In: Himka, John-Paul; Zayarnyuk, Andriy (eds.): Letters from Heaven: Popular Religion in Russia and Ukraine. Toronto 2006, S. 46–75.
[12]) Bremer, Thomas; Brüning, Alfons; Kizenko, Nadieszda (eds.): Orthodoxy in Two Manifestations? The Conflict in Ukraine as Expression of a Fault Line in World Orthodoxy. Berlin 2022.
Übersetzung aus dem Englischen: Stefan Kube.
Nadieszda Kizenko, Dr., Professorin für Geschichte und Direktorin des Programms für religiöse Studien an der State University von New York (Albany).
Bild: Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios und Metropolit Epifanij (Dumenko) von der 2018 gegründeten Orthodoxen Kirche der Ukraine im Kyjiwer St. Michaelskloster im August 2021. (Foto: Shutterstock.com)