
Der Geist des europäischen Widerstands und seine Gefährdung
RGOW 3-4/2024
Der Widerstand gegen die russische Aggression ist nicht nur ein blutiger Verteidigungskampf der Ukraine gegen Russland, sondern auch ein Kampf ganz Europas für eine freie Gesellschaft. Anknüpfend an das Erbe europäischer Widerstandskämpfer sollten Europäerinnen und Europäer sich bewusst der Gefahr entgegenstellen, die ihnen durch die imperiale Revanche von Putins kriminellem Regime droht.
Zeitgenossen und Teilnehmerinnen der Revolution der Würde teilen schon seit zehn Jahren die Erfahrung des Widerstands gegen das radikale Böse. Die tödliche Gefahr der neosowjetischen Revanche und der Aggression Putins schlägt Welle um Welle über Eure TV-Bildschirme. Zuschauer, die lieber den Sender wechseln, als an der Situation etwas zu verändern versuchen, haben eine mögliche Wahl schon lange getroffen. Doch gibt es auch Menschen, die anders handeln – sowohl in der Ukraine als auch in Euren Ländern. Auf welche Weise der Kampf geführt wird, unterscheidet sich natürlich in unseren Gesellschaften, doch sind die Menschen wesentlich dadurch vereint, dass sie den Weg des Widerstands gewählt haben.
Der verborgene Schatz des Widerstands
Bei der Revolution auf dem Majdan[1] hat sich gezeigt, dass jede freie Gesellschaft in ihrem Inneren Ressourcen birgt, die wie unterirdische Flüsse lange Zeit in der Tiefe verbleiben und dann plötzlich an die Oberfläche sprudeln und alle überraschen, nicht nur Diktatoren wie Viktor Janukovytsch und Vladimir Putin. 2014 haben wir Ukrainerinnen und Ukrainer plötzlich begriffen, dass wir eine Republik sind, dass wir solidarisch sein können wie nie zuvor, wir haben unsere Nachbarn auf derselben Etage, in unserem Haus entdeckt, es hat eine komplette Transformation stattgefunden. Und das wiederholt sich heute. Die Bürger entdecken den Bürgersinn wieder. Das hat Hannah Arendt als „verborgenen Schatz des Widerstands“ bezeichnet: „Die Männer der europäischen Résistance waren weder die ersten noch die letzten, die ihren Schatz verlieren sollten. Die Geschichte der Revolution – vom Sommer des Jahres 1776 in Philadelphia und dem Sommer 1789 in Paris bis zum Herbst 1956 in Budapest –, die politisch den innersten Kern der Geschichte des modernen Zeitalters ausmacht, könnte in Form einer Parabel geschrieben werden: als Erzählung von einem uralten Schatz, der unter den unterschiedlichsten Umständen jäh, unerwartet zum Vorschein kommt und unter anderen mysteriösen Bedingungen wieder verschwindet.“[2] In Frankreich beispielsweise existierte dieser Schatz während der Résistance, und er kann zurückkehren. Wir haben ihn 1968 in Prag und 1956 in Budapest gesehen. Diese Eigenschaft, über die jedes europäische Land verfügt, manifestiert sich, wenn es um Leben und Tod geht![3]
„Sein oder Nichtsein“ in der Ukraine
Ich widme diesen Text dem Gedenken an den Dichter Maksym Kryvtsov (22. 1. 1990–7. 1. 2024) und die Autorin Viktoria Amelina (1. 1. 1986–1. 7. 2023) – dem Gedenken an die ukrainischen Frauen und Männer, die in diesem Krieg ihr Leben für unsere und Eure Freiheit gegeben haben.
Nach der Teilnahme an der Revolution der Würde hat der Dichter Maksym Kryvtsov seinen eigenen Weg gewählt. Er antwortete auf die Frage Shakespeares „Sein oder Nichtsein?“ und ging 2014 als Freiwilliger an die Front. Im Militärlager in der Ostukraine befand man ihn zunächst als zu mager und wenig geeignet, um schwere Kriegsarbeit zu leisten. Doch die Willenskraft Kryvtsovs schlug im Rhythmus seines poetischen Talents: Rasch überzeugte er die Vorgesetzten, ihn am bewaffneten Kampf teilnehmen zu lassen. Nach seiner Demobilisierung 2019 arbeitete er in Kyjiw im Zentrum für Rehabilitation und Adaption für Teilnehmende an Kampfhandlungen. Zu Beginn des russischen Angriffs im Februar 2022 kehrte er an die Front zurück. Seine Gedichte von der Front, die er auf Facebook publizierte, stießen in der Ukraine und anderen Ländern auf große Resonanz. Mit wenigen Zeilen brachte er sein Leitmotiv zum Ausdruck.
Hauptsache
die Brille sitzt.
Drück die Waffe eng an die Brust
Und atme
atme
atme
denn
wann
sonst.
Kryvtsov fragte ironisch: „Gefällt Gott deine taktische Schutzbrille vom Flohmarkt?“ Von der vordersten Frontlinie erinnerte er uns daran, dass in diesen finsteren Zeiten Nachtsichtgeräte essenziell wichtig sind. Die Frage der adäquaten Optik wurde zur Hauptfrage unserer Zeit.
Gestellt wurde sie von starken Stimmen wie denjenigen von Maksym Kryvtsov und Viktoria Amelina, Autorin wunderbarer Romane. Seit 2022 arbeitete sie an einem Buch mit Zeugnissen über Verbrechen gegen die Menschlichkeit der russischen Armee, die sie zusammen mit Juristen in den befreiten Gebieten im Osten und Süden des Landes sammelte. Zur Vollendung des Buchs hatte Viktoria Amelina ein Stipendium in Paris erhalten, doch sie starb am Tag vor ihrer Ausreise nach Frankreich. Sie war 37 Jahre alt, ihr Sohn war zehnjährig, und ihre Kinderbücher erfreuten sich großer Beliebtheit. Sie erlag nach drei Tagen ihren Verletzungen, die sie am 27. Juni 2023 bei der Bombardierung einer Pizzeria in Kramatorsk erlitten hatte. Diese eine russische Rakete hat 13 Menschen in den Tod gerissen. Über 60 Menschen wurden verletzt.
Maksym Kryvtsov arbeitete im vergangenen Herbst an der Front an einem Roman. Am 31. Dezember 2023 schrieb Maksym auf Facebook: „Dieses Jahr war noch schwerer als das letzte. Schwer ist es, die Kräfte zu finden, um das alte Feuer des Enthusiasmus und der Kriegsmotivation wieder zu entfachen. Müdigkeit und Trauer wachsen wie Tumore. Mit ihnen musst du deine Aufgaben antreten, versuchen, würdig und treu zu bleiben. Der Tod hat es geschafft, dich in seinen Bann zu ziehen, in seinen schwarzen grauenhaften Kessel. Wir haben die verstümmelten Körper unserer Kampfbrüder aufgelesen, wir haben gehört, wie die Äpfel auf das Grab im Vorhof des Hauses fielen, in das ein sehr guter Mensch nicht mehr zurückkehren kann. Im Oktober haben wir einen guten Freund und einen unserer besten Leute beerdigt. Auf die Rückkehr einiger anderer Freunde warten wir noch. Gab es auch etwas Gutes? Ja, natürlich. Nicht alle meine Freunde sind gefallen, mir nahestehende Menschen in den Städten warten bis heute auf meine Rückkehr, ein Gedichtband ist erschienen.“
Dieser Gedichtband Kryvtsovs – „Gedichte aus dem Schlupfloch“ (ukr. Вірші з бійниці) – erschien im Dezember 2023. Die Macht der Worte Kryvtsovs, seiner Symbole und seines poetischen Denkens lassen sich mit dem Genie von T. S. Elliot, Charles Péguy und Paul Celan vergleichen. Am 7. Januar 2024 erschütterte uns die Botschaft seines Todes. Nicht in der fernen Vergangenheit, sondern in diesem Winter starb in Europa ein großartiger Dichter. Er war 33 Jahre alt. Ich öffne sein Buch an dieser Stelle:
Mich verschluckt ein Wal der Trauer
ich bin hier
wie Jona
doch gibt es kein Entrinnen…
Kriege nehmen kein Ende
ein Ende nehmen Menschen
wer hätte das gedacht.
Eine tiefe Verbundenheit mit dem Geist des europäischen Widerstands zeigt sich in neuen Formen, in denen sich heute unser Widerstand im „hybriden Krieg“ entwickelt, den das Putinsche Regime gegen Europa führt. Sein oder Nichtsein? – das ist die Schlüsselfrage der Ukrainerinnen und Ukrainer im Laufe des gesamten vergangenen Jahrzehnts seit der Annexion der Krim durch Russland und dem völlig neuen Klang der Hymne der Ukraine: „Noch ist die Ukraine nicht gestorben.“ Die Stimmen der besten unter uns haben die Frage „Sein oder Nichtsein“ beantwortet. Nun stellt sich diese Frage allen Menschen in Europa.
Europa hat keine Zeit zu verlieren
2022 haben die besten Analytiker aufrichtig zugegeben: Wir haben geschlafen, und Aufwachen ist so schwierig. Der Wille zum Aufwachen wurde 2022 zum politischen Faktor und Merkmal. Wo stehen wir heute? Ehrliche Experten sprechen davon, dass der Wunsch der Eliten einzusehen, welche Gefahr Putins Krieg für Europa darstellt, selten geworden ist. Immer schärfer erkennen wir, wie Verzögerungen und Verspätungen zum Problem der Probleme werden. Was ist der Grund für diese tödliche Verspätung? Eine Lähmung des Willens? Sabotage der Aufrüstung von Wirtschaft und Gesellschaft?
Verspätung tötet. Verspätung erlaubt dem Aggressor, der öffentlich mit dem Untergang der Demokratie droht, zu töten. Doch im Moment des Todes der besten unter uns erleuchtet ein Lichtblitz ihre Gesichter in der Finsternis. Liegt nicht darin die uns gegebene letzte Chance, das Wesen des Geschehens zu erfassen? Denen, die heute die europäische Solidarität sabotieren und versuchen, das europäische Schiff von seinem Kurs abzubringen, sollte jemand die Worte des Dichters Paul Valéry ins Gesicht sagen: „Le vent se lève, il faut tenter de vivre“ („Wind kommt auf, wir müssen versuchen zu leben“). Die Verspätung der vergangenen Jahre wurde mit einem zu teuren Preis bezahlt. Jetzt läuft uns die Zeit davon. Europa sollte im Jahr 2024 keine Zeit verlieren.
Der Kampf um Kyijw im Februar und März 2022 hat zur ersten gewaltigen Kriegsniederlage des russischen Angreifers geführt. Das veranlasste einige westliche Beobachter dazu, die Moskauer „Brille“ beim Blick auf Osteuropa endlich abzulegen. Doch wie es beim Verlust einer Brille häufig geschieht, findet man nicht so schnell zu einer neuen Optik. Und auf einem neuen Ortsplan kann man nicht gleich alles in bester Schärfe erkennen. Man sollte sich aber darum bemühen! Der europäische Widerstand gegen die russische Aggression sollte den Versuchungen der Sirenen widerstehen, die eine Niederlage besingen. Die falschen Noten der Kollaborateure können uns nicht dazu zwingen, unsere Hymne der Freiheit zu vergessen.
Nicht umsonst hat der englische Gelehrte Samuel Johnson (1709–1784) gesagt: „Weiß ein Mensch, dass man ihn in zwei Wochen hängt, fällt es ihm nicht schwer, seinen Geist zu schärfen.“ Mit vernichtender Verachtung hatte Lenin gespottet, dass die Kapitalisten das Seil selbst verkaufen, an dem man sie aufhängen wird. Im Januar 2024 war der 100. Todestag des verbrecherischen Bolschewiken, der noch immer im Mausoleum auf dem Roten Platz aufgebahrt ist, und das provokative Bild des „Seils“ hängt bis heute in der Welt. NordStream 2 wurde vor kurzem zur Fortsetzung dieses Seils. Nicht nur blinde Gier, sondern auch eine Reihe anderer Faktoren führen zu Nachgiebigkeit und zur „Normalisierung“ des Bösen.
Borys Chersonskyj, ein Schriftsteller aus Odessa schrieb 2023: „Stellen wir uns ein Fußballspiel mit seltsamen Regeln vor. Das Spiel wird nur auf der einen Seite des einen Teams gespielt. In einem Team spielen nur Angreifer, im anderen nur Verteidiger und Halbverteidiger. Auf der Ersatzbank (ich wollte schreiben: Anklagebank, aber das ist zu früh) sitzt eine unkontrollierbare Anzahl von Spielern, und der Trainer schickt sie in der Anzahl aufs Feld, die ihm notwendig erscheint. Die Schiedsrichter achten aufmerksam darauf, dass die Spieler des Verteidigerteams die Mittellinie des Feldes (die Grenze des Angreiferstaates) nicht überschreiten. Im Übrigen ist das Territorium des Angreiferteams zehn Mal so groß wie das Territorium des Verteidigerteams. So dass der Begriff ‚Mittellinie‘ nicht wirklich angemessen ist […] Jeder Versuch einer ernsthaften Verteidigung wird von den Kommentatoren als ‚Eskalation‘ erläutert.“
Verstehen Sie, füge ich heute hinzu, es handelt sich hier weder um deutschen noch um französischen oder italienischen Fußball. Es ist ein Spiel nach der Pfeife eines Tyrannen, der die Spielregeln nicht anerkennt. Warum sollten wir eine solch mörderische Perversion akzeptieren? Wer zwingt unserem Gewissen solche „roten Linien“ auf?
Der schrankenlose „Putin-Cocktail“
Der Putinismus ist eine zweifache Grenzüberschreitung: eine imperiale und eine kriminelle. Im 21. Jahrhundert ist das imperiale Modell, dem zufolge ein Staat ein Zentrum, aber keine Grenzen hat, ein Anachronismus. Die russische Versuchung, Nachbarterritorien zu erobern, illustriert schon lange die geographische und politische Karte des Kontinents. Die sowjetische Ausrichtung auf eine ideologische und militärische Expansion hat den Kollaps der Sowjetunion überlebt. Den imperialen Anachronismus und die Lieder über Grenzenlosigkeit hat Putin zusammen mit der sowjetischen Hymne zu neuem Leben erweckt.[4] Die Leerstelle des sowjetischen Diskurses hat Putins Regime mit Gaunersprache und Gangstermentalität gefüllt. Ein direkter Auswuchs der sowjetischen Politik war der Terror des GULag, doch hat er unter Breschnew nicht die Losungen und die Dekorationen des Systems bestimmt. Bei Putin jedoch rückt der Jargon der Knastbrüder à la Prigozhin und die kriminelle Matrix in den Vordergrund. Zum Schlüsselbegriff wird die willkürliche „Schrankenlosigkeit“ der Banditen (russ. bespredel). Die Schrankenlosigkeit des sowjetischen Regimes war die Kehrseite seiner Oberfläche. Die Schrankenlosigkeit des Putinismus wurde zum Gesicht seines Regimes. Im Wörterbuch der westlichen Konzepte fehlt jedoch ein „Begriff“ für den Gaunerjargon, der das Denken und den Diskurs des Kremls bestimmt. Daher kommen die Schwierigkeiten bei der Beschreibung des Übergangs von der Schrankenlosigkeit des Regimes in der UdSSR zum Regime der Schrankenlosigkeit des Putinismus. Die Ideologie der Schranken-losigkeit wurde zu Fleisch und Blut des imperialen Phantoms der grenzen-losen Expansion.
Die Einfachheit der chemischen Formel eines „Molotow-Cocktails“ und die Effizienz dieses explosiven Gemischs fördern seine Popularität. Die Kombination der dröhnenden imperialen Grenzverletzung mit krimineller Schrankenlosigkeit bezeichne ich als „Putin-Cocktail“. Dieser Cocktail trifft immer mehr den Geschmack anderer Diktatoren. Am Beispiel Russlands, des Irans und Nordkoreas sehen wir, wie die Aggression eines diktatorischen Regimes das andere anstachelt und motiviert. Die Dynamik dieses Prozesses könnten wir „imperialen Mimetismus“ nennen, geprägt durch die Feindseligkeit gegenüber dem Westen im Kampf um die Neugestaltung der Welt. Stößt der Versuch einer imperialen Revanche des Kremls nicht auf heftigen Widerstand, dann kann der „Putin-Cocktail“ zu einer mörderischen Droge werden.
Solidarischer Widerstand
Vielleicht haben Sie das Treffen der Präsidenten Frankreichs und Tschechiens und ihre solidarische Position mitverfolgt. Bei dieser Gelegenheit sagte Emmanuel Macron am 5. März 2024: „Wer hat den Krieg in der Ukraine angefangen? Vladimir Putin. Wer bedroht uns, egal was wir tun, egal was wir sagen, mit Atomwaffen? Präsident Putin. Wenden Sie sich an ihn, um zu erfahren, wo seine strategischen Grenzen liegen. Aber wenn wir jeden Tag erklären, wo unsere Grenzen liegen, gegenüber jemandem, der keine kennt und diesen Krieg begonnen hat, dann kann ich Ihnen jetzt schon sagen, dass dort der Geist der Niederlage lauert. Aber nicht bei uns.“ Der tschechische Präsident Petr Pavel bestärkte diese Position: „Wir wissen, wer das internationale Recht gebrochen hat und es weiterhin bricht. Wir wollen in einem Frieden leben, bei dem Recht und Regeln geachtet werden. Zu ihrer Verteidigung muss man neue Formen und neue Möglichkeiten finden. Man sollte sich nicht selbst dort einschränken, wo wir dazu nicht verpflichtet sind.“
Heute erklingt der berühmte Gedanke von Paul Valéry auf eine neue Weise und mit größerer Konkretheit: „Wir anderen Zivilisationen, wir wissen jetzt, dass wir sterblich sind.“ Die überholten Ideen des Selbstmords oder vom „alten Europa“ kann man für eine Weile getrost beiseitestellen. Wir wissen ganz genau, wer Europa ermorden will und das offen und mehrfach verkündet hat. Wie kann man dieses Verbrechen verhindern, wie entkommen? Die Tiefe der Frage Valérys muss um die praktische Erfahrung vorbeugender Maßnahmen eines Kommissars Maigret oder einer Miss Marple ergänzt werden. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 prägte der politische Philosoph Pierre Hassner den Aphorismus, wir seien aus der Welt Kants in die Welt Hobbes’ übergegangen. Auch heute würden wir lieber die Vorzüge der Welt der Vernunft von Kant und Locke genießen, doch sind wir in die kriminogene Welt von Georges Simenon, Agatha Christie und den Detektiven von Alfred Hitchcock übergegangen. Wobei wir keine passiven Leserinnen und Zuschauer sind, sondern echte Teilnehmer der Ereignisse, denen eine reale tödliche Gefahr droht.
Wir brauchen in diesem Jahr zwei strategische Schlüsselfähigkeiten: Erstens müssen wir den Unwillen überwinden, das reale Ausmaß von Putins Aggression gegen uns alle zu erkennen, und zweitens sollten wir unsere Aufmerksamkeit prioritär auf diejenigen richten, die fähig sind, im Nebel und in der Finsternis des Kriegs die Sicht nicht zu verlieren. Die Fragen des Widerstands in der Ukraine sind heute auch die Fragen des Widerstands in Europa. Zusammen haben wir eine reale und konkrete Chance, die tödliche Bedrohung zu erfassen und abzuwenden. Gerade dieser Widerstand verkörpert die brüchige Realität der Solidarität derjenigen, denen die Herausforderung gilt.
Anmerkungen:
[1]) Sigov, Konstantin: Die Freiheit der Ukraine und das Licht des Majdan. In: RGOW 42, 5–6 (2014), S. 42–45.
[2]) Arendt, Hanna: Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I, hg. von Ursula Ludz. München 2020, S. 8.
[3]) Vgl. Sigow, Konstantin: Ein Weckruf für Europa. Der Schatz des ukrainischen Widerstands. In: Ders.: Für Deine und meine Freiheit. Europäische Revolutions- und Kriegserfahrungen in Kyjiw (= Ukrainian Voices ). Stuttgart 2024, S. 109–119.
[4]) Anm. d. Red.: Ende 2000 wurde eine neue russische Nationalhymne mit der Melodie der sowjetischen Hymne eingeführt.
Übersetzung aus dem Russischen: Regula Zwahlen.
Konstantin Sigov, Professor für Philosophie, Gründungsdirektor des ukrainischen Verlags „Duch i Litera“ (Geist und Buchstabe) und des Zentrums für Geisteswissenschaftliche Europastudien der Kyjiwer Mohyla-Akademie, Kyjiw.
2024 erschien seine Textsammlung "Für Deine und meine Freiheit. Europäische Revolutions- und Kriegserfahrungen im heutigen Kyjiw" im ibidem-Verlag.
Bild: Der Dichter Maksym Kryvtsov (*1990) kämpfte seit 2014 in der ukrainischen Armee gegen Russland. Am 7. Januar 2024 ist er in der Region Charkiw gefallen (Foto: zVg).