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Buchbesprechungen

RGOW 11/2025
Stefan Kube, Regula M. Zwahlen, Stefan Schneider

Vier Buchbesprechungen zu:

Dietmar Schon (Hg.): „Nicht Konkurrenten, sondern Brüder…“;
Ksenia Luchenko: Mit guten Absichten;
Sergij Bulgakov: Die Weisheit Gottes;
Ana Siljak (ed.): Religion and Secular Modernity in Russian Christianity, Judaism, and Atheism

Dietmar Schon (Hg.): „Nicht Konkurrenten, sondern Brüder…“
Auf dem Weg zu einem neuen Miteinander von orthodoxer und katholischer Kirche
(= Schriften des Ostkircheninstituts der Diözese Regensburg, Bd. 9)
Regensburg: Verlag Friedrich Pustet 2023, 275 S.
ISBN 978-3-7917-3401-9. € 39.95; CHF 55.90.

Der Titel des vorliegenden Sammelbandes aus der Reihe des Ostkircheninstituts Regensburg nimmt eine Formulierung aus der Gemeinsamen Erklärung (Art. 24) von der Begegnung von Papst Franziskus und Patriarch Kirill in Havanna im Februar 2016 auf. Vor fast einem Jahrzehnt schien die ökumenische Situation noch ein andere gewesen zu sein und auf eine Annäherung zwischen der römisch-katholischen Kirche und der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) hinzudeuten. Von dieser optimistischen Einschätzung ist seit Russlands Großinvasion in die Ukraine und deren ideologische Rechtfertigung durch die Kirchenleitung der ROK nicht mehr viel übriggeblieben, was sich auch am Aufbau des Sammelbandes ablesen lässt.

Dieser geht ursprünglich auf eine, wegen der Corona-Pandemie mehrfach verschobene Tagung zu positiven Impulsen und Abgrenzungen zwischen der orthodoxen und katholischen Kirche, insbesondere in Form von Häresievorwürfen, zurück. Angesichts von Russlands Einmarsch in die Ukraine ist die Tagung und der Sammelband mit Beiträgen zur kirchlichen Situation in dem angegriffenen Land ergänzt worden. Der Wiener Ostkirchenkundler Thomas Mark Németh zeichnet so die Entwicklung der kirchlichen Landschaft im Jahr 2022 bis Anfang 2023 nach, wobei sein Hauptaugenmerk der Ukrainischen Orthodoxen Kirche gilt. Der Herausgeber Dietmar Schon analysiert das Dokument „The Ecumenical Position of the Ukrainian Greek-Catholic Church“ von 2022 und vergleicht es mit einer ersten Fassung aus dem Jahr 2016. Er würdigt das Dokument als „ökumenisch bedeutsam“, weil die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche (UGKK) weder Vorbedingungen für einen ökumenischen Dialog formuliere noch eine „Bringschuld“ anderer Kirchen einfordere. Kritisch vermerkt Schon jedoch das Fehlen von „geglückte[n] Beispiele[n] von Zusammenarbeit“; diese „hätten vermocht, den ökumenischen Bemühungen der UGKK noch klarere Konturen zu vermitteln und ökumenische Motivation in ihr zu stärken“ (S. 97).

Weitere Beiträge beschäftigen sich mit der ursprünglichen Tagungsthematik, so gibt der griechisch-orthodoxe Theologe Georgios Vlantis einen Überblick über den Häresiebegriff in der neugriechischen Theologie, und der rumänisch-orthodoxe Kirchenrechtler Răzvan Perşa beleuchtet, wie der Begriff „Häresie“ in der kanonischen Tradition der Orthodoxen Kirche bestimmt worden ist. Vor diesem Hintergrund wäre auch ein Beitrag zu den Häresievorwürfen orthodoxer Theologen gegenüber Patriarch Kirill wegen dessen Rechtfertigung des Kriegs aufschlussreich gewesen.

Stefan Kube

Ksenia Luchenko: Mit guten Absichten [russ. Благими намерениями]
Die Russische Kirche und die Macht von Gorbatschow bis Putin [Русская Церковь и власть от Горбачева до Путина]
StraightForward Foundation 2025, 438 S.
ISBN 978-601-82257-6-6. € 33.85.

Das auf Russisch erschienene Buch der Journalistin Ksenia Luchenko ist für alle, die sich mit der „Wiedergeburt“ und Entwicklung der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) seit der Perestrojka befassen, eine wichtige neue Quelle mit Handbuchcharakter. Luchenko ist eine gefragte Expertin für die Russische Kirche, ihren Telegram-Kanal „Orthodoxie und Zombies“ betreibt sie seit 2022 aus dem Exil. Den „Weg [der russischen Kirche] in die Katastrophe“ beschreibt sie aus „der Distanz als Journalistin“, aber auch als orthodoxe Christin, einige Jahre war sie zudem Mitarbeiterin in der Medienabteilung des Moskauer Patriarchats. Ihr Fazit: „30 Jahre in Folge hat die Kirche sowohl als offizielle Institution als auch als Gemeinschaft von Menschen konsequent bei jeder Weggabelung eine Wahl getroffen, die sie zur Teilnahme an diesem blutigsten und hinterhältigsten Krieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg geführt hat, diesem Krieg zwischen zwei mehrheitlich orthodoxen Ländern“ (S. 12).

Es handelt sich um keine umfassende historische Studie, sondern um einen journalistisch recherchierten Rückblick auf ausgewählte Prozesse (von der Tausendjahrfeier der ROK 1988 über die „Atom-Orthodoxie“ bis zum Pussy Riot-Skandal und dem Bau der Kathedrale für die Streitkräfte in Moskau) und vor allem um Porträts vieler Schlüsselfiguren (u. a. Tichon Schevkunov, Konstantin Malofejev, Vsevolod Tschaplin) in ihren Wechselbeziehungen mit anderen gesellschaftlichen und staatlichen Akteuren. Viele Fragen bleiben offen, Gerüchte werden als solche bezeichnet, und man erfährt auch Pikantes: So sei der heutige Patriarch Kirill (Gundjajev) als Metropolit an einer ukrainischen Autokephalie interessiert gewesen: als Plan B für einen Führungsposten in Kyijw, falls es in Moskau nicht funktioniert hätte (S. 263). Wie die Wahl Kirills zum Patriarchen vonstatten ging, erfährt man im Kapitel 11 „Der vollkommen sowjetische Patriarch“. 16 Kapitel spannen sich zwischen dem ersten, das mit der Ermordung von Priester Alexander Men’ am 9. Januar 1990 beginnt, und dem letzten, das mit der ersten Osterliturgie von Priester Alexej Uminskij im Mai 2024 im Pariser Exil endet.

Eigentlich präsentiert Luchenkos breites Panorama keinen unausweichlichen Determinismus, sondern die Kontingenz und Vielfalt der jüngsten Geschichte des Kirche-Staat-Verhältnisses, in der auch andere Wege hätten eingeschlagen werden können. Was den Titel angeht, stellt sich die Frage, ob alle Akteure immer nur „mit guten Absichten“ gehandelt haben? Vier Kapitel existieren bereits in englischer Übersetzung: https://www.straightforward.foundation/books/good-intentions

Regula M. Zwahlen

Sergij Bulgakov: Die Weisheit Gottes
Sophiologie im Überblick
(= Sergij Bulgakov, Werke Bd. 6)
Münster: Aschendorff Verlag 2024, 246 S.
ISBN 978-3-402-12170-2. € 48.–; CHF 67.90.
Mit dem sechsten Band der deutschen Werkausgabe von Sergij Bulgakov (1871–1944) macht das Sergij Bulgakov Forschungszentrum an der Universität Fribourg unter der Leitung von Barbara Hallensleben und Regula M. Zwahlen Die Weisheit Gottes einem deutschsprachigen Publikum zugänglich. Das 1937 vor dem Hintergrund der „Sophia-Kontroverse“ für westliche Leser in englischer Übersetzung publizierte Werk bietet einen fundierten Einstieg in das Denken des bedeutenden christlichen Visionärs. Fernab von weltverneinender Gnosis und esoterischen ‚Geheimlehren‘, mit welchen die Sophiologie irrtümlich assoziiert wurde, geht es dabei „in Wirklichkeit um ‚das Wesen des Christentums‘“. Für den Autor ist die Sophiologie eine legitime theologische Weltanschauung, die „ein besonderes Verständnis aller christlichen Lehren und Dogmen“ (S. 11) erschließt und ein besonderes ökumenisches Potenzial birgt.

Bulgakov präsentiert die biblische Lehre von der Weisheit Gottes als Schlüssel zu einem positiven Verständnis der Zweinaturenlehre (Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch), die im Konzil von Chalcedon (451) rein negativ bestimmt wurde (ungetrennt und unvermischt usw.). Die Lösung dieses christologischen Rätsels sieht der christliche Philosoph in dem Gott und Welt integrierenden Prinzip der Sophia und dem damit verbundenen Dogma der Gottmenschheit. In ihrem für Bulgakov-Einsteiger sehr wertvollen Geleitwort sprechen die Herausgeberinnen von einem „göttlichen Prinzip in der Schöpfung, das die Gottebenbildlichkeit des Menschen und die Inkarnation Christi ermöglicht“ (S. V). Darin fand Bulgakov zugleich eine Antwort auf das Problem des „ökonomischen Materialismus“, der wirtschaftlichen Abhängigkeit des Menschen von der Materie. Die Materie erscheint dabei nicht als gnostisches Übel, das es zu überwinden gilt, sondern als potenziell sakramentale Realität, die dem Beispiel Christi folgend zu transfigurieren ist.

Da sich alle christlichen Kirchen auf die Christologie von Chalcedon berufen, sah Bulgakov in seiner sophiologischen Interpretation eine hoffnungsvolle Perspektive für die Ökumene, die zu fördern ein Hauptanliegen von Die Weisheit Gottes ist. Inhaltlich entfaltet Bulgakov sein sophiologisches Verständnis zentraler christlicher Dogmen, angefangen bei der Dreieinheit, über die Inkarnation, Pfingsten, die Verehrung der Gottesgebärerin bis hin zur Kirche. Neben hilfreichen Erläuterungen zum Text und einer Bibliografie zu Bulgakovs Werken enthält die Ausgabe ein Protokoll von Bulgakovs Seminar über die Sophia für ein vertieftes Studium.

Stefan Schneider, Wien

Ana Siljak (ed.)
Religion and Secular Modernity
In Russian Christianity, Judaism, and Atheism
Cornell University Press 2024, 297 S.
ISBN 978-1-501778162. USD 56.95.

Während in Russland gegenwärtig nur ein Narrativ der russischen religiösen Geschichte dominiert, nämlich das einer tausendjährigen Geschichte der „russischen Welt“, deren starker Glaube an die „Heilige Rus“ schon immer den säkularen Idealen des Westens widerstanden habe, möchte dieser Sammelband zahlreiche alternative Stimmen zu Gehör bringen, die in der russischen Ideengeschichte entwickelt wurden (S. 1). Dabei liegt der Fokus des Bandes nicht auf Konzepten eines atheistischen Säkularismus, der Religion als Gegensatz zur Vernunft bekämpfte, sondern um vorwiegend konstruktive religiöse Auseinandersetzungen mit der Säkularisierung, die die Trennung von Kirche und Staat und die Gewissensfreiheit begrüßt und religiös begründet haben (S. 210–211).

Zwei Beiträge im ersten Teil „Kirche und Staat“ verweisen auf Komplexitäten und Veränderungen des Verhältnisses der beiden Institutionen, wobei Nadieszda Kizenko auf die Modernität kirchlicher Entwicklungen in Russland, und Kristina Stoeckl auf zwei Ebenen einer staats- und volksorientierten Kirchlichkeit verweisen. Der zweite Teil fokussiert auf einzelne Intellektuelle in ihrem komplexen und unterschiedlichen Umgang mit dem säkularen Konzept der Nation (Vl. Solovjov, S. Bulgakov, S. Trubetskoj), auf sowjetische Intellektuelle, die innerhalb säkularer Kreise quasi-religiöse Strukturen entwickelten, und auf Priester Alexander Men’, der innerhalb sowjetischer Strukturen einen jüdisch-christlichen Dialog zu etablieren versuchte. Im dritten Teil zeigen Beispiele aus Literatur und Kunst (anhand der Poetin Zinaida Gippius, des Schriftstellers Maxim Gorki, des Malers Kazimir Malevich und des sowjetischen jiddischen Theaters) bisher weniger bekannte Korrelationen zwischen religiösen und säkularen Thematiken auf.

Im vierten Teil zu kulturübergreifenden Dialogen werden britische Imaginationen der „antimodernen“ russischen Orthodoxie untersucht wie auch die Erfahrungen der russischen Molokanen-Gemeinschaften im Kontext der russischen und amerikanischen Modernität. Der Beitrag von Clemena Antonova verweist auf die Verbundenheit russischer religiöser Philosophie mit der westlichen: Erstere entwickelte innovative Ansätze zur Rolle der Religion in der Moderne, die in aktuellen Debatten hinsichtlich einer Neubestimmung des Säkularisierungsbegriffs im Westen bereichernd sein könnten (S. 208). Randall Poole verweist im Nachwort auf Denktraditionen eines rationalen Theismus, eines religiösen Humanismus und des Liberalismus, die „im gegenwärtigen Russland leider eine Gegen-Tradition bleiben“ (S. 217).

Regula M. Zwahlen

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