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Buchbesprechungen

RGOW 5/2025
Stefan Kube, Regula M. Zwahlen, Natalija Zenger

Vier Buchbesprechungen zu

Carrie Frederick Frost: Church of Our Granddaughters
Abel H. Manoukian: The Deaconesses of the Armenian Church
Teresa Obolevitch: Myrrha Lot-Borodine: The Women Face of Orthodox Theology
Sofi Oksanen: Putins Krieg gegen die Frauen

Carrie Frederick Frost: Church of Our Granddaughters
Eugene (OR): Wipf and Stock Publishers 2023, 114 S.
ISBN 978-1-6667-4485-9. 35.99 €; CHF 51.90.

„Wie hältst Du das aus?“ wurde die Autorin, orthodoxe Theologin in den USA gefragt. Es ging um das „Frauenproblem“ in der Orthodoxen Kirche und die Tatsache, dass „Frauen in der Orthodoxen Kirche aufgrund ihres patriarchalen Ethos viel zu oft klein gehalten, abgewertet und entrechtet“ werden (S. 3). Doch Carrie Frederick Frost hat eine Vision: Sie will zeigen, dass viele historisch gewachsene Praktiken der Kirche, die zur Abwertung von Frauen führen, nicht mit orthodoxer Theologie übereinstimmen, die die Würde der Frau als Ebenbild Gottes anerkennt. Deshalb gehe es beim „Frauenproblem“ nicht nur um Frauen, sondern um „kosmische“ Fragen der theologischen Anthropologie (S. 4–5).

Mit diesem kompakten Buch will die Autorin eine Debatte in ihrer Kirche anstoßen, die sich im Umbruch befindet, und in der Priester erfinderisch werden, wenn ihnen eine rituelle Tradition selbst unangemessen scheint: Ein Ritual, das eine Mutter nach der Geburt eines Kindes empfängt, enthält ein Gebet für ihre Befreiung von Unreinheit. Die Autorin hat selbst erlebt, dass ein Priester dieses Gebet deswegen in einer für sie und die Gemeinde unverständlichen Sprache sprach. Es gibt keine theologische Grundlage für die weibliche „Unreinheit nach der Geburt“, wie auch nicht für die Unreinheit während der Menstruation, während der eine Frau laut streng orthodoxer Praxis keine Kommunion einnehmen darf (S. 44). Auch der weibliche Körper sei mit der Inkarnation gewürdigt worden, und die Menstruation als Zeichen der Fruchtbarkeit habe nichts mit Unreinheit zu tun (S. 36–37). Weitere stoßende liturgische Texte machen eine Frau für jede Fehlgeburt wie für eine Abtreibung verantwortlich.

Frederick Frosts Visionen und Argumentationen sind in sechs Kapitel gegliedert: „Frau und Mann“, „Menstruation“, „Churching“ (Taufe, Begrüßung von Mutter und neugeborenem Kind), „Fehlgeburt“, „Leadership“ und „Ordination“. In „Leadership“ geht es darum, existierende, „unsichtbare Leitungsfunktionen“ von Frauen in den Kirchen (z. B. geistliche Begleiterinnen, Administratorinnen, Buchhalterinnen, Katechetinnen) und „mindere liturgische Rollen“ (Lektorin, Kantorin, Subdiakonin) sichtbarer zu machen, indem sie offiziell eingesetzt und gesegnet werden. Offiziell ordiniert werden sollen Diakoninnen in ein Amt, das in der frühen Kirche auch Frauen ausüben konnten und das wieder eingeführt werden sollte. Ob Frauen Priesterinnen sein können, sei deshalb eine andere Diskussion, die aber ebenso theologisch geführt werden müsse (S. 95). Letztlich hofft die Autorin, dass „dieses Buch zur Zeit unserer Enkelinnen obsolet sein wird“ (S. 97), weil sie als Personen einschließlich ihrer „inkarnationalen Realitäten als Frauen“ wertgeschätzt werden. Das heißt bald, denn Großmutter ist die Autorin bereits.

Regula M. Zwahlen

Abel H. Manoukian: The Deaconesses of the Armenian Church
(= Studia Oecumenica Friburgensia 113)
Münster: Aschendorff Verlag 2024, 189 S.
ISBN 978-3-402-12276-1. € 38.–; CHF 52.90.

In den neutestamentlichen und frühchristlichen Schriften ist die Existenz von Jüngerinnen, Prophetinnen, Witwen und Diakoninnen belegt, die Dienste in den christlichen Gemeinden übernahmen. In der Armenischen Apostolischen Kirche hat die Tradition von Diakoninnen bis heute überlebt, wobei es allerdings auch viel Unkenntnis darüber gibt und die Wiederbelebung dieses Amts innerkirchlich auf viele Widerstände stößt. Abel H. Manoukian, selbst Priester der Armenischen Apostolischen Kirche, hat sich deshalb auf eine historische Spurensuche nach Diakoninnen begeben und geht der Frage nach, „ob es eine Tradition gibt, nach der Frauen an den Altar treten dürfen, um verschiedene liturgische Handlungen vorzunehmen“ (S. 11).

Er rekapituliert dazu die neutestamentlichen Textstellen, geht auf frühchristliche „Kirchenordnungen“ (vor allem aus dem syrisch-sprachigen Milieu) ein und zeigt auf, dass die „klassische Periode“ des weiblichen Diakonats vom 4. bis ins 11. Jahrhundert reichte (S. 31), danach verlor es an Bedeutung. In der armenischen Kirche ist das Amt der Diakonin aber auch nach dem 12. Jahrhundert belegt: sowohl im armenischen Kernland als auch später in der Diaspora, wobei das Amt nie unumstritten war. Neben zahlreichen schriftlichen Quellen hat Manoukian auch eine beeindruckende fotografische Dokumentation vom Wirken von Diakoninnen in der armenischen Kirche zusammengetragen.

Nachdem es zu Beginn des 21. Jahrhunderts den Anschein hatte, dass das Frauendiakonat auch in der armenischen Kirche im Erlöschen begriffen ist, weihte 2017 Erzbischof Sebouh Sarkissian von Teheran, der dem Katholikat von Kilikien untersteht, mit Ani-Kristi Manvelian wieder eine Frau zur Diakonin. Dieser „glückliche Umstand“ stieß jedoch auf Kritik aus Etschmiadsin (S. 137, 140). Auch wenn Ani-Kristi Manvelian momentan die einzige Diakonin der Armenischen Apostolischen Kirche und somit die Zukunft dieses kirchlichen Amts ungewiss ist, hofft Manoukian auf einen „erfrischenden Regen“ für das „ausgedörrte Feld unserer Kirche“. Dazu formuliert er abschließend mehrere Punkte, die es zu beachten gelte: So sollte unter anderem der Dienst von Diakoninnen nicht ausschließlich auf Nonnenkloster beschränkt werden. Der Zölibat sollte keine zwingende Anforderung sein, um Frauen zu Diakoninnen zu weihen. Manoukin unterstreicht zudem, dass Diakoninnen und Diakone die gleichen missionarischen und rituellen Rechte haben sollten. Für ihn ist auch klar, dass die Frage nach der Beteiligung von Frauen an der kirchlichen Hierarchie mit dem Diakonat beginnt, aber nicht damit endet (S.142–145).

Stefan Kube

Teresa Obolevitch: Myrrha Lot-Borodine. The Woman Face of Orthodox Theology
St Paul (MN): IOTA Publications 2024, 299 S.
ISBN 978-1-7352951-7-6. USD 56.95.

In der Zwischenkriegszeit fanden in Paris zahlreiche Begegnungen zwischen französischen und russischen religiösen, katholischen, protestantischen und orthodoxen Intellektuellen statt. Dieses Buch zeigt, dass eine russische Historikerin eine der wichtigsten Akteurinnen für diesen nachhaltigen intellektuellen Austausch war: Myrrha Lot-Borodine (1882–1957). Teresa Obolevitch, Professorin für Philosophie an der Johannes Paul II.-Universität in Krakau, und Expertin für russische und orthodoxe Philosophie und Theologie, bringt mit ihrer Monographie über Lot-Borodine neues Licht in die „intellectual history“ der Ökumene im 20. Jahrhundert.

Die in Russland aufgewachsene Lot-Borodine kannte alle bekannten Figuren der russisch-orthodoxen Diaspora persönlich: Berdjaev, Schestov, Fedotov, Karsavin, Bulgakov, Frank, Struve, Florovskij und Losskij, korrespondierte mit ihnen und nahm an ihren Debatten teil. Obwohl sie sich in diesen Kreisen immer als Outsiderin fühlte und lange als zweitrangige Figur dieser Szene galt, zeigt Obolevitchs Porträt und detailliert recherchierte Studie, dass ihr (und auch anderen Frauen der russischen Emigrantenzirkel) dies in keiner Weise gerecht wird. Nach dem Studium von Geschichte und Literatur in Paris entwickelte sie sich im Verlauf ihres Lebens an der Seite ihres Ehemanns, dem Professor für Geschichte des Mittelalters Ferdinand Lot an der Sorbonne, zu einer herausragenden Expertin für Patristik und Byzantinistik. Ihre Artikel in theologischen Zeitschriften weckten bei vielen später berühmten katholischen Theologen wie Breton, Chenu, Daniléou und Congar das Interesse für orthodoxe Theologie, was für das Zweite Vatikanum fruchtbringend war. Das vor allem in der englischsprachigen orthodoxen Theologie heute populäre Thema der „Theosis“ und überhaupt die ostchristliche Anthropologie wurde vor allem durch Lot-Borodines Werk einem westlichen Publikum zugänglich gemacht (S. xiv, 261).

Das Buch erzählt von ihrem vielseitigen Leben als Historikerin, Dichterin, Mutter, Feministin und (auch finanzielle) Unterstützerin von Personen und sozialen Werken (u. a. Mutter Maria Skobtsovas Sozialwerk) einschließlich der französischen Résistance im Zweiten Weltkrieg. Der zweite Teil zeigt ihr vielschichtiges Verhältnis zur Orthodoxie in strikter Ablehnung von russischem Nationalismus, ihre Überzeugung für einen christlichen Humanismus und ihr Engagement für die Ökumene. Die Kapitel 3 und 4 präsentieren ihre Studien zur mittelalterlichen Literatur und ihre wichtigen patristischen Studien. Im fünften Kapitel werden ihre Bekanntschaften mit den oben genannten Denkern anhand von Briefwechseln nachgezeichnet. Das Buch ist überaus lebendig und spannend geschrieben und regt zu weiteren Studien an.

Regula M. Zwahlen

Sofi Oksanen: Putins Krieg gegen die Frauen
Köln: Kiepenhauer & Witsch 2024, 336 S.
ISBN 978-3-462-00691-9. € 24.–; CHF 34.90.

Mit „Putins Krieg gegen die Frauen“ hat die finnisch-estnische Schriftstellerin Sofi Oksanen einen kämpferischen Essay geschrieben, in dem sie die in der Ukraine verübte sexuelle Gewalt mit einem im russischen Machtsystem verinnerlichten Frauenhass und Russlands unaufgearbeiteter Gewaltgeschichte verbindet. Zunächst legt sie dar, dass sexuelle Gewalt als Kriegswaffe zu betrachten ist. Diese werde in der Ukraine systematisch gegen Zivilpersonen und Kriegsgefangene beider Geschlechter angewendet, wie schon in früheren russischen Kriegen, insbesondere im Zweiten Weltkrieg. Russland habe „sexuelle Gewalt zu einer Waffe und zu einem Abschreckungsmittel über Geschlechter und Nationalitäten hinweg gemacht“ (S. 30).

Dabei bezieht sich Oksanen auf die sowjetische Geschichte, insbesondere auf Estland und das Baltikum unter sowjetischer Okkupation. Diese verbindet sie mit ihrer eigenen Familiengeschichte, vor allem anhand ihrer estnischen Großtante, die aufgrund sexueller Gewalt durch sowjetische Soldaten zu sprechen aufgehört hatte. Oksanen zeigt auf, wie die zu Sowjetzeiten ständig wiederholten Nazi- und Faschismusbeschuldigungen zur Schaffung langlebiger Feindbilder und mangelnder Empathie gegenüber den okkupierten Völkern geführt haben. Weiter schildert sie, wie Terror und Deportationen in den besetzten ukrainischen Gebieten ebenso wie früher in der Sowjetunion dazu dienen, nationale Gruppen und ihre Identitäten zu schwächen. Deportationen seien „ein altes Mittel des russischen Imperialismus, das noch immer in Gebrauch ist, weil Russland nie für seine früheren Zwangsumsiedlungen zur Verantwortung gezogen wurde“, und das dazu diene, „ethnische Besonderheiten auszumerzen“ (S. 221).

Innenpolitisch begünstigten in Russland die Rückschritte bei Frauenrechten, wie die weitgehende Entkriminalisierung häuslicher Gewalt, eine verbreitete Frauenfeindlichkeit und damit auch ein gesellschaftliches Klima, in dem sexuelle Gewalt akzeptiert ist. Dem Erhalt des patriarchalen Systems dienten auch die Bildung und die Russinnen, die ihre Kinder systemkonform erziehen.

In ihrem Essay übt Oksanen harsche Kritik an Russland und seiner Politik, aber auch am russischen Selbstverständnis, das von breiten Bevölkerungsschichten geteilt wird. Manche Schlussfolgerungen mögen etwas vereinfacht sein, die Autorin hat aber auch keine wissenschaftliche Abhandlung beabsichtigt. Ihr geht es darum, den Westen dafür zu sensibilisieren, dass Russland nach wie vor imperial und kolonial ist, seine Gewaltgeschichte nie aufgearbeitet hat, von einer patriarchalen Gesellschaftsstruktur geprägt ist und darum für seine Nachbarn eine Gefahr darstellt.

Natalija Zenger

 Bild: Shutterstock.com

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