
Blutige Hände. Die visuelle Sprache der serbischen Proteste
RGOW 9/2025
Die andauernden Studierenden- und Bürgerproteste in Serbien werden von einer eindrucksvollen und anschlussfähigen visuellen Sprache begleitet. Anfangs wurde die Symbolik der Proteste vor allem von Studierenden geprägt, doch sind mittlerweile unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zu Ideengebern geworden. Einige Symbole knüpfen bewusst an die Proteste von 1996/97 und 2000 gegen das Milošević-Regime an und betonen so den andauernden Kampf um eine bessere Zukunft des Landes.
Am 1. November 2024 stürzte das neu errichtete Vordach des Bahnhofs von Novi Sad ein, wobei 16 Menschen ums Leben kamen, und eine Person verletzt wurde. Dieses tragische Ereignis löste die größten politischen Proteste in der Geschichte Serbiens aus und symbolisiert die Korruption des herrschenden Regimes. Zu Beginn der Proteste im November und Dezember 2024 hätte kaum jemand die historischen Ausmaße der Empörung und des zivilen Ungehorsams vorausahnen können. Noch weniger konnten sich vorstellen, dass die spontanen Äußerungen von Trauer und Unmut zu einer neuen Bürgerbewegung führen würden. Die Hartnäckigkeit der Protestierenden überraschte und erboste das Regime, dessen Reaktion zunehmend autoritär ausfiel. Erstmals verlor das Regime die Initiative und war gezwungen, zu reagieren und überstürzte Entscheidungen zu treffen. Im Gegensatz zu früheren Protesten, die in der Regel nach wenigen Wochen oder Monaten an Schwung verloren hatten, schien das Protestmuster diesmal anders zu sein.[1]
Die einfachste Erklärung hierfür sind die serbischen Studierenden. Anders als bei früheren Protesten, die von Oppositionsparteien angeführt wurden, deren Ruf von jahrelanger Propaganda des Regimes und ihrer eigenen Misserfolge beschädigt war, entstand diese Bewegung außerhalb der traditionellen politischen Arena. Für die üblichen Gegner hatte das Regime ein Drehbuch: sie als Verräter oder als ausländische Agenten zu brandmarken sowie auf deren Eitelkeit und Eigeninteressen zu setzen, damit sie sich nicht vereinten.
Diese Strategie funktionierte bei der Studentenbewegung nicht. Die Studierenden agierten als vereinte Front, ohne Parteistrukturen oder Hierarchien, die von den regimekontrollierten Medien angegriffen werden konnten. Versuche, die Studierenden, eine ganze soziale Gruppe, als Spione oder Faschisten zu diffamieren, schlugen fehl, selbst bei Bürgern, die sich zuvor nicht politisch engagiert hatten. Was die Studierenden auszeichnete, war nicht nur ihre Jugend oder die natürliche Zuneigung, die sie in der Öffentlichkeit genossen, sondern auch ihre strategische, taktvolle Kommunikation, die sich oft auf eine kraftvolle Bildsprache und symbolische Aktionen stützte, die auf breite Resonanz stießen.
Es gibt keine allgemeingültige Definition für visuelle Sprache, und die Erklärungen variieren je nach akademischer Disziplin. In diesem Beitrag wird visuelle Sprache als jedes nicht-linguistische System von Zeichen und Codes verstanden, das Bedeutung durch Bilder vermittelt. Diese Bilder können von Text begleitet werden, aber ihre Bedeutung ist nicht davon abhängig. Der Fokus liegt auf Bildern mit einer eigenen Bedeutung, was W. J. T. Mitchell 1994 in seinem Buch Picture Theory: Essays on Verbal and Visual Representation als „pictorial turn“ in der zeitgenössischen Theorie beschrieben hat: eine Verlagerung der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit von Sprache und Text hin zur Untersuchung von Bildern und visueller Kultur in verschiedenen Disziplinen. Obwohl einige Kritiker von Mitchell, wie beispielsweise Strukturalisten und Marxisten argumentieren, dass Bilder kaum eine Bedeutung haben können, die unabhängig von der Sprache und den spezifischen kulturellen und materiellen Kontexten ist, in denen sie entstehen, lässt sich dennoch nicht bestreiten, dass unsere heutige Kultur eine visuelle Kultur. Ein Großteil unserer Kommunikation wird durch Bilder materialisiert, oft mit universell akzeptierten Bedeutungen, deren Ursprünge sich aufgrund von Anpassung, Vervielfältigung und viralen Phänomenen wie Memes, Stickern oder Emojis nur schwer zurückzuverfolgen lassen.
Die blutige Hand
Zum bekanntesten Bild der Bewegung wurde von Beginn an das Symbol der blutigen Hand. Das Abstreiten der Verantwortung durch das Regime, von Präsident Aleksandar Vučić derart geäußert, dass das Vordach gar nicht erneuert worden sei, war eine offensichtliche Lüge. Diese Behauptung löste eine Reihe widersprüchlicher Erklärungen und Rechtfertigungen von Regierungsvertretern aus. Ein Großteil der Öffentlichkeit erkannte die schlampige, Macbeth-artige Reaktion als das, was sie war: ein Schauspiel von Unsicherheit, verwurzelt in tiefsitzender Korruption und Schuld, deren fatale Folgen nicht mehr zu übersehen waren.
Die blutige Hand vermittelte eine treffende und eindeutige Botschaft. Sie war nicht nur ein allgemeines Symbol für systemisches Versagen, politische Gewalt oder demokratischen Rückschritt wie bei früheren Protesten, noch eine rein symbolische Verurteilung verletzter politischer Normen. Stattdessen stellte sie eine kühne Anklage aufgrund eines konkreten Verbrechens mit echten, menschlichen Opfern dar. Mit der blutigen Hand fällten die Protestierenden ein klares Urteil: Ihr seid Mörder. Ihr Blut klebt an euren Händen. Und wenn ihr damit durchkommt, hättet ihr ungestraft einen Mord an 16 Menschen mit Namen und Gesichtern begangen. In den folgenden Monaten wurde die blutige Hand zum markantesten Symbol der Proteste. Sie tauchte auf Bannern, Aufklebern, Kleidern und Badges auf. Online diente sie als inoffizielles Logo der protestierenden Studenten und Bürgerinnen, wurde häufig in sozialen Medien verwendet und war ein beliebtes Wasserzeichen für digitale Inhalte.
Dies ist nicht das erste Mal, dass ein Hand-Symbol bei Protesten in Serbien verwendet wird. Während der Demonstrationen 1999–2000 hatte die Anti-Milošević-Aktivistenorganisation Otpor (Widerstand) eine geballte schwarz-weiße erhobene Faust als Emblem gewählt. Angesichts der Tatsache, dass ein Großteil der aktuellen politischen Elite Serbiens, einschließlich des Präsidenten selbst, Teil des autoritären Regimes von Milošević war, blieb die Ähnlichkeit zwischen den beiden Handsymbolen nicht unbemerkt. Die rote Hand wurde bald als Symbol einer „Farbrevolution“ bezeichnet – ein Begriff, der von autoritären Regimes in Europa häufig verwendet wird, um pro-demokratische und Anti-Korruptions-Bewegungen als von ausländischen Kräften gesponsert und destruktiv zu diskreditieren und zu delegitimieren.
Doch die Ähnlichkeit zwischen den beiden Symbolen endet beim Objekt der Darstellung – der Hand. Die Faust von Otpor stellte die Hand einer wütenden, mobilisierten Jugend dar und diente als Rekrutierungsinstrument für eine bestimmte Aktivistenorganisation. Im Gegensatz dazu ist die blutige Hand eine Darstellung der Hand des Regimes, die von Verantwortungslosigkeit und Schuld gekennzeichnet ist. Sie mobilisiert nicht im Namen einer Organisation, sondern fällt vielmehr ein zivilgesellschaftliches Urteil. Dieser Unterschied macht die blutige Hand zu einem kraftvollen, generationenübergreifenden visuellen Symbol, dessen Botschaft direkt, emotional und leicht verständlich ist.
Mächtig wie ein Ferrari
Während das Regime versuchte, die blutige Hand mit der Faust von Otpor in Verbindung zu bringen, unterscheiden sich die beiden Symbole sowohl visuell als auch kontextuell deutlich voneinander. Andere visuelle Symbole vermögen jedoch aussagekräftige Bezüge zwischen den aktuellen Protesten und denen der 1990er Jahre herstellen. Ein solches Symbol ist die Ferrari-Flagge. Während der von Studierenden angeführten Proteste von 1996/1997, die von Miloševićs Wahlbetrug ausgelöst worden waren, brachte eine Gruppe von Freunden und Formel-1-Fans jeden Tag eine rote Ferrari-Flagge zu den Demonstrationen mit. Die Flagge stand für Widerstandsfähigkeit, Beharrlichkeit und den Glauben an eine bessere, modernere Zukunft für Serbien – ein Serbien so elegant, gut geölt und leistungsstark wie ein Ferrari. In der vordigitalen Zeit ohne Smartphones diente die Ferrari-Flagge auch einem praktischen Zweck: sie wurde zu einem Treffpunkt, einem erkennbaren Orientierungspunkt, der den Demonstranten half, sich zurechtzufinden und neu zu formieren.
Obwohl Ferrari-Flaggen bereits bei früheren Protestaktionen aufgetaucht waren, wurden sie erst ab Dezember 2024 zu einem verbreiteten Symbol und sind seitdem auf den Straßen sichtbar geblieben. Bei der Demonstration am 15. März 2025 in Belgrad, der größten öffentlichen Versammlung in der Geschichte Serbiens, waren Dutzende verschiedene Ferrari-Flaggen in der Menge zu sehen. Sie symbolisierten eine Kontinuität mit den Protesten der 1990er Jahre. Viele empfanden, dass die Ziele des Aufstands vom 5. Oktober 2000 nicht vollständig erreicht worden seien, und dass die aktuelle Bewegung eine „zweite Runde“ des gleichen Kampfs darstelle, in der viele gleiche Akteure ähnliche Rollen spielen. So war der aktuelle Präsident und autoritäre Herrscher Serbiens von 1998 bis 2000 Miloševićs Kommunikationsminister.
Während die Ferrari-Flaggen vor allem von Protestierenden der Generation X getragen wurden, von denen viele an den Anti-Milošević-Demonstrationen teilgenommen hatten, zogen sie auch die Aufmerksamkeit jüngerer Teilnehmer:innen auf sich. Mit der Zeit machte sich auch die jüngere Generation die symbolische Bedeutung der Flaggen zu eigen. Das Gefühl generationenübergreifender Einheit und Kontinuität kam eindrucksvoll zum Ausdruck, als Studierende bei einer ihrer ersten Demonstrationen ein Banner mit der Aufschrift „Beograd je opet svet“ („Belgrad ist wieder die Welt“) trugen, wobei „wieder“ rot hervorgehoben war. Das war ein direkter Bezug auf das ikonische Banner „Beograd je svet“ („Belgrad ist die Welt“) der Studentenprotesten von 1996/1997. Als die Studierenden im April 2025 eine Fahrradtour nach Strasbourg organisierten, hatten einige eine Ferrari-Flagge dabei, so dass sie offenbar zu einem integralen Teil des studentischen Kampfs geworden war. In der Regel waren es die Studierenden, die die visuelle Identität der Protestbewegung prägten. Mit der Ferrari-Flagge übernahmen sie jedoch zum ersten Mal ein Symbol, das aus der breiteren Bürgerschaft stammte, die sie zu den Demonstrationen eingeladen hatten.
Auf, auf, Reiter von Rohan!
Flaggen spielen eine wichtige visuelle Rolle bei den Protesten in Serbien. Obwohl einige Symbole, wie die blutige Hand oder Ferrari, als omnipräsent und prägend für die Bewegung angesehen werden, sind sie keineswegs vorherrschend. Während der Winterproteste Anfang 2025 tauchten erstmals Flaggen der fiktiven Königreiche Rohan und Gondor aus J. R. R. Tolkiens Herr der Ringe auf. Es ist unklar, wer als erstes „die Leuchtfeuer von Gondor entzündete“, aber sobald dies geschehen war, war Gondor bereit und Rohan antwortete.
Die von Tolkien inspirierte Symbolik wurde schnell an den Kontext und die Dynamik der Proteste angepasst. Die Flagge von Gondor signalisierte in der Regel, dass die Protestierenden Einheimische sind, Bewohner der Stadt, in der der Protest stattfand. Für einen Tag wurde ihre Stadt zu Minas Tirith. Im Gegensatz dazu standen die Flaggen von Rohan für diejenigen, die von woanders angereist waren, um am Protest teilzunehmen. Da es oft Studierende waren, die zu Massenversammlungen in wichtigen Städten aufriefen, hissten diejenigen, die diesem Aufruf folgten und damit an Rohans Hilfe für Gondor während der Belagerung von Minas Tirith anknüpften, häufig Rohan-Fahnen.
Die Flagge von Rohan war besonders beliebt bei Motorradfahrern, die sich der Bewegung anschlossen. Diese Motorradgruppen reisten von Stadt zu Stadt und nahmen an allen größeren Protesten teil. Ihr dramatischster Auftritt war am 15. März, als Hunderte durch die Belgrader Innenstadt fuhren und ein beindruckendes visuelles Schauspiel boten. Indem sie die Flagge von Rohan schwenkten, spielten die Motorradfahrer die Kavallerie der Proteste, bereit, jederzeit und überallhin zu fahren, wenn die Studierenden und Bürger nach Unterstützung riefen.
Die Verwendung von Tolkien-Bezügen kann auch durch eine ökologische Brille gelesen werden. Die Zerstörung natürlicher Lebensräume und der rücksichtslose Ressourcenabbau sowie ihre Auswirkungen auf Lebewesen sind zentrale Themen in Tolkiens Universum. Vor diesem Hintergrund könnte die Verwendung von Tolkien-inspirierten Symbolen durch die Demonstranten auch verbreitete Sorgen über die Politik der aktuellen Regierung in Bezug auf das Rohstoffmanagement widerspiegeln. Projekte wie der von Rio Tinto geleitete Lithiumabbau in Westserbien sowie die von China betriebenen Kupfer- und Goldminen im Osten haben in der Bevölkerung große Besorgnis ausgelöst. In Ostserbien kam es schon zu einigen Umweltschäden, ohne dass die Regierung darauf reagiert hätte, so dass die Ängste vor künftigen Schäden weiterhin groß sind. Aus einer Tolkien-Perspektive kann die Regierungskoalition als eine Allianz von Mordor und Isengard angesehen werden, die darauf aus ist, das Land durch Ausbeutung und Vernachlässigung in eine Ödnis zu verwandeln, während ihre Vollstrecker und gewalttätigen Milizen ein Bild Ork-ähnlicher Marodeure heraufbeschwören.
Das Erscheinen des Weißen Pferds von Rohan, des Weißen Baums von Gondor, Bilder von Aragorn und König Théoden sowie Menschen, die sich als Tolkien-Figuren verkleideten, zeigte einen weiteren Trend in der visuellen Kommunikation der protestierenden Studentinnen und Bürger – die Aufnahme popkultureller Bezüge und ihre Neukontextualisierung. Die Menschen konnten ihrer Kreativität mit Bildern ihrer Lieblingsprominenten, fiktiven Figuren oder ästhetischen Konzepten freien Lauf lassen. Die besonders beliebten und wiedererkennbaren fanden ihren Weg in die von Studierenden oder Bürgern betriebenen Social-Media-Kanäle. Die Übernahme beliebter visueller Symbole in die offiziellen Kanäle der sozialen Medien verstärkte den demokratischen Charakter der Protestbewegung und betonte die inklusive Rolle, die jeder und jede mit dem Beitrag von Ideen spielen kann, deren Qualität durch positive Reaktionen und das Viral-Gehen beurteilt wurde.
Farbe bekennen durch Abzeichen
Die Proteste in Serbien haben vielfältige Möglichkeiten für persönliche visuelle Kommunikation eröffnet. Sie ermöglichten nicht nur eine oberflächliche Flucht aus dem quälenden Gefühl politischer Lethargie und Tristesse, sondern boten auch eine Plattform für mutige Selbstdarstellung, eine Chance, Farbe zu bekennen (der Bezug zu Cyndi Laupers queerer Hymne „True Colors“ von 1986 ist nicht ganz zufällig). Teil einer Gruppe einigermaßen Gleichgesinnter zu sein, gab vielen Teilnehmenden ein Gefühl der Befreiung, sogar ein Verlangen, sich politisch zu „outen“. Eine prominente Form des visuellen politischen Ausdrucks war das Tragen von Badges. Ursprünglich bei Studierenden üblich, wurden die Badges schnell zu einem Symbol der Protestbewegung und wurden bald von der breiteren Bevölkerung aufgenommen, so dass sie sogar stolz als Teil der Alltagskleidung getragen wurden.
Es gibt zahlreiche Badges mit unzähligen visuellen Symbolen. Für jede einzelne Protestaktion gab es eigene Badges, die von den Organisatoren hergestellt wurden, so dass sie unter den Demonstranten schnell zu Sammlerstücken wurden. Ihre Funktion war ungefähr ähnlich wie bei militärischen Auszeichnungen, die Erfolge, Tapferkeit und Teilnahme an wichtigen Ereignissen symbolisierten. Je mehr ein Protestteilnehmer gesehen und erlebt hat, umso mehr Badges trug er an seiner Kleidung. Dies sorgte für einen markanten Anblick, insbesondere wenn die Badges auf einer gelben Weste getragen wurden, in die Studierende und anderer Universitätsangehörige gekleidet waren, die für Sicherheit und Logistik der Proteste zuständig waren. Das Bild einer gelben Weste, bedeckt von zahllosen Badges, die bei jeder Bewegung ein typisches klackendes Geräusch erzeugten, prägte sich den protestierenden Bürgern als Inbegriff eines heroisch protestierenden Studenten ein. Wenig überraschend, versuchten viele diesen Look nachzuahmen.
Transformation der Bildsprache
In der Anfangsphase der Proteste wurde die visuelle Identität weitgehend von Studierenden geprägt. Ihre Social-Media-Accounts, die mit bestimmten Fakultäten verbunden waren und von Studentenversammlungen (Plenum) moderiert wurden, dienten als zuverlässigste und organisierteste Informationsquelle. Obwohl die Mehrheit der Protestteilnehmer aus der allgemeinen Bevölkerung stammte, war der Einfluss der Studierenden entscheidend, und die Öffentlichkeit folgte ihnen mit Begeisterung und Vertrauen. Die Studierenden schufen erfolgreich eine erkennbare Protestidentität, indem sie visuelle Inhalte produzierten, die schnell an Popularität gewannen und über die von Studierenden betriebenen Social-Media-Plattformen Hunderttausende von Bosnisch-Kroatisch-Montenegrinisch-Serbisch-Sprechenden erreichten. Eines der ikonischsten Bilder der Proteste in Serbien waren die Zehntausenden Menschen, die mitten in der Nacht die Taschenlampen ihrer Mobiltelefone einschalteten und so symbolisch die Dunkelheit zurückdrängten.
Am Anfang waren die Bürger:innen zumeist passive Konsumenten der von den Studierenden geschaffenen Bilder, vor allem als die Studentenplenen das Tempo und den Ton der Proteste vorgaben, die meist friedlich und sogar unterhaltsam waren. Mit Zunahme der staatlichen Repressionen und der Vertiefung der gesellschaftlichen Krise in Serbien wuchs jedoch die Rolle der Bürgerinnen. Bürgerversammlungen (zborovi) und andere Formen von Vereinigungen wurden zu zentralen Initianten von Protestaktivitäten und spontanen Demonstrationen, an denen Studierende nur minimal oder gar nicht beteiligt waren. Die wachsende Beteiligung von Bürger:innen und ihren Organisationen an der Planung und Durchführung der Proteste brachte neue Formen der Kreativität und förderte einen dynamischen Austausch mit den Studierenden. Diese Verschiebung betonte den zivilgesellschaftlichen Charakter der Bewegung, die zuvor in erster Linie als von Studierenden angeführt betrachtet worden war.
Momentan erlebt die visuelle Identität der Proteste eine Transformation. Sie verschiebt sich von einem friedlichen, theatralischen und manchmal kitschigen Festival der Selbstdarstellung zu etwas Dunklerem: einem gefährlichen politischen Aufstand. Bedrückende Bilder von Polizeigewalt ersetzen zunehmend Memes, Badges und witzige Banner. Protestierende, die sich zuvor als Aragorn verkleideten, tragen nun eher eine Sturmhaube. Die einst heroische Figur des Studenten in gelber Weste hat sich in einen jungen Mann mit Gasmaske verwandelt, der trotzig eine Tränengasgranate auf die Polizei zurückwirft – ein Bild, das an einem der Proteste Mitte August aufgenommen wurde. Während die Palette der Protestbilder düsterer wird, wird die Bildsprache dramatischer und leidenschaftlicher, weniger ironisch und konzentriert sich auf Opferbereitschaft und Kampf. Es mag anmaßend klingen, aber einige dieser neuen Bilder erinnern mich an Werke von Romantikern wie Goya, Delacroix oder Géricault oder zumindest hatte das, was ich sah und fühlte, eine ähnlich intensive emotionale Ladung und Farbgebung.
Anmerkung:
[1]) Ristić, Irena: „Du bist nicht zuständig!“ Studenten- und Bürgerproteste in Serbien. In: RGOW 53, 5 (2025), S. 3–5.
Übersetzung aus dem Englischen: Natalija Zenger.
Andrej Ševo, Forschungsassistent am Institut für Philosophie und Gesellschaftstheorie an der Universität Belgrad und PhD-Student an der Fakultät für Politikwissenschaften.
Bild: „Eure Hände sind blutig“ – die blutige Hand ist zu einem zentralen Symbol der Proteste in Serbien geworden. (Foto: Wikimedia Commons (CCO 1.0 Universal))