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Buchbesprechungen

RGOW 9/2025
Stefan Kube, Regula M. Zwahlen, Natalija Zenger

Vier Buchbesprechungen zu:

Claudiu Crăciun, Henry P. Rammelt (eds.): Power and Protest in Central and Eastern Europe
Vladmir Kulić, Maroje Mrduljaš, Wolfang Thaler: Modernism In-Between
Sebastian Rimestad, Emil Hilton Saggau (eds.): Fault Lines in the Orthodox World
Karin Roginer Hofmeister: Remembering Suffering and Resistance

Claudiu Crăciun, Henry P. Rammelt (eds.)
Power and Protest in Central and Eastern Europe
Cham: Palgrave Macmillan 2025, 393 S.
ISBN 978-3-031-77887-2. € 176.79; CHF 212.50.

Die Umsturzbewegungen, die 1989/90 zum Ende der sozialistischen Systeme beitrugen, sind bereits mehrfach Gegenstand der Forschung gewesen. Dagegen konzentriert sich der vorliegende Sammelband auf Proteste in Osteuropa nach dem Systemwechsel, nachdem sich demokratische Staaten mit institutionalisierten Rahmenbedingungen, Regierungen, Parteiensystemen und Verwaltungen herausgebildet haben. Im Zentrum stehe das „Verständnis, welche Themen breiter umstritten wurden, wie Proteste und Bewegungen entstanden und sich strukturierten, und was ihre geballten Auswirkungen auf Machtstrukturen waren“ (S. 2).

Die Fallbeispiele versammeln Länder mit sehr unterschiedlichen Entwicklungswegen wie Albanien, Belarus, Bulgarien, Tschechien, Georgien, Ungarn, Nordmakedonien, Polen, Rumänien, Russland sowie die Ukraine. Sie zeigen, dass sich Proteste gegen eine Vielzahl von Problemen richten, von politischen Missständen über wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen und soziale Ungleichheit bis hin zu Umweltfragen und mangelhaften demokratischen Verfahren. Dabei sind die Adressaten der Protestbewegungen nicht nur Regierungen, Parteien oder Institutionen, sondern auch Netzwerke informellen Einflusses, Wirtschaftsinteressen, Klientelsysteme und transnationale Unternehmenskooperationen.

Im Fall von Belarus zeigt Olena Nikolayenko auf, dass gewaltlose Proteste – ausgehend von Oppositionsparteien, Jugendbewegungen, Umweltgruppen und anderen Organisationen – gegen die „letzte Diktatur Europas“ möglicherweise nicht ausreichen, um einen Autokraten zu stürzen. Ein Faktor dafür sei, dass die Sicherheitskräfte dem Regime gegenüber loyal geblieben seien, während die internationale Politik und der Einfluss ausländischer Kräfte, hier vor allem Russland, ebenfalls eine Rolle spielten. Anhand der Orangen Revolution und dem Euromajdan verdeutlicht Olga Zelinska die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Machtstrukturen und Protesten und das daraus resultierende Aushandeln neuer institutioneller und demokratischer Prozesse. Dabei hebt sie die daraus entstandene starke Zivilgesellschaft und das verbreitete freiwillige Engagement hervor, das sich insbesondere im Krieg gegen Russland zeigt.

Die abschließenden Kapitel thematisieren übergreifend zwei wichtige Ursachen für Proteste – Rückschritte des demokratischen Systems und sozioökonomische Sorgen – sowie allgemein Analysekategorien und Zugänge zum Thema. Die Fähigkeit des Staats, auf gesellschaftliche Forderungen einzugehen, ist laut David S. Meyer die zentrale Herausforderung für die meisten im Sammelband behandelten Staaten, um angemessen mit künftigen Protestbewegungen umgehen zu können.

Natalija Zenger

Vladimir Kulić, Maroje Mrduljaš, Wolfgang Thaler
Modernism In-Between
The Mediatory Architectures of Socialist Yugoslavia
Berlin: Jovis 2012/2025 (E-Book), 276 S.
ISBN 978-3-98612-178-5 (E-Book). € 29.80.

Der reich bebilderte Band erschien 2025 in zweiter Auflage als E-Book, nachdem die gebundene Ausgabe seit einiger Zeit vergriffen ist. Die ursprüngliche Ausgabe von 2012 fiel laut den Autoren in eine Zeit, als das Interesse am architektonischen Erbe Jugoslawiens rasant stieg und sich eine ganze Reihe von Ausstellungen und Publikationen damit befasste. Heute sehen die Verfasser den postjugoslawischen Raum wesentlich stärker gespalten als zum Zeitpunkt der Erstausgabe, was Jugoslawien noch stärker als eine „fast unmögliche historische Ausnahme“ wirken lasse (S. II). Umso faszinierender erscheint in diesem Licht der kreative und vereinende Umgang mit verschiedenen Einflüssen in der jugoslawischen modernistischen Architektur und Urbanistik.

Das „Dazwischen“ aus dem Titel des Buchs bildet die zentrale Linse, durch die Architektur und Städtebau Jugoslawiens betrachtet werden. Dazu wird das vielfältige Erbe der Region und die geopolitische Position zwischen den Blöcken des Kalten Kriegs und den beiden konkurrierenden ideologischen Systemen rekapituliert, wobei die Gegensätzlichkeiten jedoch etwas überbetont werden. Das Agieren zwischen den Gegensätzen habe nicht zu einer bloßen Kombination oder Kompromissen geführt, sondern zu authentischen und vielfältigen Innovationen, argumentieren die Autoren. Architektur sei nie nur ein Spiegel politischer, gesellschaftlicher und kultureller Gegebenheiten, sondern „interveniert auch in die soziale Realität“ (S. 19). Einerseits habe Architektur in Jugoslawien die „klassische Rolle der Avant-Garde“ als Treiberin für gesellschaftliche Reformen gespielt, andererseits „drang ihre transformative Kraft viel weiter vor als die Frage nach sozialer Gerechtigkeit im Stadtraum und betraf so breite Gebiete wie die Konstruktion nationaler Identitäten, öffentlicher Erinnerung und alltäglicher Praktiken. Die verschiedenen Methoden der Vermittlung waren instrumental für solche transformativen Operationen, da sie die zentrale Zutat waren, um das potenziell schizophrene Dazwischen-Sein in eine neue Qualität zu verwandeln“ (S. 19).

Das Buch lebt von den zahlreichen eindrücklichen Aufnahmen des Architekturfotografen Wolfgang Thaler. Zu sehen sind ikonische Bauten wie die Genex-Türme in Neu-Belgrad, Denkmäler des wohl bekanntesten jugoslawischen modernen Bildhauers Bogdan Bogdanović, Bauten renommierter Architekten wie Juraj Neidhardt und Vjenceslav Richter, Innenansichten markanter Gebäude, Ansichten von charakteristischen Architekturensembles und moderner Stadtquartiere, aber auch zahlreiche Skizzen und Entwürfe, die Einblick in Schaffensprozesse bieten.

Natalija Zenger

Sebastian Rimestad, Emil Hilton Saggau (eds.)
Fault Lines in the Orthodox World.
Geopolitics, Theology, and Diplomacy in Light of the War in Ukraine
Basingstoke: Palgrave Macmillan 2025, XI, 327 S.
ISBN: 978-3-031-81504-1. € 143.99; CHF 175.90.

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs ist die Orthodoxe Kirche in vielen Ländern wieder eine sichtbare Akteurin auf gesellschaftspolitischer Ebene, doch sind ihre jeweiligen Einstellungen ohne eine zentrale Autorität weltweit alles andere als eindeutig. Der vorliegende Band möchte etwas Licht in die „von gegenseitigem Misstrauen und Wettbewerb“ (S. 2) geprägte aktuelle Lage der Orthodoxie bringen. Seit dem misslungenen Versuch von 2016, am Panorthodoxen Konzil von Kreta globale Einheit zu demonstrieren, scheinen die Bruchstellen immer weiter auseinanderzuklaffen und angesichts von Russlands Angriff auf die Ukraine, der von der Russischen Orthodoxen Kirche gerechtfertigt wird, weitgehend unüberbrückbar. Laut den Herausgebern liegt der Grund für diese Bruchstellen vor allem in einer orthodoxen „Theologie des Raums“, die nicht davon ausgeht, dass eine einzige kirchliche Hierarchie den gesamten kirchlichen Raum repräsentieren kann und im Laufe der Geschichte zu politischen, national-territorialen Aufteilungen geführt hat: So bestehe ein Widerspruch zwischen dem Anspruch auf die eine, universale Wahrheit und deren fehlender Repräsentation durch eine zentrale Autorität. Die Herausgeber betonen zwei Hauptbruchstellen: die Beziehung orthodoxer Kirchen zum Westen und die Beziehungen der Kirche zum Staat (S. 13).

Der Band beleuchtet diese Bruchstellen aus vier Perspektiven: Im ersten Teil „Ökumenische Aspekte“ betont Dimitrios Keramidas, dass die Bruchstellen nicht theologisch, sondern strukturell – durch das Prinzip der Autokephalie – und kulturell bedingt seien. Katharina Kunter beleuchtet die Schwierigkeiten des Ökumenischen Rats der Kirchen, unter den neuen geopolitischen Bedingungen seit der Wende mit diesen Bruchstellen umzugehen. Der zweite Teil bietet drei Studien zu den ideologischen Hintergründen der antiwestlichen Konzepte in Russland, Serbien (zur „russischen Welt“ und „serbischen Welt“) und in der amerikanischen Orthodoxie. Im dritten Teil „Russland und Ukraine“ werden die komplexen Situationen der Ukrainischen Orthodoxen Kirche, von russisch-orthodoxen Gläubigen in Russland, die den Krieg ablehnen, sowie von russisch- und ukrainisch-orthodoxen Exilgemeinden in Deutschland beleuchtet. Der vierte Teil „Die anderen Kirchen“ geht auf die Kirchen in Montenegro und Makedonien angesichts des Kriegs in der Ukraine ein, sowie auf die ambivalente Haltung der Rumänischen Orthodoxen Kirche und die eindeutige Positionierung der Orthodoxen Kirche Finnlands gegen die Haltung des Moskauer Patriarchats im russischen Krieg gegen die Ukraine.

Regula M. Zwahlen

Karin Roginer Hofmeister
Remembering Suffering and Resistance
Memory Politics and the Serbian Orthodox Church
Budapest: CEU Press 2024, 282 S.
ISBN 978-963-386-743-3. € 129.–; CHF 165.–.

Nach dem Sturz des Milošević-Regimes im Oktober 2000 ist die Serbische Orthodoxe Kirche (SOK) zu einer zentralen gesellschaftlichen Akteurin in Serbien aufgestiegen, der auch die staatlichen Stellen durch Zusammenarbeit und Privilegierung Rechnung tragen. In ihrem äußerst lesenswerten Buch untersucht Karin Roginer Hofmeister, Dozentin am Institut für Internationale Studien an der Karls-Universität Prag, die erinnerungspolitische Rolle der SOK beim Gedenken an den Zweiten Weltkrieg im Post-Milošević-Serbien sowie ihre Interaktionen und Auseinandersetzungen mit anderen nationalen wie internationalen staatlichen und nicht-staatlichen Erinnerungsakteuren. Zeitlich unterscheidet Hofmeister dabei zwei Phasen: Im ersten Jahrzehnt wurde die Kirche zu einer favorisierten Partnerin des Staates in Fragen der Erinnerungs- und Identitätspolitik und konnte weitgehend autonom agieren. Diese „relativ ausgewogene Partnerschaft“ (S. 7) endete mit dem Machtaufstieg von Aleksandar Vučić seit 2012, unter dem es auf dem Feld der Erinnerungspolitik zu einer Zentralisierung kam, der sich auch die Kirche unterzuordnen hatte.

Die Formen, Strategien und Folgen der Erinnerungspolitik der SOK gruppiert Hofmeister um die beiden im Titel des Buches genannten Schlagwörter „Leiden“ und „Widerstand“. Im Fokus des kirchlichen Gedenkens steht einerseits das Leiden der serbischen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg sowie andererseits der heroische Widerstand gegen die Besatzungsmächte. Letzterer verbindet sich aus kirchlicher Sicht vor allem mit der royalistischen und nationalistischen Tschetnik-Bewegung, so hat die SOK in den letzten Jahren dutzende Kirchenvertreter, die mit den Tschetniks in Verbindung standen und gar in ihren Reihen kämpften, heiliggesprochen. Zugleich lässt sich eine „Ethnisierung des Volksbefreiungskampfs“ (S. 191), des vorangegangen sozialistischen erinnerungspolitischen Narrativs, seitens der SOK beobachten, mit dem eine innernationale Versöhnung der widerstreitenden Vergangenheitsdeutungen angestrebt wird.

Besonders auffällig ist zudem die Errichtung von neuen Kirchen oder christlichen Symbolen an Orten, an denen es im Zweiten Weltkrieg zu Massengewalt an der serbischen Bevölkerung gekommen war. Bischof Jovan (Ćulibrk) von Pakrac und Slawonien wurde zu „einer der wichtigsten Persönlichkeiten“ (S. 230) bei der Gestaltung der serbischen Erinnerungslandschaft nach dem Jahr 2000. Während er sich zwar gegen nationalistische Übertreibungen der serbischen Opferzahlen im kroatischen Konzentrationslager Jasenovac verwahrte, schwieg er zu den Verbrechen serbischer Kollaborateure, worin die Ambivalenz des kirchlichen Erinnerns treffend zum Ausdruck kommt.

Stefan Kube

Bild: Shutterstock.com

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