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Buchbesprechungen

RGOW 3-4/2026
Regula M. Zwahlen, Natalija Zenger, Stefan Kube

Vier Buchbesprechungen zu: 

Ulrich Schmid (Hg.): Ukrainische Literturgeschichte;
Ninja Bumann u.a. (eds.): Handbook on the History and Culture of the Black Sea Region;
Andriy Mykhaleyko: Streit um das Kyjiwer Erbe;
Olha Martyniuk: Helden eines Landes, das es nicht mehr gibt


Ulrich Schmid (Hg.)
Ukrainische Literaturgeschichte
Berlin: Metzler 2025, 376 S.
ISBN 978-3-662-70636-7. € 34.99; CHF 46.90.

Der vorliegende Band ist ein literaturwissenschaftliches Gemeinschaftsprojekt von drei Autorinnen und vier Autoren aus der Schweiz, Deutschland, Österreich, Italien und Norwegen. Allein das Inhaltsverzeichnis veranschaulicht, dass die ukrainische Literaturgeschichte von Vielsprachigkeit und kulturellen Überlappungen und insofern stark von zwei Fragen geprägt ist: „die Anerkennung durch die Staatsmacht und die kulturelle Einheit über politische Grenzen hinweg“ (S. 1). Dies führt – wie in jeder anderen europäischen Literaturgeschichte auch – zu einer „Kontinuität von Diskontinuitäten“, die im Falle der Ukraine besonders anschaulich zeige, „wie sich literarische Prozesse in einem dynamischen System abspielen“ und von zahlreichen Akteuren und Institutionen gestaltet werden (S. 7–8).

Die weitgehend chronologische Anordnung der insgesamt 18 Kapitel führt gleichzeitig auch die räumliche Dimension der ukrainischen Geschichte vor Augen – mit Kapiteln zur ukrainischen Literatur in der polnisch-litauischen Adelsrepublik, im Kosaken-Hetmanat, im Zarenreich, im Habsburgerreich, im Polen der Zwischenkriegszeit und im Exil. Die Literaturgeschichte beginnt in der Kyjiwer Rus’, führt über die frühe Neuzeit, den Barock, die Romantik und den Realismus in die Moderne, verweist auf die „literarischen Paradoxien des Aufbaus einer sozialistischen Nation“ in der Sowjetukraine, präsentiert die „Post-Tschernobyl’-Bibliothek“, und die literarischen (und sprachlichen) Reaktionen auf den Euromajdan und den russischen Krieg, der vor allem einen Boom der ukrainischen Lyrik hervorbringt – „sowohl von Dichtern, die zu Soldaten wurden, als auch von Soldaten, die durch die Kriegserfahrung zu Autoren wurden“ (S. 364).

Neben einer Vielzahl neu zu entdeckender Autorinnen und Autoren finden sich Porträts der Schriftsteller, die zum „Parnass der ukrainischen Literatur“ (S. 140) gehören – Taras Schewtschenko, Ivan Franko und Lesja Ukrajinka, einschließlich eines eigenen Kapitels zur „Konstruktion eines Nationaldichters“ im Fall von Schewtschenko. Der Rang eines „Nationaldichters“ wird zudem auch Vasyl Stus’ (1938–1985) aus der spätsowjetschen Dissidentenbewegung sowie Serhij Zhadan (*1974) zuerkannt (S. 296). Als Geheimtipp gilt Vasyl’ Barka, der neben dem Roman „Der gelbe Fürst“ über den Holodomor (deutsche Übersetzung 2019) im Exil 1946 den Gedichtband „Die Apostel“ publizierte – als „Beispiel eines christlichen Existenzialismus, wie man ihn sonst aus der tschechischen Exilliteratur oder der französischen katholischen Literatur“ kennt (S. 269). Jedem Kapitel folgt eine Liste vorhandener deutscher Übersetzungen, was den direkten Zugang zur überaus vielfältigen ukrainischen Literatur erleichtert.

Regula M. Zwahlen

Ninja Bumann, Kerstin S. Jobst, Stefan Rohdewald, Stefan Troebst (eds.)
Handbook on the History and Culture of the Black Sea Region
Oldenburg: De Gruyter 2025, 776 S.
ISBN: 978-3-11-072311-3. € 184.95; CHF 211.- (E-Book kostenlos).

Das umfangreiche Handbuch erscheint nach fast zehnjähriger Arbeit in einer Zeit, in der die in der breiten Öffentlichkeit lange Zeit wenig wahrgenommene Region des Schwarzen Meers aufgrund des Ukraine-Kriegs mehr Aufmerksamkeit erfährt. Seine Herausgeber waren von wissenschaftlichen Überlegungen inspiriert, das Schwarze Meer als eigenständige historische Mesoregion zu verstehen. Mit dem Handbuch wollen sie nun die „strukturellen Eigenschaften in historischer und kultureller Perspektive weiter untersuchen, die den Raum Balkan-Schwarzes Meer-Kaukasus als spezifischen Raum konzeptualisieren“ (S. 3). In diesem Sinn führt der Mitherausgeber Stefan Troebst in seinem Beitrag durch Arbeiten der Gesellschafts- und Kulturforschung und plädiert dafür, deren Raumkonzepte „zum Zweck der transnationalen vergleichenden Forschung“ auf den Balkan-Schwarzes Meer-Kaukasus-Raum zu übertragen (S. 22). Das Schwarze Meer als Naturregion beschreibt Jörg Stadelbauer jedoch als „höchst diversen Raum, gekennzeichnet von Kontrasten und Übergängen“ (S. 73).

Der zweite Teil des Handbuchs ist der Geschichte der Schwarzmeerregion von der Antike bis ins 20. Jahrhundert gewidmet. Dabei beschäftigen sich mehrere Beiträge mit den wechselnden und teils konkurrierenden imperialen Herrschaften wie der des Osmanischen Reichs, des Krim-Khanats, des Safawidischen Persien oder des Russischen Reichs in der Region. Im dritten Teil geht es um Ideen und Identitäten der Region, um regionale Konzepte, entwickelt in den lokalen Gesellschaften, um Nationsbildung und Nationalstaaten, aber auch um verschiedene Religionsgemeinschaften. Ausführlich werden Erinnerung und Gedenken in mehreren Beiträgen anhand von Erinnerungsorten und Monumenten besprochen. Dabei erklärt Nicole Kançal-Ferrari, wie ortsgebundene Erinnerung und das Verständnis von Raum von vielschichtigen, häufig politischen Auswahlprozessen bestimmt wird. Angesichts einer umstrittenen Vergangenheit und Gegenwart werde Erinnerung instrumentalisiert, deshalb müsse dominanten Narrativen mit anderen, verdrängten Erinnerungen begegnet werden. In dieser Neuverhandlung müsse ständig „auf den vielfachen anderen möglichen Lesarten kultureller Landschaften und Orte, der Existenz alternativer, widersprechender und verstummter Vergangenheiten, von Gegen-Erinnerungen und alternativen Erinnerungsorten“ bestanden werden (S. 311).

Im fünften Teil widmet sich das Handbuch der Mobilität von Menschen und Gütern, aber auch von Wissen in der Region. Der letzte Teil beschäftigt sich mit historischen und aktuellen Konflikten um das Schwarze Meer und ihrer Beilegung. Mit seinem breiten Themenspektrum und den sorgfältig verfassten Beiträgen wird das Handbuch sicherlich zu einem dauerhaft nützlichen Nachschlagewerk.

Natalija Zenger

Andriy Mykhaleyko
Streit um das Kyjiwer Erbe
Religion und Kirchen im russisch-ukrainischen Krieg
(= Gesellschaft und Politik in Osteuropa, Bd. 2)
Baden-Baden: Nomos 2025, 253.
ISBN 978-3-7560-3528-1. € 64.–; CHF 86.90.

Wenn der russische Präsident Vladimir Putin die Invasion in die Ukraine mit dem „Schutz orthodoxer Glaubensbrüder“ begründet, oder der russische Patriarch Kirill von einem „metaphysischen Krieg gegen das Böse“ spricht, wird bereits offensichtlich, dass im russisch-ukrainischen Krieg auch religiöse Deutungsmuster eine gewichtige Rolle spielen, und dass die Kirchen in der Ukraine und in Russland ebenfalls in mehrfacher Hinsicht in diesen Konflikt involviert sind. Mit diesem Buch, das aus Vorträgen des Autors seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 entstanden ist, will Mykhaleyko zum einen „die Komplexität der Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine durch die Brille der Kirchengeschichte“ aufzeigen, und zum anderen geht es ihm um eine „Verortung der Religion und Kirchen in dominierenden russischen und ukrainischen Geschichtskonstruktionen und Masternarrativen“ (S. 19).

Im ersten Teil rekapituliert Mykhaleyko die Entwicklung des ostslawischen Christentums in den heutigen russischen und ukrainischen Gebieten, beginnend mit der Christianisierung der Rus’ bis zur Situation der Kirchen in den postsowjetischen Nachfolgestaaten Ukraine und Russland. Ein besonderes Augenmerk legt Mykhaleyko dabei auf die Verflechtungsgeschichte zwischen den beiden kirchlichen Zentren Kyjiw und Moskau. So zeigt er an der Person des Kyjiwer Metropoliten Petro Mohyla (1596–1647) auf, wie sich kulturelle Einflüsse aus dem katholischen Westen und dem orthodoxen Osten verbanden. Zudem beleuchtet er den intellektuellen und religiösen Einfluss Kyjiws auf Moskau im 17. Jahrhundert, der sich als „Ruthenisierung“ der russischen Orthodoxie bezeichnen lässt.

Im zweiten Teil geht Mykhaleyko auf die Stellung von Religion und Kirche in den russischen und ukrainischen Geschichtskonzeptionen und Masternarrativen seit dem 19. Jahrhundert ein. So dient das gemeinsame orthodoxe Christentum der russischen Seite vor allem als ideologische Grundlage zur Bestreitung einer eigenständigen ukrainischen Identität mit eigenem Staat und eigener kirchlicher Organisation, wie sich an den Konzepten von der „Heiligen Rus’“, der „Russischen Welt“ und dem „Kanonischen Territorium“ ablesen lässt. Auf ukrainischer Seite beschreibt Mykhaleyko das Konzept des „Kyjiwer Christentums“, das die Eigenständigkeit der Kyjiwer religiösen Tradition betone. Der letzte Teil widmet sich den Positionierungen der Kirchen zum russischen Angriffskrieg, wobei auch die ambivalente Haltung von Papst Franzikus zur Sprache kommt. Insgesamt bietet Mykhaleykos kirchenhistorische Studie einen guten Einblick in den „Streit um das Kyjiwer Erbe“.

Stefan Kube

Olha Martyniuk
Helden eines Landes, das es nicht mehr gibt
Die Transformation des Gedenkens an gefallene sowjetische Soldaten und Veteranen des Zweiten Weltkriegs in der Ukraine (= Schnittstellen. Studien zum östlichen und südöstlichen Europa, Bd. 29)
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2025, 293 S.
ISBN 978-3-525-30335-1. € 70.–; CHF 95.90.

Die Veränderungen der ukrainischen Erinnerungskultur seit der Unabhängigkeit des Landes 1991 sind bereits häufiger Gegenstand der Forschung gewesen. Insbesondere beim Gedenken an den Zweiten Weltkrieg wurde dabei die zentrale Rolle der ukrainischen Präsidenten betont, deren jeweilige Geschichtspolitik auch immer mit Neuausrichtungen des historischen Narrativs verbunden war. In ihrer Dissertation weitet Olha Martyniuk jedoch den Blick und nimmt neben präsidialen Reden zum „Tag des Sieges“ am 8. Mai auch weitere lokale Akteure – Parteien, Behörden, Veteranenverbände und Museen – in den Blick. Dabei konzentriert sie sich auf drei ukrainische Städte: Zaporizhzhja, eine wichtige Industriestadt, an der sich der Zusammenhang von industrieller Entwicklung zur Sowjetzeit und Erinnerungskultur aufzeigen lässt, die zentralukrainische Stadt Winnizja und das westukrainische Ternopil, das während des Zweiten Weltkriegs ein Einsatzgebiet der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) war. Der Blick auf die lokale Ebene hilft dabei zu verstehen, wie die Menschen vor Ort die neue „Freiheit in den Gedenkpraktiken nutzten und wie sie die sowjetischen Praktiken modifizierten“ (S. 29).

Nach der Einleitung geht Martyniuk im zweiten Kapitel der Erinnerungskultur an die gefallenen Soldaten und Veteranen des Zweiten Weltkriegs in Bezug auf die Feierlichkeiten zum „Tag des Sieges“ nach, wobei sich nach Ausbruch des Kriegs im Donbas 2014 und den ukrainischen Entkommunisierungsgesetzen 2015 beobachten lässt, dass das Gedenken an die sowjetischen Soldaten und Veteranen mit dem Gedenken an die Gefallenen des russisch-ukrainischen Kriegs zusammengelegt wurde (S. 91). Das dritte Kapitel widmet sich der Darstellung von sowjetischen Soldaten in Grußworten der Präsidenten und lokaler Behörden sowie in Gedenkbüchern, während das vierte Kapitel sich mit deren Präsentation in lokalen Museen befasst. Im fünften Kapitel untersucht Martyniuk den Umgang mit sowjetischen Denkmälern und die Umbenennung von Straßen als einen einfachen Weg, um einen politischen Wandel in einem Land zu markieren. Martyniuk kommt zu dem Ergebnis, dass insbesondere in der Zeit von 2010 bis 2013 die lokalen Behörden in Zaporizhzhja und Ternopil ihre jeweiligen Narrative von den Rotarmisten bzw. den UPA-Kämpfern durchzusetzen versuchten, aber das „Bild einer vollständig gespaltenen Ukraine mit unvereinbaren Narrativen“ eine Vielzahl von Regionen wie Winnizja außer Acht lässt (S. 253). Erst mit dem Krieg im Donbas seit 2014 und dann mit der russischen Großinvasion ab 2022 lassen sich deutlichere Verschiebungen in der ukrainischen Erinnerungskultur erkennen.

Stefan Kube

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