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Buchbesprechungen

RGOW 5/2026
Regula M. Zwahlen, Stefan Kube

Barbara Haslbeck: Sexueller Missbrauch an Ordensfrauen im deutschsprachigen Raum;
Ashley Marie Purpura: Women in the Orthodox Church;
Reinhold Vetter: Polens Frauen verschaffen sich Gehör;
Daniel Scarborough: Russia's Social Gospel

BUCHBESPRECHUNGEN

Barbara Haslbeck
Sexueller Missbrauch an Ordensfrauen im deutschsprachigen Raum
Ein unterschätztes Phänomen und seine systemischen Bedingungen
Freiburg/Br.: Verlag Herder 2025, 384 S.
ISBN 978-3-451-02426-9; € 58.–; CHF 67.90; open access

„Hinschauen – das ist mein Wunsch. In Ordensgemeinschaften muss alles dafür getan werden, dass Missbrauch keinen Raum mehr hat. Das Schweigen hat zu viel Leid verursacht – es darf nicht länger andauern“ (S. 173). Mit diesem Appell beendet eine von 15 Ordensfrauen, mit denen Barbara Haslbeck über ihre Erfahrungen sexuellen Missbrauchs gesprochen hat, ihre Fallgeschichte. Im Mittelpunkt von Haslbecks wegweisender empirisch-qualitativer Studie stehen die Innenansichten von Betroffenen, die einem Orden, einem Säkularinstitut oder einer geistlichen Gemeinschaft angehören bzw. angehörten. Anhand der 15 Geschichten hat Haslbeck drei Bereiche verdichtet und genauer analysiert: das Missbrauchsszenario, das individuelle Erleben der Betroffenen sowie die Rolle der Gemeinschaft und systemische Bedingungen.

Mit Missbrauchsszenario wird beschrieben, wie sich der Missbrauch anbahnte, vollzog und von den Frauen gedeutet wurde. Dabei zeigen sich zwei Merkmalsmuster: „Es gibt den Missbrauch an Ordensfrauen unter Ausnutzung von Hierarchien und gegen den Willen von Betroffenen. Diese Taten sind gewaltförmig. Ebenso ist mit dem Missbrauch an Ordensfrauen in einem Vertrauensverhältnis zu rechnen. […] Diese Form des Missbrauchs ist schwerer sicht- und identifizierbar“ (S. 164). Auffällig ist zudem, dass Täterinnen ihre sexuellen Übergriffe kaum spirituell deuten, während Täter vor allem auf ihre rollentypische geistliche Autorität zurückgreifen. Die geistliche Begleitung stellt also ein Risiko-Setting dar, das besonderer Beachtung und Reflexion bedarf. So empfiehlt Haslbeck den Gemeinschaften, „über die Rahmenbedingungen dieses Settings zu sprechen“ (S. 354).

Die Erkenntnisse aus dem individuellen Erleben der Betroffenen zeigen, dass es zwar individuelle Geschichten sind, Missbrauch aber grundsätzlich jede Frau im Ordensleben treffen kann, weswegen es entscheidend ist, die Vulneranz der Tatpersonen und der Systeme in den Blick zu nehmen. Zu den systemischen Bedingungen von Missbrauch zählen vulnerante Strukturen, Haltungen und Spiritualitäten, wie eine unzureichende Gestaltung der Kommunikation im Gemeinschaftsleben, die mangelhafte Fähigkeit zur grenzachtenden Thematisierung von Sexualität oder vulnerante spirituelle Ideale, die die Entmündigung der Betroffenen befördern.

Haslbecks Pionierstudie zu sexuellem Missbrauch an Ordensfrauen im deutschsprachigen Raum ist eine Pflichtlektüre für alle Verantwortlichen in Orden und alle, die sich vertieft mit der Thematik auseinandersetzen möchten – daher ist es nur zu begrüßen, dass das Buch in open access verfügbar ist.

Stefan Kube

Ashley Marie Purpura
Women in the Orthodox Tradition
Feminism, Theology, and Equality
Notre Dame (IN): University of Notre Dame Press 2025, 273 S.
ISBN 978-0-268-20922-3. € 54.85; CHF 75.–.

Von feministischen Theologinnen, die das Christentum für hoffnungslos patriarchal halten, unterscheidet sich Ashley Purpura durch einen Ansatz, der theologische Ressourcen innerhalb der christlichen und insbesondere der orthodoxen Tradition in den Vordergrund stellen will, die Frauen und andere in der Kirche marginalisierte Personen als gleichberechtigte Kirchenglieder befähigen können (S. 198 f.). In einer offensichtlich „androzentrischen“ Kirche, die sich vor allem auf ihre – mehrheitlich von männlichen Perspektiven auf (auch heilige) Frauen geprägte – Tradition beruft, will sie „zeigen, dass traditionelle Lehren der Frömmigkeit und Theologie verwendet werden können, um den Einfluss des Patriarchats auf die Kirche zu brechen“ und „eine feministische und orthodoxe Rückgewinnung der Tradition“ zu modellieren (S. 141). Unter anderem seien auch die „Kirchenväter“ von den (nicht christlichen) Vorstellungen ihrer Zeit – z. B. von der Unvollkommenheit der Frau bei Aristoteles oder der minderwertigen weiblichen Seele bei Plato – geprägt gewesen, die man mit theologischen Argumenten widerlegen könne (S. 49). Dies führe zu einer überzeugenderen internen Konsistenz der orthodoxen Theologie und insbesondere der Christologie, denn Christus als „wahrer Gott und wahrer Mensch“ habe sein ganzes Menschsein von einer Frau erhalten: „Die Anerkennung des vollkommenen und ehrwürdigen Menschseins von Frauen ist christologisch notwendig, um die Vollkommenheit der Inkarnation zu anerkennen“ (S. 120).

In den ersten drei Kapiteln geht Purpura auf patriarchal geprägte Darstellungen von Frauen in der orthodoxen Hagiographie und Liturgie ein, und wie spirituelle Werte wie Leiden, Demut und Gehorsam in der geistlichen Begleitung oft dazu dienen, männliche Privilegien über das Wohlergehen von Frauen zu stellen (S. 97). Im vierten Kapitel demonstriert Purpura mit einem Fokus auf die Gottesmutter und mit Argumenten aus der patristischen Literatur sowie der Ikonographie als „Offenbarung von Heiligkeit in materieller Form“ (S. 131) die theologische Notwendigkeit des in der Tradition oft angezweifelten vollkommenen Menschseins von Frauen. Im fünften Kapitel formuliert sie Vorschläge, wie die patriarchalen Prägungen überwunden werden können, nämlich durch Anwendung wichtiger „orthodoxer“ Tropen wie „Kenosis“ als freiwillige Selbstzurücknahme zwecks Ermächtigung anderer, durch einen apophatischen, nicht triumphalistischen Zugang zur Tradition und durch eine Interpretation des Hesychasmus als interpersonale Praxis zur Begegnung mit dem Anderen als Ebenbild Gottes. Das sechste Kapitel skizziert Ratschläge für orthodoxe Frauen, die kritisch, aber hoffnungsvoll innerhalb der Kirche auf Veränderungen hinwirken wollen.

Regula M. Zwahlen

Reinhold Vetter
Polens Frauen verschaffen sich Gehör
Geschichte und Gegenwart der polnischen Frauenbewegung
Baden-Baden: Tectum-Verlag 2025, 268 S.
ISBN 978-3-8288-5165-8. € 69.–; CHF 93.90.

Als polnische Frauen im Oktober 2020 zu Hunderttausenden auf die Straßen gingen, um gegen die restriktive Abtreibungsgesetzgebung zu protestieren, fand dies internationale Beachtung. Die ungewöhnliche hohe Wahlbeteiligung junger Frauen bei der Parlamentswahl vom Oktober 2023 trug zur Abwahl der nationalkonservativen Regierungspartei PiS bei.

Im vorliegenden Buch bietet Reinhold Vetter einen Überblick über berühmte polnische Frauen wie die Nobelpreisträgerinnen Marie Skłodowska-Curie (Physik 1903, Chemie 1911), Wisława Szymborska (Literatur, 1996) und Olga Tokarczuk (Literatur, 2019) sowie generell über die Situation von Frauen verschiedener Gesellschaftsschichten im Verlauf der polnischen Geschichte, beginnend mit den „kleinen Freiräumen für adlige Damen“ in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Gleichzeitig entstand, basierend auf dem polnischen Marienkult, das patriotische Symbol der „Matka Polska“ (Mutter Polin) (S. 11). Eine polnische Frauenbewegung entwickelte sich im 19. Jahrhundert in drei Stufen über private Bildungsinitiativen, die Entstehung einer Frauenpresse und ersten Elementen eines polnischen Feminismus, auch im Hinblick auf die Neugründung des polnischen Staates (S. 25, 236). In der Zweiten Polnischen Republik ab 1918 wurde das allgemeine Wahlrecht für Männer und Frauen per Dekret eingeführt, während das Eherecht nicht angepasst wurde (S. 46, 53). In der Volksrepublik wurden Frauen ab 1945 von der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei umworben, während des Stalinismus sank das Interesse, ab 1956 boten sich neue Freiräume (S. 68). Bei den Arbeiteraufständen richtete sich die Wut der Frauen auch gegen die extreme Doppelbelastung durch Fabrik- und Familienarbeit (S. 79). In der Solidarność dominierten jedoch die Männer, und Lech Wałęsa war „mitunter damit beschäftigt, Frauen ins Abseits zu drängen“ (S. 91). Nach 1989 verbesserten sich die Möglichkeiten für Frauenemanzipation und Geschlechtergerechtigkeit mit der Übernahme von EU-Recht und dem Beitritt zur Istanbul-Konvention 2014 (S. 135).

Die zweite Hälfte des Buches ist der „Situation der Frauen im heutigen Polen“ gewidmet, wobei Themen wie Familienbilder, Berufsbildung und Arbeitsmarkt, Frauen in Politik, Justiz und Militär sowie der hohe Anteil an Frauen in der naturwissenschaftlichen Forschung (S. 175) angesprochen werden. Ein kurzes Kapitel widmet sich der Bedeutung des Feminismus in Polen und informiert über Quellen, Institutionen, Akteurinnen sowie über die „nationalkonservative und klerikale Gegenpropaganda“ (S. 231). Was im Buch fehlt, ist die Bedeutung von Ordensgründerinnen und kirchlichen Frauenorganisationen (s. Elżbieta Adamiak in: RGOW 48, 4 (2020), S. 10–13).

Regula M. Zwahlen

Daniel Scarborough
Russia’s Social Gospel
The Orthodox Pastoral Movement in Famine, War, and Revolution
Madison (WI): University of Wisconsin Press 2022, 264 S.
ISBN 978-0-299-33724-7. € 44.99; CHF 53.90.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das orthodoxe Christentum im Russischen Imperium „kein marginalisierter Anachronismus, sondern eher eine prominente und dynamische soziale Kraft“ im Modernisierungsprozess (S. 197) – so beschließt der Historiker Daniel Scarborough seine Studie über die „pastorale Bewegung“ innerhalb der Orthodoxen Kirche Russlands Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts am Beispiel der Regionen Moskau und Tver.

Die „pastorale Bewegung“ unter Gemeindepriestern war eine Reaktion „von unten“ auf den sozialen Kontext ihrer Zeit, u. a. den blamablen Zustand der Bauern nach ihrer Befreiung von der Leibeigenschaft 1861, die Zunahme von städtischen Slums aufgrund der Industrialisierung und das immer noch weit verbreitete Analphabetentum. Insofern ist sie Teil der weltweiten Beschäftigung von Christen mit der „sozialen Frage“, für die sich in den USA die Bezeichnung „social gospel“ etabliert hat. Im Zarenreich nahmen es viele orthodoxe Gemeindepriester – trotz eigener prekärer Lage, aber auch im eigenen Interesse, da sie ohne staatliches Gehalt auf die Zuwendungen der Gemeindeglieder angewiesen waren – auf sich, Gemeindeverwaltungen, Bibliotheken, Gemeindeschulen und Waisen- und Seniorenheime aufzubauen, wobei sie untereinander Netzwerke bildeten und mit Laien (darunter auch Frauen) kooperierten. Sie taten dies unter dem enormen Druck und der Kontrolle des Hl. Synods, der zu unabhängig oder „politisch“ agierende Priester willkürlich einschränken konnte (S. 193). Die politische Bandbreite unter den Priestern wurde vor allem in der 1905 beschlossenen Staatsduma offenbar, wobei in die erste und zweite Duma (1906–07) vor allem „konstitutionell-demokratische“ und „linke“ Priester gewählt wurden, während sich die dritte und vierte Duma (1907–1917) durch mehr Priester des rechten Flügels auszeichnete. Die rechtsextreme Union des Russischen Volkes konnte sich nie als offiziell anerkannte Kirchenpartei etablieren (vgl. das spannende Kapitel „The Pastor as a Political Actor“).

Die Spannungen innerhalb des Klerus führten im Rahmen des Allrussischen Landeskonzils der Orthodoxen Kirche von 1917/18 zu keiner Spaltung, sondern zu einer beeindruckenden Kirchenreform. In der Hungersnot von 1921/22 mobilisierte die Kirche erneut ihr effizientes philanthropisches System, was für das bolschewistische Regime jedoch inakzeptabel war und schließlich mit der Konfiszierung von Kircheneigentum, Zensur, Verhaftung und Exekution von tausenden Priestern endete. Scarbarough gelingt es überzeugend zu zeigen „wie der politische Diskurs, der sich in der pastoralen Bewegung entwickelte, die Reform der Orthodoxen Kirche“ während der Revolutionsjahre beeinflusste (S. 12).

Regula M. Zwahlen

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