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Protest gegen sexuellen Missbrauch durch Geistliche vor einer Kirche in Poznań (Foto: Shutterstock.com / Szymon Mucha)

Polens langer Weg: Missbrauch, Schweigen und eine neue Kommission

RGOW 5/2026
Paulina Guzik

Im Umgang mit sexuellem Missbrauch hat sich in den letzten Jahren ein langsamer Sinneswandel der polnischen Bischöfe angebahnt. Seit dem erschütternden Dokumentarfilm „Sag es niemandem“ von 2019 steht das Thema und der Umgang der Bischöfe damit im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Mittlerweile wurden zahlreiche Geistliche sanktioniert, und die Opferhilfe ausgebaut. Jüngst wurde eine unabhängige Kommission zur Erforschung von Missbrauchsfällen eingerichtet, deren Arbeitsweise und Mitglieder sind jedoch noch unklar.

Als die polnischen Bischöfe im März 2026 endlich offiziell die Einrichtung einer Kommission unabhängiger Experten zur Untersuchung sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen in der katholischen Kirche bekannt gaben, verspürten viele Beobachter ein Déjà-vu. Die Entscheidung fiel nach drei Jahren interner Debatten, rechtlicher Einwände und öffentlicher Versprechungen – und nach fast zwei Jahrzehnten, in denen die polnischen Katholiken mit ansehen mussten, wie andere Länder unabhängige Untersuchungen in Auftrag gaben, während ihre eigene Kirche zögerte.

Um zu verstehen, was dieses neue Gremium verändern kann und was nicht, muss man die Besonderheiten der polnischen Geschichte in Betracht ziehen: eine Kirche, die stark vom Widerstand gegen den Kommunismus geprägt und eng mit nationaler Identität verbunden ist, und nur langsam lernt, sich mit dem Missbrauch von Minderjährigen und Frauen auseinanderzusetzen. Zudem stellen sich schmerzhafte Fragen bezüglich ihres größten modernen Helden – dem heiliggesprochenen Papst Johannes Paul II.

Eine katholische Nation in Transition
Polen ist nach wie vor eines der katholischsten Länder Europas, doch seine religiöse Landschaft verändert sich rasant. Laut der Volkszählung von 2021 bezeichneten sich etwas mehr als 27 Mio. Menschen – etwa 71 Prozent der Bevölkerung – als katholisch, gegenüber 33 Mio. zehn Jahre zuvor. In Meinungsumfragen geben zwar noch immer fast neun von zehn Erwachsenen an, dass sie zur Kirche gehören, doch ein praktizierter Glaube nimmt rapide ab. Der wöchentliche Messbesuch sank von etwa der Hälfte der Bevölkerung vor einer Generation auf rund ein Drittel im Jahr 2024 – der niedrigste Stand seit Beginn der Erhebungen.[1] Diese Säkularisierung spiegelt allgemeine Ost-West-Muster in Europa wider, trifft die polnische Kirche jedoch besonders hart, da sie jahrzehntelange als die vertrauenswürdigste Institution im öffentlichen Leben gegolten hatte. Unter dem Kommunismus war sie die Bewahrerin der nationalen Identität, nach 1989 genoss sie eine enorme moralische Autorität und politischen Einfluss. Dieses Erbe erschwert es, die Kirche zu kritisieren, und macht die Fälle von Missbrauch und dessen Vertuschung noch erschütternder.

Das Vertrauen in die katholische Kirche in Polen ist laut einer IBRiS-Umfrage von 2025 im Verlauf des letzten Jahrzehnts zusammengebrochen: 2016 vertrauten noch 58 Prozent der Befragten der Kirche, und nur 24 Prozent bekundeten ihr Misstrauen. Bis 2025 fiel das Vertrauen auf nur noch 35,1 Prozent und das Misstrauen hat sich auf 47,1 Prozent fast verdoppelt.[2] Kommentatoren führen diesen dramatischen Meinungsumschwung vor allem auf die Verstrickung der Bischöfe in Parteipolitik, ihren Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs und die wachsende Unzufriedenheit über großzügige öffentliche Finanzhilfe und Finanzskandale zurück.[3]

Warum Polen nicht mehr „anders“ ist
Im Vergleich zu den USA, Deutschland und Frankreich schienen die offiziellen Zahlen der Missbrauchsfälle in Polen lange Zeit überraschend niedrig. Eine erste landesweite Erhebung der Kirche von 2019 erfasste zwischen Januar 1950 und 2018 625 minderjährige Opfer und 382 Missbrauchsvorwürfe gegen Geistliche und Ordensleute[4] – weit weniger als die geschätzten Hunderttausenden von Opfern in Frankreich oder Spanien. Doch das Muster der Meldungen in Polen ist fast umgekehrt: Viele Fälle wurden erst nach dem Jahr 2000 gemeldet, was darauf hindeutet, dass das wahre Ausmaß erst noch herauskommen wird.

Mehrere Faktoren helfen, dieses „verzögerte“ Muster zu erklären. Das kommunistische Regime beobachtete die Kirche scharf und nutzte oft Polizeiakten oder Gerüchte über Priester, um Geistliche zu erpressen, anstatt Kinder zu schützen. Die Bischöfe wussten, dass jeder öffentliche Skandal vom Regime ausgenützt werden würde, um die Kirche zu diskreditieren. Deshalb wurde Geheimhaltung zu einer Überlebensstrategie. Nach 1989 führten die klerikale Kultur und der Mangel an investigativen Medien dazu, dass die Opfer kaum Gehör fanden, insbesondere wenn der beschuldigte Priester beliebt, gut vernetzt oder im antikommunistischen Untergrund aktiv gewesen war.

Der Fall von Henryk Jankowski, einem berühmten Solidarność-Pfarrer, der später des Missbrauchs von Mädchen beschuldigt wurde, zeigt, wie politisches Kapital und kirchliches Ansehen einen Täter vor einer Untersuchung schützen konnte. Als die Geschichte Jahrzehnte später endlich ans Licht kam, wurde seine Statue in Danzig zweimal von Demonstranten gestürzt, doch die Kirche hat nie Hand zu einer klaren und transparenten Aufklärung des Falls geboten.[5]

Missbrauch im Scheinwerferlicht
Der Wendepunkt kam im Mai 2019, als die Brüder Tomasz und Marek Sekielski ihren Dokumentarfilm „Sag es niemandem“ auf YouTube veröffentlichten.[6] Der Film, der inzwischen über 25 Mio. Male aufgerufen wurde, dokumentierte zahlreiche Fälle, in denen Priester, die sexuellen Missbrauch begangen hatten, geschützt und Opfer ignoriert worden waren, einschließlich des Pfarrers des ehemaligen Präsidenten Lech Wałęsa, der einer Betroffenen vor versteckter Kamera sagte: „Du hast es gewollt – Du wolltest diese Nähe.“ Die öffentliche Empörung war enorm. Der polnische Primas, Erzbischof Wojciech Polak, veröffentlichte eine bewegende Entschuldigung und versprach zu handeln, während der damalige Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanisław Gądecki, den Filmemachern dankte und die Opfer um Vergebung bat – das war eine markante Veränderung der Tonlage nach vielen Jahren, in denen einige Bischöfe mehr über den Ruf der Kirche als über die Betroffenen gesprochen hatten.[7]

Ein zweiter Dokumentarfilm der Sekielski-Brüder mit dem Titel „Versteckspiel“ von 2020 fokussierte auf die Pankowiak-Brüder, die von ihrem Gemeindepriester missbraucht worden waren, während ihr Vater als Organist im Nebenraum geübt hatte. Die schockierendste Äußerung im Film ist eine aufgezeichnete Bemerkung des Priesters gegenüber den Eltern: „Ihr müsst nicht zum Bischof gehen – er weiß alles.“ Dieser Satz rückte das Thema der bischöflichen Verantwortung auf die nationale Bühne.

Als Reaktion darauf benutzte Erzbischof Polak das Motu proprio Vos estis lux mundi von Papst Franziskus, um Bischof Edward Janiak von Kalisz wegen Fahrlässigkeit im Umgang mit Missbrauchsfällen in Rom zu melden. Es war das erste Mal, dass ein polnischer Bischof einen Mitbruder öffentlich beim Heiligen Stuhl anzeigte. Nach einer Untersuchung trat Janiak zurück und wurde später mit mehreren anderen Bischöfen sanktioniert. Zwischen 2020 und 2024 wurde mindestens gegen ein Dutzend polnischer Bischöfe – darunter Kardinäle und emeritierte Erzbischöfe – ermittelt, und viele von ihnen wurden bestraft, weil sie nicht adäquat mit Missbrauchsfällen umgegangen waren. Die Sanktionen bedeuten in der Regel, dass sie ihre Diözesen verlassen, ein „Leben in Gebet und Buße“ führen, öffentliche Zeremonien meiden und finanziell zu einem Fonds für Opfer beitragen müssen. Diese Maßnahmen wurden von der Apostolischen Nuntiatur oft in kurzen Mitteilungen verkündet, manchmal ohne klare Erklärung. Dennoch senden sie ein starkes Signal: In Europas größtem katholischen Land können Bischöfe nun für Fahrlässigkeit in Missbrauchsfällen zur Verantwortung gezogen werden. Polen ist in der Praxis zum Testfall für Vos estis lux mundi geworden.

Nicht nur Minderjährige
Während sich die öffentliche Aufmerksamkeit zu Beginn auf Kinder und Jugendliche konzentrierte, betrifft einer der wichtigsten Fälle in Polen erwachsene Frauen, darunter eine Ordensschwester, die unter dem Deckmantel geistlicher Begleitung und charismatischen Dienstes missbraucht wurden. In den späten 1990er Jahren leitete der Dominikaner Paweł M. eine Jugendgemeinschaft, die schrittweise sektenähnliche Züge annahm. Laut Zeugenaussagen, die später von einer unabhängigen Kommission gesammelt wurden, schlug er einige Frauen bis zur Bewusstlosigkeit, stellte sexuelle Übergriffe als „Gottes Willen“ dar und nutzte den Beichtstuhl als Ort der Manipulation und Kontrolle.[8] Eine Nonne namens Schwester Małgorzata, berichtete, dass Paweł M. sie zwischen 2011 und 2018 wiederholt missbraucht hatte, wobei er spirituelle Sprache mit Drohungen und Isolation verband. Frühere Provinziale hatten teilweise Sanktionen gegen ihn verhängt – ein Jahr ohne öffentlichen Dienst, später ein Verbot, Beichten abzunehmen –, doch wenn sie glaubten, dass die Lage „unter Kontrolle“ sei, erlaubten sie ihm, wieder zu predigen und Exerzitien durchzuführen.

Nachdem sich Betroffene an die Staatsanwaltschaft und die Medien gewandt hatten, beauftragte die Dominikanerprovinz 2021 eine vollständig unabhängige, von Laien geleitete Untersuchung unter der Leitung des katholischen Journalisten und Philosophen Tomasz Terlikowski. Der 250-seitige Bericht kam zu dem Ergebnis, dass die Reaktion des Ordens völlig unzureichend gewesen war: Die Verfahren seien willkürlich gewesen, die Strafen viel zu milde, und den Opfern seien keine klaren Informationen und Gerechtigkeit zuteilgeworden. Die Provinzialen entschuldigten sich öffentlich, eine finanzielle Entschädigung wurde vereinbart, und 2023 wurde der Ordensbruder von einem zivilen Gericht zu einer Freiheitsstrafe verurteilt; 2025 wurde er sowohl aus dem Orden als auch aus dem Klerikerstand ausgeschlossen.

Dieser Fall ist weit über die Dominikanerprovinz hinaus von Bedeutung. Er zeigt, dass der Missbrauch von erwachsenen Frauen einschließlich Nonnen ebenso verheerend sein kann wie der Missbrauch von Minderjährigen, insbesondere wenn geistliche Autorität missbraucht wird. Er zeigt zudem, dass eine unabhängige Kommission mit externen Experten und die vollständige Veröffentlichung ihrer Ergebnisse dazu beitragen können, Vertrauen wiederherzustellen und für echte Rechenschaftspflicht zu sorgen.[9]

Johannes Paul II. auf dem Prüfstand
Kein Thema ist in Polen heikler als Vorwürfe gegen Johannes Paul II. 2023 wurde in einer TV-Dokumentation („Franciszkańska 3“) und in einem Buch („Maxima Culpa“) behauptet, Karol Wojtyła habe als Erzbischof von Krakau mindestens drei Missbrauchsfälle nicht adäquat behandelt und den beschuldigten Priestern erlaubt, ihren Dienst weiter auszuüben. Die Schlagzeile „Johannes Paul II. wusste Bescheid“ verursachte ein Erdbeben im Land, in dem sein Bild in Kirchen und auf öffentlichen Plätzen noch immer omnipräsent ist.

Inzwischen haben investigative Journalisten der renommierten Tageszeitung Rzeczpospolita dieselben Fälle erneut untersucht und sind zu einem differenzierteren Ergebnis gekommen.[10] Sie stellten fest, dass Wojtyła mindestens einen Priester sofort aus dem Gemeindedienst entließ und ihn nie wieder in den Dienst mit Kindern zurückkehren ließ, und dass er an einen anderen schrieb: „Jedes Verbrechen muss bestraft werden.“ Zwar entsprachen die Handlungen des Bischofs nicht den heutigen Standards der Transparenz und Opferbetreuung, doch gibt es weder in den staatlichen noch in den kirchlichen Archiven substanzielle Beweise dafür, dass sich Opfer oder deren nahe Angehörige sich direkt an Wojtyła mit der Bitte um Hilfe gewandt hätten. Historiker warnen, dass die Fälle im Kontext der frühen 1970er Jahre betrachtet werden müssen: ohne das heutige psychologische Wissen über Missbrauch, unter kommunistischer Überwachung und geprägt von einer rechtlichen und kirchlichen Kultur, die solche Verbrechen anders behandelte. Das befreit nicht von der Verantwortung, erschwert jedoch jede einfache Darstellung von Schuld oder Unschuld.

Immerhin drängten die Vorwürfe die polnischen Bischöfe in eine neue Richtung – in Richtung Transparenz. Im März 2023 beschlossen sie einstimmig, eine Kommission einzusetzen, die Missbrauchsfälle von 1945 bis 1990 sowohl anhand von staatlichen und kirchlichen Archiven untersuchen soll, um einen Kontext für die Beurteilung der Amtsführung von Johannes Paul II. als Bischof zu schaffen, und im weiteren Sinne vergangene Missbrauchsfälle in allen polnischen Diözesen zu untersuchen. Die Idee dahinter war, dass nur eine umfassende historische Untersuchung einen selektiven oder sensationslüsternen Gebrauch von Quellen verhindern könne.

Tatsächlich haben die neuen Recherchen der Rzeczpospolita-Journalisten Tomasz Krzyżak und Piotr Litka gezeigt, dass Kardinal Wojtyła in den drei bekannten Missbrauchsfällen in den 1960er und 1970er Jahren im Allgemeinen schnell und innerhalb der Normen des Kirchenrechts agiert hatte – was früheren Vorwürfen widerspricht, dass er Verbrechen vertuscht habe. Historiker, die sowohl mit Akten des Sicherheitsdienstes als auch mit den Archiven der Krakauer Erzdiözese arbeiten, kommen zu dem Schluss, dass Wojtyła, sobald er über Priester wie Józef Loranc und Eugeniusz Surgent informiert worden war, diese vom Dienst suspendierte, ihnen befahl, ihre Gemeinden zu verlassen und unter Aufsicht zu leben. Er versetzte sie nicht einfach in neue Gemeinden mit Kindern. Der Bericht betont, dass diese Handlungen im gesetzlichen und politischen Kontext des kommunistischen Polens gelesen werden müssen – ohne die heutigen Schutzstandards und unter feindseliger Beobachtung. Deshalb können sie nicht mit gegenwärtiger best practice verglichen werden. Der Bericht findet keinen Beweis dafür, dass Wojtyła bewusst weiteren Missbrauch ermöglichte; vielmehr werden einige seiner Entscheidungen als „über dem Standard“ seiner Zeit beschrieben.

Die jüngsten Forschungen waren nur möglich, weil Kardinal Grzegorz Ryś, seit dem 20. Dezember 2025 Erzbischof von Krakau, die Archive seiner Erzdiözese geöffnet hat, was unter dem vorherigen Erzbischof Marek Jędraszewski undenkbar gewesen wäre.

Eine unabhängige Kommission ohne Mitglieder
Was danach geschah, zeigt sowohl den Widerstand gegen Veränderungen als auch einen langsamen Wandel. Zwei Jahre lang existierte die „unabhängige Kommission“ der Bischöfe nur auf dem Papier. Anfang 2025 gab der Rechtsbeirat der Bischofskonferenz ein sehr kritisches Gutachten heraus, in dem er argumentierte, dass der Satzungsentwurf der Kommission ungültig und gefährlich sei, vor allem weil deren Arbeit zu Gerichtsverfahren gegen Bischöfe führen könnte. Die Juristen behaupteten sogar, die Abstimmung der Bischöfe von 2023 zur Einrichtung der Kommission müsse wiederholt werden. Dieses juristische Manöver wurde weithin als Versuch verstanden, das Projekt zu begraben oder zumindest auf unbestimmte Zeit zu verschieben.[11]

Unterdessen hielten Opfergruppen und katholische Journalisten den Druck aufrecht, indem sie auf die Studie der Dominikaner oder ähnliche Kommissionen in Deutschland, Frankreich oder Spanien verwiesen. Sie argumentierten, die Kirche in Polen reagiere ohne eine echte unabhängige Studie weiterhin von Fall zu Fall, ohne die breiteren Muster von Missbrauch und seiner Vertuschung zu verstehen. Schließlich verabschiedeten Polens Bischöfe am 11. März 2026 während ihrer Vollversammlung ein Statut über die „Kommission unabhängiger Experten zur Untersuchung des Phänomens des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen in der katholischen Kirche in Polen“, die gemeinsam mit den Konferenzen der Ordensoberen eingerichtet wurde. Die Kommission gilt nach polnischem Recht als juristische Person, wodurch sie eine von der Bischofskonferenz getrennte Einheit ist.

Theoretisch könnte dieses neue Gremium jetzt für die gesamte Kirche in Polen das leisten, was der Bericht der Dominikaner für den Orden geleistet hat: das vollständige Ausmaß des Missbrauchs dokumentieren, systemisches Versagen aufdecken und konkrete Reformen vorschlagen. Das Hauptproblem der Kommission besteht jedoch darin, dass sie zwar angekündigt wurde, ohne die Öffentlichkeit darüber zu informieren, wer ihre Mitglieder sind und wann sie ihre Arbeit aufnimmt.[12]

Zudem stellt sich die wichtige Frage, ob sich die neue Kommission nur mit Minderjährigen befassen wird oder auch mit missbräuchlichen Beziehungen zwischen Erwachsenen, insbesondere zu Ordensschwestern und Laienfrauen unter geistlicher Begleitung. Die öffentliche Debatte in Polen über den Missbrauch von religiösen Frauen hat sich bisher hauptsächlich auf den Dominikaner-Fall konzentriert, doch es gibt Anzeichen für ein weit größeres Problemfeld. Berichte und Konferenzen in Warschau haben auf bestimmte bekannte Muster hingewiesen: Schwestern, die von Oberen oder Beichtvätern zu sexuellen Beziehungen gezwungen werden, das Verschweigen von Beschwerden und eine theologische Sprache, die Gehorsam mit Unterwerfung verwechselt. Da der Titel der Kommission sich ausdrücklich auf „Minderjährige“ bezieht, wird viel davon abhängen, wie breit „Verwundbarkeit“ in der Praxis ausgelegt wird. Die Erfahrungen aus Deutschland und anderen Ländern lassen vermuten, dass Fälle, in denen Erwachsene spirituell oder wirtschaftlich von Geistlichen abhängig sind, oft ähnliche Dynamiken von Grooming, Zwang und Vertuschung aufweisen wie in Fällen mit Kindern. Wenn diese Realitäten außerhalb des Blickfelds offizieller Untersuchungen bleiben, wird weiterhin ein wesentlicher Teil der Wahrheit fehlen.

Zeichen der Hoffnung und gelernte Lektionen
Trotz Verzögerungen und internen Widerstands hat Polen einige bemerkenswerte Strukturen aufgebaut. Erstens ist das nationale Netzwerk für Kinderschutz für die Region relativ weit fortgeschritten. Seit 2019 verfügt die Bischofskonferenz über einen Beauftragten für den Schutz von Kindern und Jugendlichen (Erzbischof Wojciech Polak) und ein Büro für den Schutz von Kindern und Jugendlichen, das Weiterbildungen organisiert, diözesane Anlaufstellen koordiniert und mit der Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen in Rom zusammenarbeitet.[13] 2021 war Warschau Gastgeber einer regionalen Konferenz mit Kardinal Seán O’Malley, dem Vorsitzenden der Päpstlichen Kommission für Jugendschutz. Papst Franziskus betonte in seiner Botschaft, dass der Ruf der Institution niemals Vorrang vor dem Wohl der Opfer haben dürfe.

Zweitens finanziert die 2019 gegründete und durch Beiträge des Klerus finanzierte St.-Joseph-Stiftung Therapien, medizinische Versorgung und Rechtsbeistand für Missbrauchsopfer und unterstützt NGOs und Telefon-Hotlines, die diese begleiten. Allein 2023 leistete sie etwa hundert Menschen direkte oder indirekte Unterstützung und übernahm die Kosten für Psychotherapie, psychiatrische Behandlung, Rechtsberatung und Mediation mit Diözesen oder Orden. Diese Stiftung wird von einer Laienfrau geleitet, die für ihr Engagement für Missbrauchsbetroffene bekannt ist – eine symbolische Umkehrung der früheren klerikalen Kultur.

Drittens haben einige Ortskirchen begonnen, noch entschlossener zu handeln als die Kirche auf nationaler Ebene. Die Diözese von Sosnowiec wurde zum Inbegriff eines klerikalen Skandals und des falschen Umgangs mit den Vorwürfen durch den ehemaligen Bischof Grzegorz Kaszak.[14] Nach dessen Rücktritt richtete der neue Bischof Artur Ważny Polens die erste unabhängige Diözesankommission mit einer Mehrheit von Laienexperten und einem Investigativjournalisten als Vorsitzendem ein und ordnete eine umfassende externe Prüfung der pastoralen, finanziellen und personellen Praktiken an. Die mediale Berichterstattung wandelte sich schnell von Empörung zu vorsichtigem Respekt, und katholische Kommentatoren lobten Sosnowiec als potenzielles Modell für andere Diözesen. Der erste Teil des Berichts, in dem es um die Opfer geht, wurde bereits veröffentlicht. Die Kommission arbeitet noch am zweiten und weitaus komplizierteren Teil ihrer Arbeit, nämlich der Erforschung der Ursachen für das missbräuchliches Verhalten, das die Diözese so berüchtigt gemacht hat.[15]

Schließlich trafen sich im November 2024 erstmals 46 Betroffene mit den polnischen Bischöfen während deren Vollversammlung in Częstochowa. Die Teilnehmenden beider Seiten beschrieben das Treffen als echte Begegnung „von Mensch zu Mensch“, geprägt von Zuhören und wiederholten Entschuldigungen, auch wenn konkrete Resultate Zeit brauchen werden. Dass ein solches Treffen erst fünf Jahre nach dem ersten großen Dokumentarfilm stattfand, sagt viel über die Verzögerungen aus – doch das Treffen selbst zeigt, dass ein Sinneswandel möglich ist, wenn auch spät.[16]

Was europäische Kirchen voneinander lernen können
Für europäische Leser ist die polnische Situation vermutlich gleichzeitig vertraut und fremd. Vertraut, weil die Muster von Missbrauch und Vertuschung – charismatische Täter, Klerikalismus, institutioneller Selbstschutz – denen ähneln, die in deutschen, französischen und anderen Berichten festgestellt wurden. Fremd, weil die Kirche in Polen enger mit der nationalen Geschichte und dem politischen Leben verknüpft ist, und weil Fragen rund um Johannes Paul II. eine einzigartige emotionale Bedeutung haben. Die Erfahrungen westeuropäischer Kirchen mit unabhängiger Forschung, Opferpartizipation und systemischen Reformen können Polen wichtige Lehren bieten: klare Mandate, garantierter Zugang zu Archiven, öffentliche Berichterstattung und die Einbeziehung von erwachsenen Betroffenen in die Untersuchungen. Gleichzeitig könnten sich westliche Katholiken von einigen polnischen Initiativen inspirieren lassen, z. B. von der konkreten Unterstützung der St. Joseph-Stiftung für Betroffene oder von der Entscheidung eines Diözesanbischofs, einen investigativen Journalisten einzuladen, eine interne Kommission zu leiten.

Die neue nationale Kommission unabhängiger Experten in Polen – sofern sie wie versprochen funktioniert – könnte zu einer Brücke zwischen diesen beiden Welten werden: verwurzelt in einer katholischen Kultur, die von Widerstand und Frömmigkeit geprägt wurde, doch willens ist, sich kritischer Prüfungen zu unterziehen und aus internationalen Erfahrungen zu lernen. Sie wird daran gemessen werden, ob Betroffene und katholische Gläubigen mit der Zeit ihren Untersuchungsergebnissen mehr vertrauen, als dass sie weitere Skandale fürchten.

Anmerkungen:
[1] https://iskk.pl/annuarium-statisticum-ecclesiae-in-polonia-2024-juz-dostepne/

[2])    https://ibris.pl/zaufanie-do-kosciola-katolickiego/

[3])    Vgl. Leśniczak, Rafał: Politisierung und zunehmende Kontrolle. Katholische Medien in Polen. In: RGOW 54, 1 (2026), S. 15–17.

[4])    https://ochrona.episkopat.pl/dokumenty/wyniki-kwerendy-do-30-06-2018-poglebiona-analiza/

[5])    Adamiak, Elżbieta: Verspieltes Vertrauen. Die römisch-katholische Kirche in Polen. In: RGOW 50, 8–9 (2022), S. 44–47.

[6])    https://noek.info/nachrichten/ostmitteleuropa/polen/1094-polen-film-ueber-kirchlichen-missbrauch-erschuettert-polen

[7])    Guzik, Paulina: Missbrauch in der katholischen Kirche – Licht am Horizont? In: RGOW 47, 11 (2019), S. 10–12.

[8])    https://wiez.pl/2021/07/20/dla-czystego-wszystko-jest-czyste/

[9])    https://www.tygodnikpowszechny.pl/pawel-m-wydalony-z-zakonu-dominikanow-final-sprawy-brutalnego-przestepcy-189917

[10])   https://www.rp.pl/kosciol/art43954231-kard-karol-wojtyla-nie-kryl-pedofili-rzeczpospolita-zbadala-zamkniete-dotad-archiwa

[11])   https://noek.info/nachrichten/ostmitteleuropa/polen/3703-polen-rechtsbeirat-der-bischofskonferenz-stellt-sich-gegen-aufarbeitungskommission-fuer-missbrauchsfaelle

[12])   https://episkopat.pl/doc/243819.Polish-bishops-after-their-deliberations-on-parish-life

[13])   https://ochrona.episkopat.pl/

[14])   https://noek.info/nachrichten/ostmitteleuropa/polen/3104-polen-amtsverzicht-eines-polnischen-bischofs-wirft-fragen-auf

[15])   https://diecezja.sosnowiec.pl/komunikat-biskupa-sosnowieckiego-artura-waznego/

[16])   https://noek.info/nachrichten/ostmitteleuropa/polen/3567-polen-missbrauchsbetroffene-treffen-mit-polnischen-bischoefen-historisch

Übersetzung aus dem Englischen: Regula M. Zwahlen.

Paulina Guzik, Dr., Journalistin und Associate Professor für Kommunikation und Journalismus an der Päpstlichen Johannes Paul II.-Universität, Krakau.

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