
Außenpolitisches Instrument. Sport in Putins Russland
RGOW 6/2026
Putin und zahlreiche russische Oligarchen sind Sportfreunde in vielerlei Hinsicht. Große Sportevents sorgten seit den 2000er Jahren für globale Medienpräsenz und lukrative Bauprojekte. Wichtige Figuren der russischen Wirtschaftselite nahmen Spitzenpositionen in internationalen Sportverbänden ein und übten durch Sponsoring Einfluss aus. Auch transnationale Ligen entpuppten sich als außenpolitische Softpower-Projekte. Manche Spuren führen nach wie vor in die Schweiz.
Sport hat im heutigen Russland wichtige innen- und außenpolitische Funktionen. Bereits im Kalten Krieg spielten Sporterfolge für die Sowjetunion eine wichtige Rolle. In den Armee- und KGB-nahen Spitzensport flossen beträchtliche Ressourcen. In den 1990er Jahren ging das russische Sportsystem in die Hände von Oligarchen über, ab der Jahrtausendwende wurde es integraler Teil der Putinschen Machtvertikale. So entstand eine enge Verflechtung zwischen Sport, Staatsführung und Wirtschaftselite, für die der Politologe Lukas Aubin den Begriff „Sportokratura“ geprägt hat.[1] Die komplexe Symbiose von Sport, Regime, Oligarchen und Geheimdiensten baute auch in der Schweiz eine starke Präsenz auf. In der russischen Sport-Außenpolitik widerspiegelt sich damit der generelle Wandel von einer ideologiebasierten Diktatur zur postmodernen Autokratie mit rhizomatischen Strukturen und Desinformationsstrategien.
Sport als Machtressource
Die NZZ berichtete 2022 von Putins sportbasiertem „Kartell der Macht“ um die Oligarchen Gennadij Timtschenko sowie Arkadij und Boris Rotenberg.[2] Die Rotenberg-Brüder, mit Putin seit den 1960ern vom Judo-Training bekannt, sind in verschiedenen Branchen tätig. Arkadij war auch Präsident des Eishockeyklubs Dynamo Moskau und im Vorstand der Eventorganisation SportAccord in Lausanne, Boris Vizepräsident des russischen Judoverbandes und Präsident des Fußballklubs Dynamo Moskau. Sein Sohn Roman erlangte hohe Posten bei Gazprombank sowie im Eishockey-Business, darunter 2022 – ohne Erfahrung – als Headcoach von SKA St. Petersburg. Der Ölmagnat Timtschenko, einer der reichsten Russen, hatte als Pauschalbesteuerter 2002 bis 2022 seinen Steuersitz in Cologny im Kanton Genf. Er wurde 2011 Präsident von SKA St. Petersburg und war Vizepräsident des Russischen Olympischen Komitees. Wie die Rotenbergs gilt Timtschenko als Financier von Söldnertruppen.[3]
Hinzu kam ein machistischer Personenkult um den „sportlichen Putin“: Unter seinem Namen erschienen Judo-Lehrmittel (auch in westlichen Sprachen). Ab 2011 trug eine Freizeit-Eishockeyliga jährlich eine Galapartie der Ligaauswahl gegen ein aus Altstars, Politikern und Oligarchen bestehendes Team aus, bei der Putin fünf bis zehn Tore erzielte und sich als „bester Spieler der Partie“ feiern ließ. Umgekehrt wird Sportprominenz politisch mobilisiert. So zogen etwa der Eishockey-Altstar Viatscheslav Fetisov oder der ehemalige Schach-Weltmeister und mutmaßliche KGB-Agent[4] Anatolij Karpov für die Regimepartei Einiges Russland in die Duma ein. Vor den Wahlen 2018 bildeten Sportkreise das „PutinTeam“, das Propaganda-Rallys organisiert und eine Kleidermarke betreibt. Dies hatte auch internationale Ausstrahlung: Karpov und Eishockey-Legende Vjatscheslav Bykov etwa rechtfertigten in Schweizer Presseinterviews die Krim-Annexion.[5]
Gastgeber und Strippenzieher
Seit einem Jahrzehnt werden Großevents mit politischen Zielen als „Sportswashing“ bezeichnet. Russland war unter anderem Gastgeber der WM im Eishockey (2007, 2016), Schach (2012), Leichtathletik (2013), Judo (2014), Fußball (2018)[6] und Amateurboxen (2019), der Schacholympiade 2010, der Sommer-Universiade 2013, der Olympischen und Paralympischen Winterspiele 2014 und der Winter-Universiade 2019. Bei diesen Events sonnte sich Putin in der globalen Medienöffentlichkeit. Zugleich bescherten sie Oligarchen wie Timtschenko und Arkadij Rotenberg lukrative Bauaufträge.[7]
Die vielen Zusprachen resultierten aus der starken Position Russlands in internationalen Sportverbänden. 2022 wiesen 30 der 53 Verbände mit Sitz in der Schweiz russisch besetzte Spitzenpositionen auf. Bis in die frühe Putin-Ära waren dies zum Teil alte Sowjetfunktionäre mit vermuteten KGB-Verbindungen. Der Geheimdiensthistoriker Jurij Felschtinskij hat diesbezüglich Vitalij Smirnov, 1971 bis 2016 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), sowie Vjatscheslav Koloskov, 1980 bis 1996 FIFA-Vizepräsident, bis 2009 Mitglied der Exekutiven von FIFA und UEFA und Strippenzieher bei der Vergabe der WM 2018, erwähnt.[8] Den Umstand, dass Juan Antonio Samaranch als Ex-Politiker des Franco-Regimes 1980 mit den Stimmen des Ostblocks IOC-Präsident wurde und dann einen sowjet- bzw. russlandfreundlichen Kurs fuhr, führt Felschtinskij darauf zurück, dass der KGB ihn mit seiner Verwicklung in illegalen Kunstexport während seiner Botschafterzeit in Moskau erpresst habe. Bei seinem Rücktritt erhielt Samaranch 2001 von Putin einen Orden und lobbyierte danach kräftig für die Vergabe der Winterspiele nach Sotschi.
Die folgende Funktionärsgeneration bestand aus Sportprominenz sowie Oligarchen, die gezielt gewissen Sportarten zugeteilt wurden. So wurde etwa die ehemalige Stabhochspringerin Elena Isinbajeva, Mitglied von Einiges Russland, Mitarbeiterin des Verteidigungsministeriums im Majorsrang und von der Nawalny-Stiftung als Nutznießerin des Putinschen Korruptionssystems bezichtigt[9], 2016 IOC-Mitglied. Der internationale Fechtverband wurde 2009 bis 2022 vom Oligarchen Alischer Usmanov präsidiert, der 2007 bis 2018 auch den FC Arsenal London kontrolliert hatte. Das Präsidium des Schießsportverbands übernahm 2018 bis 2022 der Oligarch Vladimir Lisin, dasjenige des Schachverbands 1995 bis 2018 der kalmükische Präsident Kirsan Iljumzhinov und seither Putins ehemaliger Wirtschaftsberater Arkadij Dvorkovitsch. 2020 wurde der Putin-Vertraute Umar Kremljov, ehemaliges Mitglied des nationalistischen Motorradklubs Nachtwölfe, Präsident des Amateurboxverbandes. Er machte Gazprom zum Hauptsponsor und suspendierte 2022 den ukrainischen Verband. Arkadij Rotenberg saß 2008 bis 2022 in der Exekutive der Internationalen Judo-Föderation.
Putin selber präsidierte 2005 bis 2009 den internationalen Sambo-Verband und war 2008 bis 2022 Ehrenpräsident der Judo-Föderation. Auch pflegte er freundschaftliche Beziehungen zu den Chefs wichtiger Verbände. Dazu zählte René Fasel aus Fribourg, seit 1994 dank russischer Hilfe im höchsten Amt des internationalen Eishockeys. Zum Ende seines Präsidiums geriet er 2021 in die Kritik durch eine Umarmung Aljaksandr Lukaschenkas, der kurz zuvor Massenproteste brutal hatte niederschlagen lassen, wobei es auch zu Repressionen gegen Sportlerinnen und Sportler kam. Nur auf Druck von Sponsoren wurde Minsk die WM 2021 entzogen. Danach wanderte Fasel nach Russland aus, übernahm als Partner von Timtschenko eine Agrar-Holding und kritisierte Russlands Ausschluss von der Eishockey-Weltmeisterschaft 2022 als „pure Hysterie“.[10]
Nichtsanktionierte Funktionäre blieben 2022 im Amt.[11] So saßen 2023 15 russische Mitglieder in UEFA-Gremien, Gazprom-Manager Aleksandr Djukov gar im Vorstand. 2025 enthüllte The Guardian UEFA-Entschädigungen von fast 11 Mio. Euro an den russischen Fußballverband wegen des Ausschlusses russischer Vereine aus den europäischen Wettbewerben. Ukrainische Klubs, die kriegsbedingt fernbleiben mussten, gingen dagegen leer aus.[12] Und im Mai 2026 beschloss der Weltgymnastikverband, in dessen Exekutivkomitee mit Vasilij Titov ein langjähriger Topmanager der Kreml-nahen VTB Bank sowie Vorsitzender des „Öffentlichen Rats“ des Inlandgeheimdiensts FSB sitzt, die Aufhebung sämtlicher Sanktionen gegen Russland, dessen Rhythmische Sportgymnastik in den Vorjahren unter die Kontrolle der mutmaßlichen Putin-Geliebten Alina Kabajeva geraten war.
Sponsoring mit Hintergedanken
Mit der Verbandspolitik verflochten war das Sponsoring. Zentral war dabei Gazprom, das Partnerschaften mit der FIFA, der UEFA, den internationalen Verbänden im Handball, Schach und Amateurboxen, der ersten Champions Hockey League und der Regatta Nord Stream Race einging und Hauptsponsor verschiedener Fußballklubs war (Austria Wien; Schalke 04, in dessen Aufsichtsrat der ehemalige Stasi-Major, Putin-Vertraute und Leiter der in Zug domizilierten Nordstream 2 AG Matthias Warnig Einsitz nahm) oder noch ist (Roter Stern Belgrad). Eine Reihe von Fußballklubs kam in Besitz oder Teilbesitz von Oligarchen – am bekanntesten 2003 bis 2022 Chelsea FC mit Roman Abramovitsch. Michail Prochorov besaß von 2009 bis 2017 das Basketballteam Brooklyn Nets, Timtschenko und die Rotenbergs waren von 2013 bis 2022 Mitbesitzer des Eishockeyklubs Jokerit Helsinki und seines Stadions.
Auch der Schweizer Sport war betroffen. Timtschenko und seine Neva-Stiftung sponserten etwa den FC Servette, die „Futur Hockey Challenge“ in Genf, den Tennis Club Cologny und Schachschulen. Seine Ölhandelsfirma Gunvor wurde ein Hauptsponsor des HC Servette. Die 2007 bis 2022 aktive Luzerner Stiftung des russischen Parlamentariers, Edelmetall- und Rohstoffhändlers Sulejman Kerimov, der zeitweise als reichster Russe galt, im heimatlichen Dagestan einen Fußballklub besitzt und bei Kriegsbeginn 2022 an einem Oligarchentreffen mit Putin im Kreml teilnahm, unterstützte den FC Luzern Frauen, das Regionale Eiszentrum Luzern und das Ruderzentrum Luzern-Rotsee. Stiftungsrat Philipp Studhalter war von 2016 bis 2021 Präsident des FC Luzern, seither der Swiss Football League. 2018 bis 2022 war die Nord Stream AG Hauptsponsor des Eishockeyspitzenklubs EV Zug. 2011 übernahm der Geschäftsmann Bulat Tschagaev, Freund des tschetschenischen Machthabers Ramzan Kadyrov, den FC Neuchâtel Xamax, der im folgenden Jahr bankrott ging. Konkurs anmelden musste 2017 auch der seit 2010 von russischen Investoren um Andrej Nazheskin kontrollierte Eishockeyklub Red Ice Martigny-Verbier-Entremont. Dann verfolgte Nazheskin politische Pläne: Er war 2019 SVP-Nationalratskandidat in Genf, 2023 bis 2026 Gemeinderat von Fribourg und wurde 2022 Honorarkonsul von Belarus in der Schweiz.
Nur kurz dauerte das Kreml-nahe Engagement bei Sauber Motorsport. Nach Logo-Präsenz von Abramovitschs Chelsea sowie einer Sponsoring-Partnerschaft mit OC Oerlikon, das kurz nach Viktor Vekselbergs namhaftem Einstieg 2007 auch ein Ski-Nachwuchsprogramm lanciert hatte, verhandelte der verschuldete Rennstall 2013 erfolglos mit Gazprom, Sberbank und VTB Bank. Im selben Jahr kam dann aber ein Deal zustande mit dem Staatlichen Fonds für Entwicklung der Nordwestlichen Russischen Föderation, dem Investment Cooperation International Fund und dem russischen Nationalen Institut für Luftfahrt und Technologie, von dem der Sohn des Chefs Sauber-Pilot wurde. Diese Institutionen wiesen angeblich Geheimdienstbezüge auf und mussten vorab Putin informieren. Der Deal, zu dem der damalige Bundesrat Ueli Maurer gratulierte, stand in Zusammenhang mit der Lancierung des Grand Prix von Russland, endete aber nach einem Jahr vorzeitig. 2020 gab es Gerüchte zur Übernahme des Grasshopper Clubs Zürich durch einen russischen Investor. Der Traditionsverein kam dann aber im Zeichen des sportpolitischen Strangs der „Neuen Seidenstraße“ in chinesischen Besitz.
2022 forderte der Bundesrat mit anderen Regierungen die internationalen Sportverbände zu „Maßnahmen gegen sportbezogene Investitionen wie Sponsoring und finanzielle Unterstützung mit Verbindungen zum russischen Staat“ auf.[13] 2024 antwortete er auf eine parlamentarische Nachfrage, er habe „keine Kenntnisse von sportbezogenen Investitionen in der Schweiz mit Verbindungen zu Russland“.[14] Tatsächlich gibt es jedoch in der Schweiz weiterhin Sportorganisationen mit Bezug zu russischen Geschäftsleuten (mit unklarer Regimenähe), einheimischen pro-russischen Lobbyisten oder gar Spezialeinheiten russischer Geheimdienste.[15]
Doping mit Geheimdienstunterstützung
Die politische Bedeutung von Sport für Putins Russland gelangte ab 2014 mit dem großen Dopingskandal an die Weltöffentlichkeit. Ausgelöst wurde er von einer ARD-Doku mit Whistleblower-Aussagen,[16] worauf die Weltdopingagentur WADA Untersuchungen einleitete. 2015 wurden der russische Leichtathletikverband und die Anti-Doping-Agentur RUSADA suspendiert. Im folgenden Jahr floh der Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors Grigorij Rodtschenkov in die USA und enthüllte die Mitwirkung des Geheimdienstes FSB bei der Manipulation von Dopingproben.[17] Zwei frühere RUSADA-Leiter verstarben überraschend.[18] WADA-Berichte entlarvten zahlreiche positive Fälle bei den Olympischen Spielen 2008 und 2012, legten Manipulationen von Proben und Einschüchterung von Kontrolleuren durch den FSB offen und gingen von der Steuerung durch das russische Sportministerium aus. Ab 2019 durften russische Athletinnen und Athleten für zwei Jahre nur unter neutraler Flagge antreten.
Russische Spitzenpolitiker bezeichneten die Befunde als „russophob“. Putin gab sich zurückhaltend selbstkritisch, diskreditierte aber mehrfach Rodtschenkov. Isinbajeva warf 2016 Deutschland systematisches Doping vor. Der Militärnachrichtendienst GRU verübte Cyberattacken auf die WADA, das IOC, den Sportgerichtshof CAS und verschiedene Verbände.[19] Die mutmaßliche GRU-Webseite Fancy Bear lancierte eine Desinformationskampagne zu angeblich vertuschten westlichen Dopingfällen, deren Inhalte zum Teil von westlichen Medien unkritisch multipliziert wurden.
Transnationale Ligen als Soft-Power-Projekte
Verschiedene transnationale Strukturen dienten der Prägung einer Putinschen Mental Map. Paradebeispiel war die Kontinental Hockey League (KHL) mit dem Ziel einer Ausbreitung von Japan bis Großbritannien. Bei deren Start 2008 schwärmte Putin von der „Wiederherstellung eines gemeinsamen humanitären Raums auf dem postsowjetischen Territorium“ und anzustrebendem „europäischen Klang“.[20] Damit adressierte er zugleich Sowjetnostalgie, die Ideologie des „Russkij Mir“, gemäß der Gebiete, in denen Russisch präsent ist, zur Einflusssphäre Russlands gehören, sowie das etwa vom rechtsextremen Philosophen Aleksandr Dugin formulierte „neo-eurasische“ Ziel einer antiliberalen Oberherrschaft Russlands über Europa.
Vorstandsvorsitzender der stark von staatsnahen Konzernen alimentierten KHL war zunächst Fetisov, ab 2012 Timtschenko. Die Liga integrierte neben russischen Klubs Teams aus Belarus, Kasachstan, China sowie vorübergehend Tschechien, der Slowakei, Kroatien, Finnland, Lettland und der Ukraine. Die Hälfte aller KHL World Games bis 2022 fand in der Schweiz statt. Die Westerweiterung gelang aber nicht. Ab 2011 verfolgte die KHL in Huttwil (BE) das Klubprojekt Helvetics, das wegen lokaler Widerstände, eines KHL-Strategiewechsels und der Sanktionen nach der Krim-Annexion versandete. Dann gab es Gerüchte über einen Beitritt des HC Servette, festgemacht an Timtschenko, dessen Jokerit Helsinki 2014 diesen Schritt getan hatte.
2014 wurde der KHL-Vizemeister HC Lev Prag, der im Teilbesitz der Gazprom-nahen, in Zürich domizilierten A-Energie Holding war, aufgelöst. Dies hing mit einem Strategiewechsel bei Gazprom zusammen sowie eventuell mit dem Umstand, dass Tschechiens Regierung Ausbaupläne für das Atomkraftwerk Temelín, um die sich ein russisch-tschechisches Konsortium beworben hatte, beerdigte. Im selben Jahr verließ Donbas Donezk, dessen Stadion im Mai 2014 von Separatisten in Brand gesteckt worden war, die KHL. Ebenso endete nach zwei Jahren das Projekt einer russisch-ukrainischen Fußballliga. Mit Start der Großinvasion zogen sich Jokerit und Dinamo Riga aus der KHL zurück. Die Liga blieb aber außenpolitisches Vehikel: 2024 schloss sie eine Kooperation mit Roter Stern Belgrad ab, 2025 schlug Putin in einem Telefonat mit Trump zur Annäherung eine Spielserie zwischen KHL und der nordamerikanischen National Hockey League (NHL) vor.
Die Beziehungen zu Trump werden auch via den Vollkontaktsport „Mixed Martial Arts“ (MMA) gepflegt.[21] Ab 2001 entstand eine kommerzielle und propagandistische Symbiose zwischen Trump, der führenden MMA-Liga Ultimate Fighting Championship (UFC) und Fox News. 2012 initiierte Putin einen russischen MMA-Verband, und seit 2014 fördert Kadyrov MMA massiv. Seine Absolute Championship Akhmat wurde zur zweitwichtigsten MMA-Liga und richtete bis zur US-Sanktionierung 2022 Events auf vier Kontinenten aus.
Mehrere kaukasische Kämpfer mit enger Beziehung zu Kadyrov machten in den USA Karriere. Chabib Nurmagomedov, Akhmat-Trainer und UFC-Leichtgewicht-Champion mit 41 Mio. Instagram-Followern und ultrakonservativen Ansichten, traf 2018 Putin, verfluchte 2019 den „Islamfeind“ Macron und soll 2024 gemäß Aussage Trumps diesen zur Beendigung des Ukrainekriegs ermuntert haben. UFC-Mittelgewicht-Champion Chamzat Tschimaev, Sparringpartner seines Hochzeitsgasts Kadyrov, der ihm einen Mercedes schenkte, Trainer von dessen Söhnen sowie Trainingspartner und enger Freund des Schweizer Kämpfers Husein Kadimagomaev, unterstützte 2024 Trumps Wahlkampagne. Beziehungen zu Akhmat hatte auch Murad Dadaev, der ab 2015 in Deutschland bei MMA-Events sowie Kadyrov-nahen Tschetschenenvereinen auftrat und 2025 als „Noah Krieger“ Influencer der Partei Alternative für Deutschland (AfD) wurde.
Kampfsport-Netzwerke
Im Schatten des Spitzensports entstanden weitere transnationale Strukturen, so ein mit Nachtwölfen und Kosaken-Kulturvereinen verbundenes Netz Dutzender von Schulen des Kampfsports Systema mit Trainern aus der Armee und den Geheimdiensten Russlands. Westliche Sicherheitskreise sehen es als staatlich gesteuertes Mittel zur ideologischen Beeinflussung, Ausbildung potenzieller Saboteure (z. T. aus rechtsextremen Szenen[22]) und Bildung paramilitärischer Fünfter Kolonnen.[23] Die Schweiz war früh Systema-Stützpunkt. Um 2013 entstand die von einem angeblichen GRU-Reserveoffizier geleitete SYSTEMA Security Center Akademie in Regensdorf (ZH). 2018 gab der Nachrichtendienst des Bundes bekannt, er habe dies „auf dem Radar“.[24] Systema-Training durch Angehörige russischer Spezialeinheiten gab oder gibt es auch in Zürich, Bern, Lugano oder Solothurn.
Auch entstand ein europäisches Netz tschetschenischer MMA-Klubs mit Kontakten zu Kadyrov sowie vermutlich zur Unterwelt und russischen Geheimdiensten. Der Kampfsport Stenka verbreitete sich auf Betreiben eines GRU-Trainers, der 2007 einen Ableger in Fribourg gründete. Ebenso ist Kampfsport Teil der seit etwa 2020 auch in mehreren Schweizer Privatschulen praktizierten Schetinin-Pädagogik, die mit der esoterisch-nationalistischen, antidemokratischen und antisemitischen, in Russland vom Staat geförderten Siedlungsbewegung Anastasia verwoben ist.[25] In ihrer pro-Putinschen „Internationalen Schul-, Sport- und Kulturakademie“ in Weilheim (Bayern), die auch Kurse in der Schweiz durchführt, ist das Fach „Selbstverteidigung/Sport“ wichtig.
Sport in der Putinschen Kriegspolitik
Die „Spezialoperation“ in der Ukraine wird seit Beginn von Sportprominenz unterstützt, die an Propagandaevents teilnahm, das Kriegssymbol „Z“ zeigte oder die Großinvasion in Interviews oder Social-Media-Posts begrüßte (wie der in der Schweiz lebende Bykov[26]). Die wenigen Sportlerinnen und Sportler, die öffentlich Kritik wagten, wurden teilweise in Staatsmedien diskreditiert. Angesichts der Ächtung im internationalen Sport versuchte das Regime, die BRICS-Spiele 2024 in Kazan zum Großevent aufzublasen und kündigte für 2025 „Weltfreundschaftsspiele“ an, die aber nicht stattfanden.
Der russische Sport ist aber noch tiefer in den Krieg verwickelt. Akhmat trainierte Tausende von Kadyrovzy-Milizionären. Die Wagner-Gruppe benutzte Kampfsportklubs als Rekrutierungsbasen und veranstaltete MMA-Turniere. Und nachdem ab 2014 russische Fußball-Hooligans Separatistenmilizen im Donbas beigetreten waren, kämpfte ab 2022 das mutmaßlich vom Timtschenko-Rotenberg-Netzwerk mitfinanzierte und mit der Partei Einiges Russland verbundene Hooligan-Bataillon Española gegen die Ukraine, etwa bei der Zerstörung von Mariupol. 2025 wurde es aufgelöst, kurz darauf verstarb sein Leiter unter mysteriösen Umständen.
Die Nutzung von Sport als außenpolitisches Instrument durch das Putin-Regime umfasst also zahlreiche Dimensionen, die teilweise sowjetische Strategien fortsetzen, teilweise Praktiken anderer Diktaturen (bis zurück zu Mussolini und Hitler) reaktivieren, teilweise in der langen Geschichte der Politisierung von Sport neuartig sind. Die Übernahme ausländischer Spitzenklubs durch staatsnahe Konzerne und Oligarchen nach der Jahrtausendwende stellte beispielweise ein Novum dar, wurde aber rasch von Ländern wie China und Saudi-Arabien kopiert. Hingegen steht der propagandistische Vorwurf an andere, den Sport etwa durch Sanktionen und Boykotte zu politisieren, als typische „Verkehrung ins Gegenteil“[27] in alter sowjetischer Tradition. In ihrer Gesamtheit sind die sportlichen Dimensionen der Putinschen Außen- und Kriegspolitik ein Spiegel der komplexen rhizomatischen Strukturen und Desinformationsstrategien postmoderner Autokratien.
Anmerkungen:
[1]) Aubin, Lukas: La sportokratura sous Vladimir Poutine: Une géopolitique du sport russe. Levallois-Perret 2021.
[2]) https://www.nzz.ch/sport/wladimir-putins-kartell-der-macht-fusst-auf-dem-sport-ld.1672573
[3]) https://www.newsweek.com/rotenberg-brothers-private-army-ukraine-russia-1875980; https://www.rferl.org/a/russia-other-mercenary-companies-ukraine/32424520.html
[4]) Gulko, Boris et al.: Der KGB setzt matt: Wie der sowjetische Geheimdienst die Schachwelt manipulierte. Berlin 2009, S. 128.
[5]) https://www.bernerzeitung.ch/russland-will-kein-chaos-im-nahen-osten-395213889567; https://www.luzernerzeitung.ch/slawa-bykow-europa-und-russland-brauchen-einander-ld.1831382
[6]) Vgl. RGOW 46, 4–5 (2018): Russland und die Fußball-WM 2018
[7]) https://www.republik.ch/2018/06/11/fc-kreml
[8]) Felshtinsky, Yuri; Pribylovsky, Vladimir: The Corporation: Russia and the KGB in the Age of President Putin. New York/London 2008, S. 248–250.
[9]) https://www.youtube.com/watch?v=tPuA_TWJNhg
[10]) https://freiburger-nachrichten.ch/story/179198/ren-fasel-sorgt-erneut-f%C3%BCr-wirbel; https://sport.ch/russland-ice/1480467/ren-fasel-besitzt-mittlerweile-die-russische-staatsbuergerschaft
[11]) https://www.tagesanzeiger.ch/sie-unterstuetzen-putin-und-behalten-ihre-jobs-in-der-schweiz-846439678079
[12]) https://www.theguardian.com/world/2025/aug/08/uefa-paid-russian-football-clubs-solidarity-funds-invasion-ukraine
[13]) https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/medienmitteilungen.msg-id-87476.html
[14]) https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20243758
[15]) Koller, Christian: Sportliche Präsenz von Diktaturen in der Schweiz: Das frühe 20. und frühe 21. Jahrhundert im Vergleich. In: Les Sports Modernes 4 (2026) (im Druck).
[16]) https://www.youtube.com/watch?v=FKaiY9y7Gxg
[17]) Rodchenkov, Grigory: The Rodchenkov Affair: How I brought down Putin’s secret doping empire. London 2020.
[18]) https://www.deutschlandfunk.de/russische-anti-doping-behoerde-zweiter-todesfall-in-zwei-100.html
[19]) Sicherheit Schweiz 2019: Lagebericht des Nachrichtendienstes des Bundes. Bern 2019, S. 79, https://www.vbs.admin.ch/dam/de/sd-web/rIufT52XGN2C/NDB-Lagebericht-2019-d.pdf; Knellwolf, Thomas: Enttarnt: Die größten Schweizer Spionagefälle. Lachen 2024, S. 163–204.
[20]) http://archive.premier.gov.ru/events/news/2090/
[21]) Koller, Christian: Blut und Spiele – Mixed Martial Arts als reaktionärer Code. In: Geschichte der Gegenwart, 18. 01. 2026, https://geschichtedergegenwart.ch/blut-und-spiele-mixed-martial-arts-als-reaktionaerer-code /
[22]) https://dserver.bundestag.de/btd/19/077/1907773.pdf
[23]) https://datum.at/putins-woelfe/
[24]) https://web.archive.org/web/20260123023120/https://www.blick.ch/politik/putins-untergrund-truppe-russische-separatisten-bilden-kaempfer-in-der-schweiz-aus-id15048252.html
[25]) https://www.woz.ch/1643/anastasia-sekte/wer-heilt-die-welt-und-den-menschen
[26]) https://absatz.media/sport/4055-bykov-rusofobiya-na-zapade-zashkalivaet-oni-govoryat-chto-my-agressory-a-putin-diktator-k-sozhaleniyu-evropejcy-do-sih-por-ne-poznali-dushu-russkogo-cheloveka
[27]) Sasse, Sylvia: Verkehrungen ins Gegenteil: Über Subversion als Machttechnik. Berlin 2023.
Christian Koller, Prof. Dr., Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs (Zürich), Titularprofessor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich, Dozent für Sozialgeschichte an der FernUni Schweiz und Co-Leiter von Swiss Sports History an der Universität Luzern.