
Buchbesprechungen
RGOW 7-8/2026
Vier Buchbesprechungen zu:
Gregor Feindt: Bat’as Menschen;
Pavlo Kravchuk, Mykhailo Mordovskoi: Architectural Guide Zaporizhzhia;
Grigor Boykov: Ottoman Plovdiv;
Marietta van der Tol et al. (eds.): The Many Faces of Christianism
Gregor Feindt:
Bat’as Menschen.
Rationalisierung, social engineering und Differenzierung in der tschechoslowakischen Unternehmensstadt Zlín, 1918–1948
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2026, 564 S.
ISBN: 978-3-525-37109-1. € 85.– ; open access
Die Rationalisierung „wissenschaftlicher Betriebsführung“ wurde nach dem Ersten Weltkrieg weltweit zum gültigen Maßstab für die Organisation industrieller Produktion, was zudem mit Vorstellungen von der Leistungsoptimierung von Individuum, Gesellschaft und Nation verknüpft war (S. 46–47). Ein europäisches Vorzeigebeispiel dafür ist die tschechische Stadt Zlín, die de facto von dem Schuhproduktionsunternehmen Bat’a regiert wurde – ab 1923 war der Firmengründer Tomáš Bat’a auch der Bürgermeister der Stadt. Nahezu alle Institutionen wurden vom Unternehmen geführt: Schulen, Krankenhäuser, Mütterberatungsstellen. So wurde Zlín laut Feindt „am Vorabend des Zweiten Weltkrieges zu einem hochgradig autoritär regierten und repressiven Ort“ (S. 14), auch wenn die Arbeit auf Freiwilligkeit beruhte.
Die vom Autor aufwändig vor allem in den Personalakten des Firmenarchivs recherchierte Zeitspanne zwischen 1918 und 1948 umfasst den Aufstieg des Unternehmens, die bereitwillige Kooperation mit der deutschen Besatzung (S. 44) – wobei 90 jüdischen Beschäftigten die Flucht an außereuropäische Standorte ermöglicht wurde (S. 464) –, und den Beginn der Nationalisierung des Unternehmens im tschechoslowakischen Staatssozialismus. Insgesamt sieben Kapitel fokussieren auf das Unternehmen, die Unternehmensstadt, die Formung und Sozialisation vorzugsweise junger Männer als ideale Beschäftigte, die Leistungsorientierung, die betriebliche Sozial- und Familienpolitik, die Vision des „neuen industriellen Menschen“ und die Strukturbrüche zwischen 1938 und 1948.
In seiner Studie verschränkt Feindt die den Unternehmensgründern vorschwebende Vision eines „social engineering“ sowohl mit der alltäglichen Praxis der betrieblichen Sozial- und Ordnungspolitik als auch mit der Gründungsvision der Tschechoslowakei, die sich ebenfalls an Rationalisierung und Modernisierung des Staatswesens orientierte. Dazu gehörte auch die versuchte Nivellierung bisher zentraler Kategorisierungen nach Stand, Klasse oder Religion (S. 30). Das Unternehmen versuchte, Klassenunterschiede und ethnische Konflikte zu vermeiden, verbot Gewerkschaften und stilisierte sich als kosmopolitisch, wobei die Stadt in der Tat als multikulturell und mehrsprachig galt (S. 463).
Der Versuch, Menschen zu optimieren, steht laut Feindt exemplarisch für ein „globales technokratisches Ordnungsdenken und -handeln zu Beginn des 20. Jahrhunderts“ (S. 15). Dies ermöglichte vielen Menschen eine realistische Chance auf sozialen Aufstieg, doch die hohe Fluktuation von manchmal über 50 Prozent der Belegschaft (S. 28) zeigt, dass die Bedingungen des Sozialexperiments unter bis ins Private reichender sozialer Kontrolle nicht allen auf Dauer behagten.
Regula M. Zwahlen
Pavlo Kravchuk, Mykhailo Mordovskoi
Architectural Guide Zaporizhzhia
Berlin: DOM publishers 2026, 304 S.
ISBN 978-3-86922-990-4; € 38.–; CHF 50.90.
Die Großstadt Zaporizhzhia im Süden der Ukraine am Fluss Dnipro gelegen ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und Industriezentrum, dessen Entwicklung stark vom Bau des dortigen Wasserkraftwerks 1932 geprägt ist. Der neu erschienene Architekturführer bietet eine Einführung zur Geschichte der sechstgrößten Stadt der Ukraine, wobei er dem zentralen Sobornyi-Prospekt (Sobornyj prospekt) folgt, der alle im Buch vorgestellten Stadtteile verbindet.
Die ukrainischen Architekturspezialisten Pavlo Kravchuk und Mykhailo Mordovskoi, die beide in Kultur- und Denkmalpflegeinstitutionen in Zaporizhzhia tätig sind, präsentieren im reich bebilderten Band zahlreiche ikonische Bauten vor allem aus dem 20. Jahrhundert, die sich in vier zentralen Stadtteilen befinden. In der Altstadt, bestehend aus der ursprünglich mennonitischen Siedlung Schönwiese und dem Quartier Oleksandrivsk, befinden sich wichtige Bauten wie der Bahnhof Zaporizhzhia 1, das Bahnpostamt, der Theater-Club Metalist, das Musik- und Dramatheater, das Architekturmuseum, zentrale Plätze, insbesondere der Soborna-Platz aus dem späten 18. Jahrhundert und der Platz der Freiheit (Majdan voli) aus dem 19. Jahrhundert, sowie Verwaltungs- und Firmengebäude. Die modernistischen Bauten der Stadt gruppieren sich um den Zentralen Boulevard (Zentralnyj bulvar), der den Sobornyi-Prospekt kreuzt. Dort liegt das administrative Zentrum der Stadt auf dem Voznesenska-Hügel, das mehrheitlich in den 1950er Jahren errichtet wurde, obwohl entsprechende Pläne schon seit den 1930er Jahren bestanden.
Weiter entlang des Sobornyi-Prospekts heben die Autoren besonders das Ensemble um den Platz der Künstler (Majdan mitziv) hervor. Entstanden in nachstalinistischer Zeit, bezieht sich das Ensemble stark auf die Hochrenaissance und übertrifft die Qualität der sowjetischen neoklassizistischen Architektur deutlich. Dies schlug sich in höheren Baukosten nieder, was aber Zaporizhzhia als „Flaggschiff der ukrainischen Stadtplanung“ zugestanden wurde (S. 145). Als viertes wird die sog. Sechste Siedlung unweit des Wasserkraftwerks vorgestellt, deren erste Entwicklungsphase stark von der Bewegung Neues Bauen geprägt war.
Im zweisprachigen – ukrainisch und englischen – Architekturführer erfährt man viel über sowjetische Stadtplanung und ihre zentralen Akteure, von Industrieunternehmen über Architekten bis zu Politikern. Er ist Teil des Projekts „Histories of Ukrainian Architecture“, das der Verlag DOM publishers als Reaktion auf Russlands Großangriff auf die Ukraine lanciert hat. In der Reihe sind bisher Bücher über städtebauliche Themen wie Massenwohnbau in der Ukraine, über ukrainische Architekten sowie Architekturführer zu Kyjiw, Charkiw und Slavutych erschienen.
Natalija Zenger
Grigor Boykov
Ottoman Plovdiv
Space, Architecture, and Population
(14th–17th Centuries)
(= Schriften zur Balkanforschung, Bd. 5)
Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 2024, 304 S.
ISBN 978-3-7001-9364-7. € 69.–; CHF 76.90.
Plovdiv, die zweitgrößte Stadt Bulgariens, erhält mit diesem Band ein ausführliches Portrait, in dem klassische Geschichtsforschung und moderne, digitale Methoden der Geisteswissenschaften zusammenwirken. Daten zur Bevölkerung, digitale räumliche Vermessung, historische Entwicklungen und architektonische Informationen erschaffen ein komplexes Bild der Stadt während einer ihrer prägenden Perioden – während der ersten 300 Jahre als Teil des Osmanischen Reichs. Dabei werden Menschen und ihre Aktivitäten sowie ihre Bedeutung für die Gestaltung der Stadt ebenso stark gewichtet wie zentrale Gebäude und Bautätigkeiten.
Grigor Boykov zeigt auf, wie Plovdiv in der Anfangszeit der osmanischen Herrschaft entsprechend der „Prioritäten seiner neuen Herrscher, die einen gebauten und bewohnten, auf islamischen Prinzipien basierenden Raum zu bauen versuchten“, organisiert wurde (S. 229). Dabei wurden einige Teile der bestehenden Stadt inkorporiert, während andere stark verändert und wieder andere völlig neu geschaffen wurden. Über die städtische Struktur des mittelalterlichen Plovdiv ist dagegen wenig bekannt, zu vielen Bereichen fehlen Informationen. Allerdings sei klar, dass „die zuvor existierenden Monumentalbauten und Infrastruktur während des Mittelalters nicht länger in Gebrauch waren, wobei Strukturen von minderer Qualität auf den großartigen römischen Gebäuden gebaut wurden“ (S. 84). Die Römer hatten die befestigte Siedlung, die bis in die neolithische Zeit zurückreicht, bedeutend ausgebaut.
Besonders hebt der Verfasser die Rolle der Gouverneure der Stadt bei ihrer Gestaltung hervor. Nicht ein anonymer Staat habe die Stadtentwicklung vorangetrieben, sondern die Gouverneure mit ihrer „komplexen Verbundenheit mit der Stadt und der Region“ hätten Plovdiv ihren Stempel aufgedrückt (S. 230). Auch die vielfältige Zusammensetzung der Einwohnerinnen und Einwohner prägte die Stadt, wobei diese immer wieder Veränderungen erfuhr, beispielsweise mit der erzwungenen Umsiedlung der jüdischen Bevölkerung ins neu eroberte Istanbul oder der erzwungenen Migration der muslimischen Elite im 16. Jahrhundert in den westlichen Balkan.
Boykov stellt auch die Vorstellung einer dauerhaften Hauptstadt und Residenz des Sultans zu dieser Zeit infrage, da der imperiale Palast in Plovdiv von der ersten Hälfte des 15. bis in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts intensiv genutzt wurde. Möglicherweise müsse die osmanische Herrschaft als wandernder Hof neu interpretiert werden, was in den breiteren Kontext von „spätmittelalterlichen Wanderhofpraktiken und dem wandernden Lebensstil verschiedener Herrscher im östlichen Mittelmeerraum“ passen würde (S. 232).
Natalija Zenger
Marietta van der Tol, Sophia R. C. Johnson, Petr Kratochvíl, Zoran Grozdanov (eds.)$
The Many Faces of Christianism
The ‘Russian World’ in Europe
Leiden, Boston: Brill 2025, 349 S.
ISBN: 978-90-04-73188-2. € 49.–; open access: doi.org/10.1163/9789004731899
Der vorliegende Band basiert auf einem Netzwerk mehrerer Projekte der Universitäten Cambridge und Oxford, die sich seit 2019 mit dem Verhältnis zwischen Rechtspopulismus und Religion befassten und aufgrund des russischen Angriffs auf die Ukraine 2022 einen speziellen Fokus auf die Rolle von Religion in Putins Russland richteten. Dabei kristallisierte sich das übergreifendende Thema „Politische Theologien nach dem Christentum“ heraus, wobei der englische Begriff „Christendom“ hier das Konzept christlicher Staatlichkeit meint. 17 Kapitel erörtern politische, soziologische und theologische Fragen zu den sich verändernden Wechselbeziehungen zwischen Politik und Religion in Europa angesichts von Säkularisierung und der sog. „Rückkehr der Religion“ als „weit differenzierteres und diffuseres Phänomen“, als dies oft dargestellt werde (S. 326). Besondere Aufmerksamkeit gilt einer „illiberalen Wende“ und „dem Aufstieg von neuen nationalistischen und populistischen politischen Parteien, welche die Werte der christlichen Demokratie“ herausfordern (S. 265), die sich in der Nachkriegszeit mit dem Fokus auf die Menschenwürde und Meinungsfreiheit um ein Gleichgewicht zwischen liberalen und konservativen Orientierungen bemühte (S. 254). Insofern wird mehrfach angemahnt, dass es christlichen Verfechtern liberaler Demokratie im Gegensatz zum religiösen Populismus, dem es oft nur zu gut gelinge, soziale Unzufriedenheit quasi-religiös zum Ausdruck zu bringen, an einer „attraktiven politischen Theologie“ fehle (Petr Kratochvíl, S. 10, 37).
Fünf Kapitel sind der Ideologie der „Russischen Welt“ und ihren Verbindungen mit illiberalen Kräften des religiösen Neotraditionalismus gewidmet – so im Vergleich zu Viktor Orbáns „Ungarischen Welt“ und der amerikanischen MAGA-Bewegung; analysiert wird auch die „konzeptuelle Plastizität“ russischer Narrative, die zwischen imperialistisch aggressivem und nationalistisch defensivem Charakter oszillieren (S. 120); aufschlussreich ist die Darstellung von Putins und Solschenyzins Übereinstimmungen und Differenzen, wobei des letzteren antiimperiale Haltung als teils zukunftsweisend dargestellt wird (S. 140) sowie die Analyse von Alexander Dugins Rückgriff auf Carl Schmitts Motiv des „Katechon“.
Weitere Kapitel behandeln die Thematik im kroatischen und serbischen, griechischen, dänischen, deutschen, litauischen und britischen Kontext. Theologisch Interessierten sei Anne Guillards Kritik an Papst Franziskus’ „Repolitisierung von Religion“ (S. 75) als unzulängliche Antwort auf den Aufstieg des christlichen Nationalismus empfohlen wie auch Jenny Leiths Beitrag zu „theopolitischen Visionen nationaler Zugehörigkeit“, der Gefahren und Potential der christlichen Vorstellung der Kirche (und/oder Nation) als Leib Christi herausarbeitet.
Regula M. Zwahlen