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Andrićgrad liegt am Zusammenfluss der Flüsse Drina (rechts) und Rzav (links), im Hintergrund (rechts) (Foto: Shutterstock.com)

Višegrad: Erfahrung, Erzählung und Neukonfiguration einer Stadt

RGOW 7-8/2026
Aida Murtić

Die ostbosnische Stadt Višegrad ist geprägt von ihrer Brücke aus der osmanischen Zeit, die im Roman „Die Brücke über die Drina“ verewigt ist. Heute konkurriert Andrićgrad, eine künstliche Stadt in der Stadt, mit dem UNESCO-Weltkulturerbe, wobei die Geschichte Višegrads neu interpretiert und das Leiden der bosniakischen Bevölkerung während des Bosnienkriegs 1992 bis 1995 verschwiegen wird.

Višegrad ist eine Stadt im östlichen Bosnien-Herzegowina, deren Selbstbild und Verständnis des eigenen kulturellen Erbes seit dem Krieg 1992–1995 eine Reihe dramatischer Veränderungen erlebt hat. Jeder Versuch, die vergangene und aktuelle Stadtentwicklung zu skizzieren, ist daher eine anspruchsvolle Aufgabe, die einer Kuratierung gleicht: Nicht jede Geschichte lässt sich erzählen, und nicht jede Nuance kann erfasst werden, doch ein Element kehrt in jedem Bild wieder – die Mehmed Paša Sokolović-Brücke aus dem 16. Jahrhundert, die mit ihren elf Mauerbögen den Fluss Drina überspannt. Die Brücke, die im nobelpreisgekrönten Buch Na Drini ćuprija (Die Brücke über die Drina) von Ivo Andrić gefeiert wird und auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes steht, ist ein Meisterwerk, dem die Stadt viel von ihrer Identität verdankt. Um die Brücke herum nahm der historische Stadtkern von Višegrad zuerst Gestalt an.

Heute jedoch konkurriert ein anderer Komplex am Ufer der Drina, nahe ihrem Zusammenfluss mit dem Fluss Rzav, um Aufmerksamkeit: Andrićgrad (Andrićs Stadt). Das Projekt, das hauptsächlich vom gefeierten Filmemacher Emir Kusturica vorangetrieben wird, bewegt sich irgendwo zwischen aus Stein gebauter Hommage an Ivo Andrić, Vergnügungspark und Immobilienunternehmen und stellt einen Versuch dar, das Image der Stadt neu zu gestalten und den lokalen Tourismus anzukurbeln.

Zwei Besuche, zwei Višegrads
Zwei Besuche in Višegrad haben sich mir eingeprägt. Der erste, Anfang der 1990er Jahre, fand in meiner Kindheit statt. Ich reiste mit meinen Eltern dorthin, und wir verbrachten eine Nacht im Hotel Vilina Vlas. Ich erinnere mich, wie ich auf der Mehmed Paša Sokolović-Brücke hin und her rannte und mich auf der eingebauten Steinbank nahe ihrer Mitte ausruhte. Wir versuchten den Hügel Bikavac zu entdecken, der die Stadt und die Drina überragt – einen Ort, den wir aus den nostalgischen Zeilen des traditionellen Liedes U lijepom starom gradu Višegradu (In der schönen alten Stadt Višegrad) kannten, in dem ein junger Mann zu seiner Geliebten spricht, die nicht mehr da ist.

Erst vor wenigen Jahren kehrten wir zusammen zurück, wir kamen von Sarajevo her durch pittoreske Schluchten und eine Reihe von Tunneln. Dieses Mal übernachteten wir nicht im Hotel Vilina Vlas – es hat einen viel düstereren Ruf erlangt als Ort, an dem 1992 Bosniakinnen Opfer von Massenvergewaltigungen wurden. Wir schauten auch nicht zum Bikavac, der nun als Schauplatz eines der berüchtigtsten Massaker von 1992 bekannt ist, bei dem Zivilisten lebendig verbrannt wurden. Wir kehrten jedoch zur Brücke zurück. Dort standen wir, hypnotisiert vom Fluss und der umgebenden Landschaft, und betrachteten den Morgennebel über dem Wasser. Um uns herum erwachte die Stadt. In der Nähe zeigte eine Wandmalerei ein berühmtes Andrić-Zitat: „Das Leben ist ein unfassbares Wunder, denn unaufhörlich zerrinnt und zerfließt es und dennoch dauert es fort wie die Brücke über die Drina.“

Infrastrukturen des Wandels
Der Bau der Mehmed Paša Sokolović-Brücke im späten 16. Jahrhundert war weit mehr als die Schaffung eines Stücks Transportinfrastruktur. Sie wurde zum Kern, um den sich das neue Stadtzentrum entwickelte, und förderte das Wachstum von Handel, Handwerk und Geschäften. In der Folge entstanden eine große Karawanserei, ein Hammam und ein Wasserversorgungssystem, die die wesentliche Infrastruktur einer osmanischen Stadt bildeten. Als sich der Schwerpunkt der Besiedlung schrittweise in Richtung Drina verlagerte, blieb das mittelalterliche Višegrad – bestehend aus einer befestigten Stadt und der darunter liegenden Siedlung, die bereits vor der osmanischen Eroberung Bosniens 1463 bestanden hatte – außerhalb der entstehenden Stadt an deren nördlichem Rand.

Der Bau der Eisenbahn während der österreichisch-ungarischen Herrschaft markierte eine neue Phase in Višegrads Stadtentwicklung. Die Stadt wurde Teil des Schmalspurbahnnetzes, bekannt als Bosnische Ostbahn. Diese zwischen 1903 und 1906 erbaute Bahnstrecke verband Ostbosnien mit Sarajevo und dem Rest der Monarchie, erleichterte den Personen- und Güterverkehr und integrierte die Region weiter in das imperiale Transportnetz. Die schrittweise Stilllegung der Schmalspurstrecken in den 1970er Jahren war ein einschneidendes Ereignis, das vielen älteren Einwohner:innen der Region als Ende einer Ära im kollektiven Gedächtnis haften geblieben ist. Das Verschwinden des Bahnnetzes schränkte nicht nur die Anbindung der Stadt ein, da Višegrad vom jugoslawischen Standardbahnnetz ausgeschlossen war, sondern symbolisierte auch den Verlust einer Verkehrsinfrastruktur, die lang Zeit den Alltag und die regionale Identität geprägt hatte. Gleichzeitig rückten die Stadt und die Drina in den Fokus strategischer Wasserkraftprojekte. Nach umfangreichen Studien zum hydroelektrischen Potenzial des Flusses wurde das Wasserkraftwerk Višegrad ca. 2,5 km flussaufwärts der Stadt gebaut und 1989 in Betrieb genommen, was eine tiefgreifende Veränderung der Flusslandschaft und der Beziehung der Stadt zu ihrer natürlichen Umgebung mit sich brachte.

Mein erster Besuch in Višegrad fand kurz nach der Inbetriebnahme des Wasserkraftwerks statt. Damals konnte ich die Bedeutung und das Ausmaß dieses gewaltigen infrastrukturellen Eingriffs noch nicht erfassen, den meine Eltern aufmerksam beobachteten. Da sie das Drina-Tal noch vor dem Bau des Staudamms gekannt hatten, erinnerten sie sich an die frühere Flusslandschaft und die Dörfer, die durch die Schaffung des Stausees teilweise überflutet worden waren. Erst viel später, während meines Architekturstudiums, verstand ich eine andere Dimension dieser Transformation: wie das Wasserkraftwerk die Steinstruktur der Brücke beeinflusst und unsere Wahrnehmung der Mehmed Paša Sokolović-Brücke und ihre Beziehung zum Fluss verändert hatte. Die Drina floss nicht länger frei durch ihre Bögen, sondern ihre Wasser waren ruhig geworden, ihr Pegel reguliert vom Betrieb des Staudamms.

Die Brücke bauen und erben
Die Drina ist ein reißender Gebirgsfluss, und die Errichtung einer zuverlässigen Überquerungsmöglichkeit, um Bosnien – die Westgrenze des Osmanischen Reiches – mit dem inneren Balkan und der Reichshauptstadt zu verbinden, war ein strategisches Ziel, das sorgfältige Planung, erhebliche Ressourcen und menschliche Arbeitskraft erforderte. Die Brücke wurde zwischen 1571 und 1577 auf Befehl des osmanischen Großwesirs Mehmed Paša Sokolović (1505–1579) erbaut. Sokolović stammte aus einer orthodoxen Familie aus Bosnien und war als Kind für den osmanischen Dienst rekrutiert worden. Er stieg zu einer der einflussreichsten Figuren des Reichs auf und diente unter den Sultanen Süleyman dem Prächtigen und Selim II. Entworfen wurde die Brücke vom berühmten osmanischen Hofarchitekten Mimar Koca Sinan (1488/1490–1588), dessen Werke zu den größten Errungenschaften der klassischen osmanischen Architektur zählen. Um einem Publikum entgegenzukommen, dessen Bildung traditionell die Renaissance als Gipfel der europäischen künstlerischen und architektonischen Errungenschaften betrachtet, wird Mimar Sinan oft als Zeitgenosse der italienischen Renaissance beschrieben.

Die Brücke erstreckt sich auf einer Länge von 179,5m über die Drina und ruht auf elf Steinbögen mit Spannweiten von 11 bis 15m. Ein charakteristisches Merkmal ist die schräge, mehr als 100m lange Zufahrtsrampe auf dem linken Flussufer. Die Brücke wurde aus fein behauenem Tuffstein errichtet. In ihrer Mitte ist die Passage verbreitet: auf einer Seite feiert eine Inschrift die Brücke und ihre Erbauer, auf der anderen ist eine verbreitete Steinterrasse (als „Tor“ oder „Sofa“ bezeichnet), ein Rastplatz, an dem Menschen innehalten konnten, um sich zu treffen oder einfach den Fluss zu betrachten. Dieses Element machte aus der Brücke mehr als die Überquerung eines Flusses – sie diente lange als gesellschaftliches Herz von Višegrad.

Die Brücke blieb im Laufe der Jahrhunderte nicht unversehrt, wobei das 20. Jahrhundert mit seinen Kriegen das zerstörerischste war. Während des Ersten Weltkriegs wurden 1914–1915 zwei Pfeiler gesprengt, weil die Brücke strategisch an der österreichisch-ungarischen Grenze zu Serbien lag. Die beschädigten Abschnitte wurden 1940 rekonstruiert, erlitten jedoch im Zweiten Weltkrieg weitere Beschädigungen. 1943 wurden fünf der Brückenbögen vollständig zerstört.[1] 1949 lancierte das Verkehrsministerium der Volksrepublik Bosnien-Herzegowina ein Programm zur vollständigen Rekonstruktion der zerstörten Teile. Dieses anspruchsvolle Vorhaben wurde von jugoslawischen Denkmalsschützern sorgfältig studiert. Ihre Berichte hielten fest, dass im Verlauf der Arbeiten unzählige Probleme auftraten, die jeweils eine eigene Lösung erforderten, dennoch beschreiben sie die Rekonstruktion als „gründlich, sorgfältig und akkurat“, wobei auch diskret moderne Annehmlichkeiten, darunter elektrische Beleuchtung, eingeführt wurden.[2] Die Brücke, die aus dieser Rettungsaktion hervorging, ist jene, die Generationen von Einwohnern und Besucherinnen kennen und als Kulturerbe schätzen gelernt haben. Die jüngste Intervention von 2019 verstärkte das Fundament der Brücke, das durch Schwankungen des Wasserpegels infolge des Wasserkraftwerks bedroht war.

Die Mehmed Paša Sokolović-Brücke wurde 2003 als nationales Denkmal Bosnien-Herzegowinas erfasst und 2007 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Ihr herausragender universeller Wert liege darin, dass sie „eine wichtige Etappe in der Geschichte des Bauwesens und der Brückenarchitektur“ darstelle und von einem der berühmtesten Architekten des Osmanischen Reichs erstellt wurde. Zwei Kriterien entschieden über die Aufnahme: Das erste würdigt sie als „Zeugnis wichtiger kultureller Austauschprozesse zwischen dem Balkan, dem Osmanischen Reich und dem Mittelmeerraum sowie zwischen Christentum und Islam im Verlauf der Geschichte“. Es würdigt auch die aufeinanderfolgende Verwaltung der Brücke durch verschiedene politische Autoritäten, die ihre Erhaltungsgeschichte geprägt haben – vom Osmanischen Reich über die österreich-ungarische Monarchie bis hin zu Jugoslawien und Bosnien-Herzegowina. Das zweite Kriterium würdigt die Brücke von Višegrad als „bemerkenswertes architektonisches Zeugnis der Blütezeit des Osmanischen Reichs, dessen Werte und Errungenschaften eine wichtige Etappe in der Menschheitsgeschichte darstellen“.[3]

Während die UNESCO die Brücke als Denkmal von universellem Wert definierte, zeigen jüngste Eingriffe in Višegrad, dass das Kulturerbe durch komplexe Netzwerke lokaler Erinnerungspraktiken und politischer Narrative kontinuierlich neu interpretiert wird. So wurde die Persönlichkeit Mehmed Paša Sokolovićs als Stifter der Brücke zwar seit langem symbolisch mit der Geschichte Višegrads in Verbindung gebracht, doch erst seit kurzem wird er im öffentlichen Raum der Stadt durch die Errichtung zweier unterschiedlicher Denkmäler gewürdigt. Das erste ist eine sitzende Bronzestatue, die auf die Brücke ausgerichtet ist und so eine direkte visuelle und symbolische Verbindung zwischen Sokolović und seinem berühmten architektonischen Vermächtnis herstellt. Das zweite Denkmal, das sich am Eingang zu Andrićgrad befindet, erinnert an die imaginäre Begegnung von Mehmed Paša Sokolović mit seinem Cousin, Makarije Sokolović, dem ersten Oberhaupt des wiederhergestellten serbischen Patriarchats von Peć unter osmanischer Herrschaft. Damit formt das Denkmal Mehmed Paša Sokolovićs Bedeutung um, indem es ihn in das Narrativ des kulturellen Erbes der serbisch-orthodoxen Gemeinschaft inkorporiert. Der Bau von Andrićgrad, der Stadt innerhalb der Stadt, zu der dieses Denkmal gehört, stellt somit einen monumentalen Eingriff in die Art und Weise dar, wie wir heute die Beziehung zwischen historischen Persönlichkeiten, literarischem Gedächtnis und dem baulichen Erbe von Višegrad sehen, erinnern und verstehen.

Die Erschaffung von Andrićgrad
Am 28. Juni 2011 begann der Bau von Andrićgrad, beschrieben als „erste von der Literatur inspirierte Siedlung in der Menschheitsgeschichte“,[4] offiziell mit einer zeremoniellen Grundsteinlegung unter der Leitung des Projektinitiators Emir Kusturica. An der Veranstaltung nahmen politische Vertreter der Republika Srpska, der mehrheitlich serbischen Entität von Bosnien-Herzegowina, und Serbiens teil. Das Datum war nicht zufällig: Am 28. Juni feiert die Serbische Orthodoxe Kirche den Veitstag (Vidovdan), an dem auch der Schlacht auf dem Amselfeld gegen das Osmanische Reich 1389 gedacht wird. Drei Jahre später wurde der zentrale Komplex feierlich eingeweiht, obwohl der Bau und die Entwicklung danach weitergingen.

Emir Kusturica, Regisseur einiger der gefeiertesten jugoslawischen Filme, darunter Erinnerst du dich an Dolly Bell?, Papa ist auf Dienstreise und Die Zeit der Zigeuner, begann sich nach 1995 zunehmend für Immobilien zu interessieren und knüpfte enge Verbindungen zum politischen Establishment. Im Laufe der Jahre entwickelte sich seine Erzählung über Andrićgrad weiter und passte sich unterschiedlichen Zielgruppen an. Zu verschiedenen Zeitpunkten präsentierte er es als Filmset für eine geplante Verfilmung von Die Brücke über die Drina, als utopische Stadt, die konkurrierende historische Narrative miteinander versöhnen sollte, und als die Stadt, die seiner Meinung nach der Brücke schon immer gefehlt habe. Wie Kusturica sagte: „Der Ruhm der Brücke entstand aus dem Mangel an Konkurrenz in Sachen Schönheit, aus dem Fehlen einer Stadt um sie herum.“[5]

Mit seiner Architektur verkörpert Andrićgrad laut Kusturica „eine Vision davon, wie Višegrad hätte aussehen können, wäre es nicht von der Renaissance und anderen historischen Perioden übergangen worden“.[6] Ausgehend von der Prämisse, dass die osmanische Präsenz in der Region verhindert habe, dass die Renaissance in Višegrad einen architektonischen Ausdruck finden konnte, entwarf Kusturica Andrićgrad als Versuch, dieses wahrgenommene historische Manko zu kompensieren. Andrićgrad ist um ein Netz aus engen Gassen, Plätzen und monumentalen öffentlichen Gebäuden angelegt, das an die Struktur einer kompakten historischen Stadt erinnern soll, während seine Architektur historische Bezüge selektiv aufgreift und neu kombiniert. Seine Gebäude enthalten Motive, die mit byzantinischer, osmanischer, Renaissance- und klassischer Architektur in Verbindung stehen. Statt eine historische urbane Umgebung zu rekonstruieren, stellt der Komplex eine Übung in architektonischer Imagination dar, die durch eine bewusst eklektische gebaute Umgebung eine bestimmte Interpretation der Vergangenheit der Region verkörpert.

Die Straßen von Andrićgrad werden von Denkmälern bevölkert, darunter für die Schriftsteller Ivo Andrić und Meša Selimović sowie den Wissenschaftler Nikola Tesla. Ein interessantes Detail ist ein Mosaik, das Gavrilo Princip und seine Mitstreiter der Bewegung Mlada Bosna (Junges Bosnien) darstellt – jene Gruppe, die für die Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich 1914 in Sarajevo verantwortlich war. Die Inschrift unter dem Mosaik gibt Princips angeblich letzte Worte wieder: „Unsere Geister schleichen durch Wien und raunen durch die Paläste und lassen die Herren erzittern“. Die Darstellung von Princip spiegelt das Erinnerungsnarrativ, das ihn als revolutionären Helden sieht, der sich der österreichisch-ungarischen Herrschaft widersetzte.

Andrićgrad beherbergt mehrere Kulturinstitutionen, darunter die Kirche des Hl. Fürsten Lazar und der serbischen Märtyrer, ein Kino, Galerien und das Ivo Andrić-Institut mit einem Zentrum für Slavistik. Im Komplex befinden sich zudem kommunale und Verwaltungsbüros. Seine Tourismus- und Geschäftsinfrastruktur umfasst Unterkünfte, Restaurants, Cafés, eine Brauerei, Buchläden, Souvenirläden und weitere Dienstleistungen. Obwohl die Einzelheiten der Finanzierungs- und Eigentumsverhältnisse nach wie vor schwer zu überprüfen und alles andere als transparent sind, deuten die verfügbaren Informationen darauf hin, dass der Komplex von der Firma Andrićgrad Ltd. verwaltet wird, die Emir Kusturica, der Gemeinde Višegrad und der Regierung der Republika Srpska gehört.

Ein Denkmal für Andrić, Schweigen über Višegrad
1961 erhielt der jugoslawische Schriftsteller Ivo Andrić (1892–1975) den Nobelpreis für Literatur für seinen Roman Die Brücke über die Drina. Andrić stellte die Mehmed Paša Sokolović-Brücke in den Mittelpunkt seiner Erzählung und zeichnete anhand einer Abfolge historischer Episoden nach, wie gewöhnliche Menschen von viel größeren Mächten geprägt wurden, diesen sich aber auch oft widersetzten. Ob Andrićgrad seinem Namensgeber und der Brücke, die es überblickt, gerecht wird, bleibt offen. Zweifellos hat es eine Attraktion geschaffen, die Touristen anziehen und dringend nötige Geschäftsaktivitäten generieren kann, während es gleichzeitig eine Kulisse geschaffen hat, hinter der schwierige Fragen kaum angesprochen werden. Während im Restaurant Kasaba Ćevapčići gegrillt, im Café Goya Getränke genossen und im Dolly Bell-Kino Filme gezeigt werden, werden nur wenige Besucher innehalten, um zu fragen: Was geschah 1992 mit den nicht-serbischen Freunden, Nachbarinnen und Einwohnern von Višegrad, und warum gibt es in einer Stadt voller Denkmäler so wenig, was von diesem Kapitel ihrer Geschichte erzählt?

Anmerkungen:
[1])    Ćelić, Džemal: Obnova Sokolovićeva mosta u Višegradu. In: Naše starine 12 (1953), S. 177–181, hier S. 178.

[2])    Ebd., S. 181.

[3])    https://whc.unesco.org/en/list/1260/

[4])    https://www.novosti.rs/vesti/kultura.71.html%3A335917-Visegrad-Pocela-gradnja-quotAndricgrada

[5])    Ebd.

[6])    https://visegradturizam.com/ci/atrakcije/andricgrad-visegrad/

Übersetzung aus dem Englischen: Natalija Zenger.

Aida Murtić, Dr., Architektin und Kunsthistorikerin, Forscherin am Institut für Kunstgeschichte in Zagreb.

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