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Buchbesprechungen

RGOW 09-10/2026
Regula M. Zwahlen, Stefan Kube, Natalija Zenger

Vier Buchbesprechungen zu: 

Manfred Hutter (Hg.): Religionen im Kaukasus; 
Sergei V. Chapnin: Religious Communities under Pressure;
Pantelis Kalaitzidis: Orthodoxy and Modernity;

Heta Hurskainen, Teuvo Laitila (eds.): Churches in Contact and Collision

Manfred Hutter (Hg.)
Religionen im Kaukasus
(= Die Religionen der Menschheit, Bd. 4,4)
Stuttgart: W. Kohlhammer 2025, 301 S.
ISBN 978-3-17-042496-8. € 109.–; CHF 141.–

Der Kaukasus ist eine „Übergangs- und Verbindungsregion“ zwischen Europa und Asien, wobei die Region historisch über längere Zeit „engere Beziehungen zu Westasien als zu den Steppengebieten (Süd-)Russlands hatte“ (S. 17), wie Manfred Hutter, der Herausgeber dieses Sammelbandes zur vielfältigen Religionslandschaft des Kaukasus, in seiner Einführung betont. Die Kaukasus-Region zeichnet sich durch große sprachliche, kulturelle, ethnische und religiöse Vielfalt aus, über deren Verschränkungen und Wechselwirkungen in Geschichte und Gegenwart der Sammelband einen guten Überblick liefert.

Aufgebaut ist der Band in drei Teile. Der erste Teil behandelt die Religionsgeschichte des Altertums und beleuchtet die Beziehungen des Kaukasus zu altorientalischen und griechisch-römischen religiösen Traditionen anhand mythologischer Motive (z. B. Prometheus, Argonautensage). Der zweite Teil widmet sich der Pluralisierung der religiösen Landschaft seit der Spätantike bis ins 19./20. Jahrhundert. Duch die Ankunft des Christentums und des Islam – der beiden Religionen, die heute die Kaukasus-Region dominieren – veränderte sich die religiöse Situation grundlegend. Neben Kapiteln zu Christentum und Islam kommen auch das Judentum und die yezidische Gemeinschaft zur Sprache. In der Kaukasus-Region sind drei unterschiedliche jüdische Gruppen anzutreffen: die Juhuro, auch „Bergjuden“ genannt, die georgischen Juden und die russischen Aschkenasen, wobei sich die drei Gruppen vor allem durch ihre Sprache und weniger durch ihre Lebensweise oder religiöse Traditionen unterscheiden (S. 104). Die Yeziden kamen insbesondere im Zuge zweier Migrationswellen aus dem Osmanischen Reich Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in die Kaukasus-Region und ließen sich überwiegend in christlichen Bezirken in Armenien und Georgien nieder. Die Migrationsgeschichte hat die yezidische Gemeinschaft geprägt, doch bedeutete sie „nicht nur den Verlust der gewohnten traditionellen Lebensweise“, sondern brachte auch oft „Erneuerung, Neubewertung von Werten, Anpassung und Transformation von Traditionen“ mit sich (S. 151).

Der dritte Teil behandelt in vier Kapiteln die religiöse Situation nach dem Ende der Sowjetunion in den drei südkaukasischen Republiken Armenien, Aserbaidschan und Georgien sowie im russischen Nordkaukasus. Beim Beitrag zum Nordkaukasus steht vor allem Tschetschenien im Mittelpunkt, wobei sich seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine „eine stärkere solidarische Mobilisierung tschetschenischer Kämpfer und Politakteure für die Ukraine“ und eine Vitalisierung der tschetschenischen Nationalbewegung im Kampf gegen das Kadyrow-Regime beobachten lässt (S. 184).

Stefan Kube

Sergei V. Chapnin
Religious Communities Under Pressure
Documenting Religious Persecution in Russia, 2022–2026
Tomball: Albion Bixby Publishing 2026, 159 S.
ISBN: 978-8-950169-03-8. € 15.03.

Im Vorwort bezeichnet Rowan Williams, Erzbischof von Canterbury von 2002 bis 2012, das vorliegende Buch von Sergei V. Chapnin als „Beitrag zur Zukunft, nicht nur ein Stück Information, um die Augen der Welt offen zu halten für die katastrophale Krise des gegenwärtigen russischen Christentums“ (S. 9). Denn das Buch, das über 115 bekannte Fälle dokumentiert, in denen Christinnen und Christen sich gegen die „Theologie des Sieges“ vor allem der Leitung der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) gewandt haben und dafür bestraft wurden, enthält auch deren mutiges Zeugnis und Hoffnung für eine Erneuerung dieser Kirche. Laut Chapnin befindet sich die ROK in einem Zustand des Schismas zwischen „offizieller Kirche“ und Gläubigen, die dem christlichen Nationalismus ihrer Leitung nicht folgen (S. 123)

Der Autor, von 2009 bis 2015 Vize-Chefredakteur des Journals des Moskauer Patriarchats und seit 2022 Kommunikationsdirektor des Orthodox Christian Studies Center der Fordham University in New York, verfügt über ein umfassendes Netzwerk, das ihm tiefe Einblicke in die Entwicklung der ROK zu einer Institution bietet, die „eine ganze kirchliche Tradition in den Dienst eines imperial-militärischen Projekts“ gestellt hat (S. 115). Chapnin präsentiert Informationen, die er zunächst für einen Bericht für ein Seminar des UN-Menschenrechtsrats im April 2025 zusammengetragen hat, und die allen, die sich für die religiöse Dimension des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine interessieren, in Form dieses Nachschlagewerks dienen werden. Der nützliche Anhang enthält Namen, Repressionsformen und Informationsquellen.

Das Buch umfasst zehn Kapitel. Darin findet sich ein Rückblick auf die Entwicklungen der Beziehungen der ROK zum Staat in den letzten 30 Jahren. Es folgen Übersichten über die staatlichen und kirchlichen Repressionsmechanismen und -instrumente, denen es klar nicht um die Sanktionierung religiöser Überzeugungen, sondern von Kriegsgegnern geht (S. 43). Diese werden sukzessive mit bürokratischen und schließlich strafrechtlichen Maßnahmen marginalisiert und isoliert. Davon sind alle religiösen Organisationen betroffen, wobei vor allem Gläubige der ROK aktiv von ihrer Hierarchie sanktioniert werden (S. 83). Mit 16 Fallbeispielen dokumentiert werden Muster des Widerstands von Personen und Gemeinschaften sowie die Fälle von emigrierten Geistlichen. Fassungslos zeigt sich Chapnin gegenüber dem institutionellen Schweigen fast aller religiöser Organisationen in Russland wie auch auf internationaler Ebene: die meisten orthodoxen Kirchen, die katholische Kirche und protestantische Kirchen sowie ökumenische Organisationen bleiben zurückhaltend in der Verurteilung der ROK. Ihnen gilt sein Aufruf, hinzuschauen und das Schweigen zu brechen.

Regula M. Zwahlen

Pantelis Kalaitzidis
Orthodoxy and Modernity
Introducing a Constructive Encounter
Paderborn: Brill Schöningh 2026, 507 S.
ISBN: 978-3-506-79534-2; € 110.26; CHF 141.00.

Der griechisch-orthodoxe Theologe Pantelis Kalaitzidis legt hier ein umfassendes Werk vor, in dem er sich für eine konstruktive Begegnung der orthodoxen Theologie mit der modernen Welt ausspricht. Dabei handelt sich um eine erweiterte englische Fassung der ursprünglichen griechischen Ausgabe von 2007. Das ursprünglich griechisch-orthodoxe Zielpublikum mag erklären, dass den Leser keine nüchterne Darstellung moderner orthodoxer Theologie erwartet, sondern eine eindringliche Apologie der These, dass das orthodoxe Christentum nicht nur in traditionellen oder traditionalistischen Kontexten funktionieren kann (S. XXI), sondern auch im konstruktiven, kritischen Dialog mit den Entwicklungen der Aufklärung und Säkularisierung.

Zunächst stellt Kalaitzidis einen zukunftsorientierten, orthodoxen Fokus auf die Eschatologie in den Vordergrund, der im Gegensatz zu einem rückwärtsgewandten Traditionalismus die kirchliche Ausrichtung auf das künftige Reich Gottes betont. Die Kapitel 2 und 3 präsentieren konstruktive Auseinandersetzungen mit modernen Entwicklungen in der Geschichte der russischen und griechischen Orthodoxie, wozu u. a. christliche Argumente für Religionsfreiheit gehörten (S. 92). Im vierten Kapitel werden orthodoxe Reflexionen zu den Menschenrechten präsentiert, die thematisch mit Kapitel 6 über „Personalität und das moderne Subjekt“ zusammenhängen, das die häufige Vernachlässigung des Individuums in orthodoxen Kontexten anspricht. Das fünfte Kapitel präsentiert den Einfluss der Aufklärung auf die historisch-kritische Methode in den Bibelwissenschaften, von der die orthodoxe Theologie und insbesondere die Patristik profitieren sollten (S. 174). In den Kapiteln 7 bis 10 setzt sich Kalaitzidis mit dem Modernitätsbegriff selbst und entsprechenden Entwicklungen auseinander – z. B. mit dem Verhältnis der Kirchenväter zur zeitgenössischen Philosophie, der Säkularisierung als (politische) Befreiung der Kirche, der „Rückkehr zu den Vätern“ als antimoderne Reaktion sowie mit Theoretikern der (post-)säkularen Gesellschaft (u. a. Bonhoeffer, Habermas, Taylor).

Das Buch schließt mit dem Satz: „Wir müssen zugeben, dass die Begegnung zwischen Orthodoxie und Modernität noch nicht wirklich stattgefunden hat.” Nach der Lektüre des Buches möchte man dem Autor dennoch widersprechen: Hat Kalaitzidis doch ein beeindruckendes, handbuchartiges Panorama an Themenbereichen, Akteuren und Autoren (mit über 70 Seiten Bibliographie) ausgebreitet, die trotz historischen und institutionellen Hemmschwellen von einer lebendigen Auseinandersetzung orthodoxer Theologinnen und Theologen mit der Moderne zeugen.

Regula M. Zwahlen

Heta Hurskainen, Teuvo Laitila (eds.)
Churches in Contact and Collision
Multiple Ways of Ukrainian and Russian Churches
(= East West Ecumenism – Ost West Ökumene, vol. 2)
Paderborn: Brill Schöningh 2024, 190 S.
ISBN 978-3-506-79385-0. € 115.89; CHF 158.10.

Noch immer dominiere in der Forschung zu Geschichte, Politik und Religion die russische Perspektive, kritisieren die Herausgeber des Sammelbands. Zwar fordere die Ukraine die russische Sicht auf die Geschichte seit dem 19. Jahrhundert heraus, dennoch herrsche eine vereinfachte, russische Interpretation der Ukraine vor. Obwohl das Interesse an der Ukraine insgesamt gewachsen sei, bleibe sie unterrepräsentiert. Insbesondere in der Erforschung der Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine sehen die Herausgeber eine Forschungslücke. Trotz neuer Herangehensweisen fehle Forschung, „die sich ernsthaft auf die vielschichtigen und verwobenen Begegnungen und Interaktionen zwischen ‚russischen‘ und ‚ukrainischen‘ Dingen konzentriert“ (S. VIII). Zudem müsse die Vielfalt der Orthodoxie berücksichtigt werden, also die „Orthodoxie im Plural“ gedacht werden (S. IX).

Im ersten Teil des Sammelbands geht es unter dem Titel „Varieties of Narrating History“ um verschiedene Interpretationen der ukrainischen Geschichte durch Russland und die Ukraine sowie um ihre Kirchen. Der zweite Teil – „Secular Uses of Various Interpretations of ‚Common History’” – beschäftigt sich mit der Verwendung von Narrativen und ihren politischen Folgen. Im dritten Kapitel, „Colliding Narratives and Churches’ New Ways“, werden kirchliche und gesellschaftliche Verbindungen nachgezeichnet, wobei es auch um Globalisierung und aktuelle De-Globalisierungsprozesse geht.

Die Beiträge des Sammelbands beschäftigen sich dabei mit Themen wie der Wahrnehmung des ukrainischen Landeskonzils von 1918 durch die Teilnehmer des russischen Landeskonzils von 1917/18, dem Diskurs von Vasyl Romanyuk, des späteren Patriarchen Volodymyr der Ukrainischen Orthodoxen Kirche – Kyjiwer Patriarchat, bei seinen Forderungen nach Menschenrechten und Religionsfreiheit in der Sowjetunion gegenüber verschiedenen politischen und kirchlichen Einrichtungen im Westen, mit den Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf orthodoxe Christen in Finnland oder der Selbstdarstellung der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche als starke Unterstützerin der Unabhängigkeit und Westorientierung der Ukraine. Zudem werden die aktuellen Beziehungen zwischen russischen und ukrainischen Evangelikalen angesichts des Ukraine-Kriegs beleuchtet. Nachdem sie zuvor freundschaftliche Verhältnisse gepflegt hatten, stellten sich die ukrainischen Gemeinschaften klar auf die Seite der Ukraine und kritisierten die passive Haltung der russischen Gemeinschaften. Anhand offizieller, öffentlich zugänglicher Dokumente wird ersichtlich, wie sich Politik und Theologie vermischen.

Natalija Zenger

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