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DIE KRANKENTRANSPORTE VON «WINGS OF VICTORY» SIND BEI JEDEM WETTER UNTERWEGS (FOTO: WINGS OF VICTORY).

Praktische Hilfe im Krieg. Ukrainische Projektpartner im Dauereinsatz

RGOW 3-4/2026
Regula Spalinger

Um der kriegsbetroffenen Bevölkerung in der Ukraine beizustehen, unterstützt Forum RGOW verschiedene NGOs in der Ukraine. Diese helfen unter anderem Flüchtlingsfamilien in der Region Kyjiw und organisieren kostenlose Krankentransporte für Kriegsverletzte zu Rehabilitationseinrichtungen. Zu unseren Projektpartnern zählt auch die Ukrainische Down-Syndrom Organisation sowie die NGO „Förderung der Medizin“, die medizinische Versorgung im ländlichen Raum der Zentralukraine sicherstellt.

„Nach dem härtesten Winter unseres Lebens kommt Kyjiw langsam wieder zu sich. Mit dem Beginn des Frühlings verspüren wir alle eine Erleichterung und die Gewissheit, dass die Leitungen der Wärmekraftwerke trotz der anhaltenden russischen Luftangriffe nicht mehr einfrieren werden“, so schrieb uns Anna Matjuschkina, die Projektleiterin der ukrainischen NGO „Kinder der Hoffnung“, Ende März. Und sie fuhr fort: „Die Lage ist jedoch keineswegs stabil, da unsere Energieinfrastruktur weiterhin regelmäßig beschossen wird. Die Situation kann sich jeden Tag ändern.“

Für die Menschen in der Ukraine war der Winter 2025/26 der härteste Kriegswinter seit Beginn der russischen Großinvasion im Februar 2022. Russland hat gezielt seine Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur intensiviert, um die Bevölkerung zu zermürben. In zahlreichen Regionen kam es immer wieder zu mehrstündigen oder teils länger andauernden Blackouts, Unterbrechungen der Wasserversorgung und Belastungen der medizinischen Versorgung bei eisigen Temperaturen. Trotz dieser dramatischen Umstände haben unsere ukrainischen Projektpartner ihre Arbeit keinen Tag ausgesetzt. Mit Improvisationstalent und Widerstandsfähigkeit stellen sie sich in den Dienst an den Schwächsten der Gesellschaft.

Im Einsatz für Flüchtlingsfamilien
Die NGO „Kinder der Hoffnung“ unterstützt seit 2015 Familien, die vor dem Krieg fliehen mussten. Bedürftige Familien erhalten Lebensmittel, notwendige Alltagsartikel oder monatliche finanzielle Basisbeträge, bis die Eltern eine neue Arbeitsstelle gefunden haben. In Kyjiw und zwei nahe liegenden Dörfern organisiert die NGO außerdem Freizeitanlässe für Kinder, um ihnen ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit zu vermitteln. 2025 konnte die Stiftung ihre Treffen mit den Kindern dieser Familien deutlich ausweiten. So gibt es nun neben kunsttherapeutischen und handwerklichen Kursen auch Englischklassen für Interessierte. Außerdem können Kinder Unterricht in christlicher Ethik besuchen.

Alle Freizeitanlässe finden sonntags in Kirchgemeinden statt, damit die Eltern ihre Kinder begleiten können. Dies ist wegen der andauernden Gefahr von Luftalarm Vorschrift. Die Kirchgemeinden verfügen über die notwendigen Schutzräume. Die regelmäßigen Treffen sind besonders für die Kinder wichtig, die durch den Krieg ein Familienmitglied verloren haben und großem Stress und Unsicherheit ausgesetzt sind. Kriegstraumatisierte Kinder und ihre Familien werden psychologisch begleitet. Seit 2025 bietet „Kinder der Hoffnung“ in Kooperation mit der NGO „Wings of Victory“ jeweils samstags auch eine Reittherapie an. Der Kontakt zu den Pferden wirkt sich positiv auf die emotionale Verfassung der Kinder aus.

In Chotjaniwka, einem der drei Orte für Freizeitanlässe, wurde 2025 das Begegnungszentrum „Haus der Freunde“ erbaut. Dort soll zukünftig schwerpunktmäßig die psychologische Begleitung der Familien stattfinden. Trotz der herausfordernden Kriegsumstände konnte der zeitliche Bauplan eingehalten werden: bereits im Sommer war das Dach gedeckt und im November erhielt das fertig isolierte Haus seinen Anstrich. Derzeit erfolgen die letzten Innenausbauarbeiten. Nach Ostern soll das „Haus der Freunde“ als Ort der Erholung und Rehabilitation für die Flüchtlingsfamilien zur Verfügung stehen.

Krankentransporte zu Reha-Einrichtungen
Die ukrainische NGO „Wings of Victory“ organisiert kostenlose Transporte für schwer verletzte Patienten in stabilem Zustand zu Rehabilitationseinrichtungen. Dazu arbeitet sie eng mit den regionalen Kliniken zusammen, die sich mit Transportanfragen an die NGO wenden. Dank verbesserter Logistik konnte die Zahl der monatlichen Krankentransporte im Jahr 2025 von 160 auf 320 Personen erhöht werden. Außerdem bietet „Wings of Victory“ eine für Kriegsverletzte konzipierte Schwimm- und Reittherapie an. Die Schwimmtherapie, die sich vor allem an Arm- und Beinamputierte richtet, wird von erfahrenen Trainern begleitet. Dank der Schwimmtherapie verbessert sich der physische und psychische Zustand der Patienten enorm: der Muskelaufbau wird gestärkt und Verspannungen im Körper lösen sich. Ergänzend finden für die Veteranen und seit 2025 neu auch für kriegstraumatisierte Kinder regelmäßige Reittherapien statt. Diese Form der Therapie trägt zur psychischen und körperlichen Entlastung bei.

„Wings of Victory“ bietet zudem zweitätige Kurse zur beruflichen Weiterbildung der Rehabilitanden und ihrer Familienangehörigen an. Dank dieser Kurse konnten verschiedene Teilnehmende einen Online-Shop eröffnen oder sich mit ihrem Firmenprojekt erfolgreich bei lokalen Förderausschreibungen bewerben.

Medizinische Versorgung vulnerabler Gruppen
Die Stiftung „Förderung der Medizin“ steht vulnerablen Gruppen – Binnenvertriebenen, älteren Menschen und Kindern – in den ländlichen Gebieten der Zentralukraine mit kostenloser medizinischer Unterstützung zur Seite. In die Zentralukraine sind vor dem Krieg im Osten und Süden des Landes besonders viele Familien geflüchtet, die sich die Lebenshaltungskosten in den Städten nicht leisten können. In manchen Ortschaften ist dadurch die Bevölkerung um 60 Prozent gewachsen. Das vor dem russischen Angriffskrieg bestehende ukrainische Hausarztsystem ist jedoch in den ländlichen Gebieten größtenteils zusammengebrochen, da viele Ärzte in die Armee eingezogen wurden oder in den Städten arbeiten. Die freiwilligen Ärzte von „Förderung der Medizin“ sind daher die einzigen, die für die Menschen in ländlichen Regionen der Zentralukraine kostenlose medizinische Konsultationen anbieten.

Zwei Gesundheitsbusse mit mobilen ärztlichen Teams unterstützen jährlich etwa 80 000 Patienten. Die medizinischen Untersuchungen vor Ort werden in Zusammenarbeit mit lokalen Behörden, gemeinnützigen Organisationen und medizinischen Einrichtungen durchgeführt. Zusätzlich betreibt die Stiftung in der Region Kyjiw zwei stationäre Einrichtungen. Besondere Aufmerksamkeit richtet „Förderung der Medizin“ auf die Prävention, Früherkennung und Operation von Augenerkrankungen. Aufgrund des Kriegs steigt die Zahl der Menschen mit Sehstörungen infolge von Stress, Verbrennungen, Schuss‑ und Explosionsverletzungen. 2025 behandelte die Stiftung mehr als 4 200 Militärangehörige im Bereich der Augenheilkunde. Im Rahmen des Projekts „Wir geben den Verteidigerinnen und Verteidigern der Ukraine das Augenlicht zurück“ erlangten über 520 von ihnen durch operative Eingriffe wieder ihr Sehvermögen.

Ukrainische Down-Syndrom Organisation
Die Ukrainische Down-Syndrom Organisation ist die erste Anlaufstelle für Eltern eines Kindes mit Down-Syndrom in der Ukraine. Die NGO vermittelt heilpädagogische Förderung, Logopädie und Physiotherapie an Kinder mit Down-Syndrom. Zusätzlich bildet sie Lehrkräfte weiter, die in inklusiven Schulkassen unterrichten. Ein besonderes Augenmerk gilt Jugendlichen mit Down-Syndrom, die auf der Suche nach einer Lehrstelle sind. Die Ukrainische Down-Syndrom Organisation unterstützt sie bei der Stellensuche und vermittelt Kontakte zwischen Familien, Arbeitgebern und Sozialpädagogen. Zudem hat die Organisation einen Online-Youth Club für Teenager ab 14 Jahren unter der Leitung einer Sozialpädagogin ins Leben gerufen. Für junge Erwachsene ab 18 Jahren existiert eine eigene Gruppe. Nach Möglichkeit finden die Treffen der Jugendlichen zwischendurch auch physisch statt. Insbesondere in Kriegszeiten ist der Austausch wichtig, denn es bestehen nach wie vor zu wenig Angebote für junge Menschen mit Down-Syndrom. Um die zahlreichen Anfragen aus der ganzen Ukraine und dem Ausland zu bewältigen, hat die NGO die Online-Informationsplattform „Inklusium“ erstellt. Gebündelt erhalten Familien und Lehrkräfte hier wichtige Informationen zur Unterstützung von Kindern und Jugendlichen mit Down-Syndrom. Angesichts des Kriegs und der tagtäglichen Angriffe auf ukrainische Städte ist „Inklusium“ von unschätzbarem Wert. Mittlerweile haben sich über 1 600 Nutzer auf der Plattform registriert und gegen 400 Personen haben an den Online-Kursen teilgenommen, die von erfahrenen Heilpädagoginnen gestaltet wurden.

Für Familien aus verschiedenen Regionen, die besonders stark vom Krieg betroffen sind, bietet die Ukrainische Down-Syndrom Organisation Reha-Sommerlager in der Karpatenukraine an. In Begleitung von geschulten Therapeutinnen und Psychologinnen können alle Beteiligten während der Sommerlager neue Ressourcen aufbauen. Gemeinsame Sportaktivitäten und Ausflüge in die Karpaten fördern den Austausch und den Aufbau einer unterstützenden Gemeinschaft. Nach dem Sommerlager berichten die Eltern von weniger Ängsten und mehr Stabilität und die Kinder von positiven sozialen Erfahrungen. Auf Wunsch der Eltern hat die Ukrainische Down-Syndrom Organisation auch ein neues Online-Format erstellt, über das sich die Teilnehmenden austauschen und gegenseitig unterstützen können.

Sie können unsere Projektarbeit in der Ukraine mit einer Spende auf das Konto des Forums RGOW (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Ukrainehilfe“ unterstützen.

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